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Jahresrückblick_2018

Seite 55 Jahresrückblick_2018A

Von Patrick Radtke
m 13. Juli 2014 ist
die deutsche Fußball-Nationalmannschaft
auf
dem
Olymp angekommen. Mario
Götze schießt das entscheidende Tor gegen Argentinien.
Weltmeister. Zum vierten
Mal. Vier Jahre später, am 27.
Juli 2018, um genau zu sein,
gleicht das deutsche Nationalteam jedoch einem Scherbenhaufen.
Da sitzen sie, die deutschen
Fußballgrößen. Mesut Özil,
Antonio Rüdiger, Marco Reus
und Thomas Müller ­ auf der
Bank der Arena in Kazan. Von
Freude nichts zu sehen, ihre
Blicke sind leer, erfüllt von
Enttäuschung. Denn gerade
eben wurde Realität, was vorher kaum jemand für möglich
gehalten hatte. Deutschland
ist raus. Das Endspiel ­ diesmal um das Weiterkommen in
der Gruppenphase statt um
den WM-Titel ­ ging verloren.
Offensiv zeigte sich die
Mannschaft einmal mehr
harmlos. Nur über Flanken
und Kopfbälle strahlte sie Gefahr aus, doch Leon Goretzka
und Mats Hummels vergaben
freistehend und kläglich. Timo Werner blieb komplett abgemeldet und auch die eingewechselten Julian Brandt und
Thomas Müller und Mario
Gomez erzwangen kein Tor.
Vom Erspielen ganz zu
Schweigen. Anders die Südkoreaner. Mit zwei Toren in
der Nachspielzeit von Kim
Young-Gwon und Heung-Min
Son wird den Deutschen vor
Augen geführt, dass ihre Zeit
ganz oben vorbei ist. Sie sind
sang- und klanglos ausgeschieden.

D

abei schien die Hoffnung
nach dem Last-MinuteTreffer von Toni Kroos, der
trotz der vermeintlichen Anführerrolle ansonsten aber
genauso schwach spielt, wie
der Großteil der Mannschaft,
beim 2:1-Sieg gegen Schweden, noch so etwas wie eine
Initialzündung zu sein. Die
DFB-Elf hatte das Weiterkommen wieder in der eigenen
Hand. Und scheiterte kläglich. Es waren nicht einmal
internationale Top-Teams wie
der
spätere
Weltmeister
Frankreich oder die Brasilianer um Neymar und Co., die
die Endstation bedeuteten.
Nein, es waren Mexiko,
Schweden und Südkorea.
Drei Teams, die sicherlich
nicht zur Beletage des internationalen Fußballs gehören.
Doch gegen jenes pomades,
langsames und uninspiriertes
Deutschland bei der WM
2018 brauchten Sie das auch
gar nicht zu sein.

Später ­ nach einer Zeit des
Nachdenkens und der Rückendeckung durch den DFB
sagt Bundestrainer Jogi Löw,
dass Ausscheiden sei ein ,,absoluter Tiefschlag" gewesen.
,,Wir sind weit unter unseren
Möglichkeiten
geblieben
und haben zu Recht die
Quittung dafür bekommen". Diese kurze
Analyse ist noch untertrieben. Das Wort
,,meilenweit"
hätte
wohl besser gepasst.

L

öws
Entscheidungen vor und
bei der Weltmeisterschaft zogen
viel
Kritik
nach
sich.
Die Qualifikation mit
zehn Siegen
aus
zehn Spielen blendete.
Die Ausbootung von Leroy Sané kam überraschend ­ auch
wenn der ehemalige Schalker
im Nationaldress bisher nicht
überzeugte. In der englischen
Premier League hingegen wirbelte Sané die Gegner reihenweise durcheinander. Unter
der Regie von Pep Guardiola
erzielte er in 32 Spielen zehn
Tore und legte 15 weitere
vor. Am Ende der Spielzeit
wurde er zum besten jungen Spieler der Liga geehrt. Für Löw und seinen
erlesenen Kreis reichte es
trotzdem nicht.
Dabei war es nicht einmal
die Entscheidung für Julian
Brandt, der einer der wenigen Lichtblicke bei der Weltmeisterschaft war, die für
Aufschrei sorgte. Es war eher
das Festhalten an Spielern
wie Sami Khedira oder Julian
Draxler. Akteure, die in der
Vergangenheit wichtige Stützen waren, vor der WM aber
nicht durch ein besonderes
Formhoch auffielen.
Und dann war da noch der
Fall Mesut Özil, der wie auch
Ilkay Gündogan durch Fotos
mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan für Empörung sorgte.

A

uch der Glaube an den
von Löw so vorangetriebenen
Ballbesitzfußball
scheint retrospektiv betrachtet falsch ­ denn Erfolg hatten
eher die Mannschaften, die
über schnelle Gegenstöße
nach vorne agierten ­ wie
Frankreich und Kroatien.
Das hat mittlerweile auch
Löw erkannt und kroch ein
wenig zu Kreuze. ,,Ich hätte
die Mannschaft auf eine
sichere
Spielweise
ausrichten
müssen", räumte der

Bundestrainer ein. ,,Auf Strecke ist Ballbesitz wichtig,
aber in einem K.o.-Turnier
muss man sich anpassen können. Sein Fokus auf Ballbesitzfußball sei ,,fast schon arrogant gewesen".

M

it Spannung erwartet,
wurde daraufhin die
Analyse von Löw für das frühe Ausscheiden. Gerüchte um
einen radikalen Schnitt innerhalb der Mannschaft
machten die Runde.
Doch nichts da.
Löw blieb sich
treu
und
vertraute
weiter

den
Spielern, die
ihn jahrelang begleiteten. Mit einer
Ausnahme: Khedira. Der Legionär
von Juventus Turin
wurde gemeinsam
mit dem zum
Scouting versetzten Co-Trainer Thomas Schneider zu
einer Art Sündenbock. ,,Khedira hat
mit Freude und Stolz
für Deutschland gespielt. Ich habe ihm
aber gesagt, dass ich
Raum für Änderungen
schaffen will", so Löws
knappe Aussage. Dabei war Khedira einer
seiner treuen Wegbegleiter, zeitweise sogar
Kapitän
der
,,Mannschaft" und jemand, der
stets klare Worte fand ­ intern. Dass andere Akteure
genauso schwach spielten? Geschenkt.

D

as Umkrempeln der Nationalelf fiel zunächst
gering aus. Zwar nominierte
Löw für die ersten beiden
Länderspiele nach der WM
mit Nico Schulz, Thilo Kehrer
und Kai Havertz drei Neulinge in den Kader, auch Sané
kehrte zurück. Gegen den
frischgebackenen Weltmeister stand zum Auftakt
der neuen Nations League
jedoch
kein einzi-

ger davon in der Startelf. Hinten verteidigten erneut Jerome Boateng und Mats Hummels vor Manuel Neuer, auf
der Außenbahn spielte wieder Müller. Die einzige Änderung war, dass Joshua Kimmich nun im zentralen Mittelfeld agierte. Das torlose Remis wurde dennoch gelobt ­
bis ein weiterer Nackenschlag
des Fußballjahres 2018 folgte.
Mit dem in der Bundesliga bis
dahin torlos gebliebenen
Schalker Stürmer Mark Uth in
der Anfangsformation ging
Deutschland in den Niederlanden mit 0:3 unter und kassierte beim 1:2 gegen Frankreich und beim 2:2 im Rückspiel gegen die Niederlande
die nächsten Watschen.
Nach dem WM-Debakel also
auch noch der Abstieg aus
der Gruppe A. Demnächst
heißen die Gegner nicht
Frankreich oder England.
Stattdessen könnte es gegen
Teams wie Tschechien, Österreich, Wales oder Island gehen. Die deutsche Nationalmannschaft ist im Mittelfeld
angekommen.

S

pätestens mit dem so gut
wie feststehenden Abstieg
in der Nations League ist der
große Riese DFB ins Wanken
geraten ­ und Löw zu radikalen Maßnahmen gezwungen
worden, immer unter der Berücksichtigung, dass Löw
eher zu den Traditionalisten
unter den Fußballlehrern gehört. So ließ der gebürtige
Badener bei den letzten Länderspielen des Jahres schon
erkennen, wie er sich den
Wiederaufbau seiner Mannschaft vorstellt. Im Testspiel
gegen Russland wirbelten Sané, Serge Gnabry und Werner
den Gegner durcheinander.
Schnell machte der Begriff
der ,,drei Mopeds" die Runde
­ Stichwort Tempo. Dahinter
zog mit Kai Havertz das wohl
spannendste Talent im zentralen Mittelfeld die Fäden
und gegen Frankreich frischten mit Niklas Süle, Kehrer
und Schulz drei relativ neue
Gesichter die Abwehrreihe
auf. Boateng hingegen, fehlte
im Aufgebot.
Es scheint, als ob Löw sich
dazu durchgerungen hat,
nach und nach alte Zöpfe abzuschneiden. Zwar widerwillig und spät, aber doch noch
konsequent. Im Jahr 2019
steht erst einmal die Qualifikation zur Europameisterschaft 2022 an. Neben der
Niederlande kommt es zu Duellen
mit
Weißrussland,
Nordirland und Estland.
Klingt nach machbaren Aufgaben. Doch das dachten
wohl alle auch von Mexiko,
Schweden und Südkorea...

Das Jahr 2018 | 55

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