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Jahresrückblick_2018

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Von Martin von Braunschweig
berstaatsanwalt
Carsten
Dombert
wollte
erreichen,
dass die Richter den
29-jährigen Sergej W. wegen
Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilen. ,,Hanebüchenen Unsinn" und ,,ausgemachten Blödsinn" nannte
Dombert in seinem Plädoyer
die Tatversion des Angeklagten. Doch Sergej W. und seine
Verteidiger Carl Heydenreich
und Christos Psaltiras blieben
bis zuletzt dabei: ,,Die Bomben wurden absichtlich so gebaut, dass schwere oder sogar
tödliche Verletzungen ausgeschlossen waren." W. habe
nur Angst und Schrecken verbreiten und damit den Kurs
der BVB-Aktie in den Sinkflug
schicken wollen.
Für einen Unbeteiligten
klangen diese Sätze nur nüchtern und sachlich. All diejenigen, die an jenem 11. April
2017 bei der Abfahrt zum
Champions-League-Heimspiel gegen AS Monaco im
Mannschaftsbus des BVB gesessen hatten, dürften aus ihnen auch so etwas wie Zynismus herausgehört haben.
Noch im Januar vernahmen
die Dortmunder Richter Marc
Bartra als Zeugen. Der spanische Innenverteidiger war
von einem Bombensplitter
schwer am Arm verletzt worden und wirkte bei seiner Befragung völlig gehemmt. ,,Ich
hatte Todesangst", sagte er.
Letztendlich will er aus dem
tiefen Tal der Tränen aber gestärkt hervorgegangen sein.
Viele weitere Betroffene äußerten sich in den Wochen
und Monaten nach Bartras
Zeugenvernehmung ähnlich.
Doch es gab auch die anderen, die einzigartigen Momente. Die, in denen sich gestandene und öffentlichkeitserfahrene Fußballprofis wirklich verletzlich zeigten.

Gezeichnete BVB-Profis
,,Der Anschlag hat mein Leben verändert", sagte Torwart
Roman Weidenfeller und
räumte ein, seither psychologische Hilfe in Anspruch zu
nehmen. Und Matthias Ginter, der eisenharte Innenverteidiger, der später im Sommer nach Mönchengladbach
wechselte, konnte erst einmal
gar nicht sprechen. Weil er
weinen musste. Da war es
ganz still im Gerichtssaal.
Raphael Guerreiro sagte
auch nur ganz leise: ,,Es fällt
mir schwer, über dieses Thema zu sprechen." Und Thomas Tuchel, zum Zeitpunkt
des Anschlags Trainer von Borussia Dortmund, versteifte
sich gar darauf, wohl auch
heute noch im Amt zu sein,
wenn es diesen schrecklichen
Vorfall nicht gegeben hätte.
Und Sergej W.? Der wirkte

» Der Anschlag hat
mein Leben
verändert «
Roman Weidenfeller
auch in diesen emotionalen
Augenblicken wie immer. Abwesend, in sich gekehrt, als
trüge er eine Maske, die ihn
von der Außenwelt abschottete. Psychiater Frank Sandlos
und Psychologin Simone
Mussavi sagten den Richtern
im Mai, dieses Verhalten sei
Ausdruck seiner auffälligen
Persönlichkeit.
Sergej W. sei ein Perfektionist, einer, der viel von seinen
Mitmenschen und noch mehr
von sich selbst erwarte. ,,Er
steckt voller Misstrauen und
Feindseligkeit und pflegt eine
Abwehrhaltung
gegenüber
anderen Menschen", sagte
Mussavi. Und: ,,Dabei ist er
insgesamt
wenig
empathisch."

W. spricht nur wenig
Selbst geredet hat der 29-Jährige tatsächlich eigentlich immer nur dann, wenn es um
technische Details seiner
selbst gebauten Splitterbomben oder um Finanzgeschäfte
mit hoch spekulativen Optionsscheinen ging. Bei diesen
Themen kannte er sich aus.
Doch trotzdem endeten auch
diese Befragungen eigentlich
jedes Mal unbefriedigend.
Denn wenn Sergej W. redete, offenbarte er mit jeder einzelnen Silbe seine russische
Herkunft. Zwar ist er schon
als Teenager aus Tschelja-

binsk nach Deutschland gekommen und hat auch heute
nur noch einen deutschen
Pass. Doch sein Akzent klingt
hart und kalt wie Eis. Immer
wieder musste der Vorsitzende Richter Peter Windgätter
deshalb eingreifen: ,,Tut mir
leid, ich kann Sie nicht verstehen."
Auf dem Höhepunkt der
Kommunikationsprobleme
kam es kurz vor den Plädoyers zu einem denkwürdigen
Verhandlungstag. Sergej W.
sollte den Richtern schildern,
welchen Sprengstoff er in
welcher Menge in die Bomben gefüllt hatte. Doch keiner
konnte seinen Ausführungen
folgen. Die Stimmung wurde
immer gereizter. Rechtsanwalt Alfons Becker, der im
Prozess die Interessen von
Borussia Dortmund vertrat,
verdrehte irgendwann die Augen und meckerte: ,,Ich verstehe nichts, ich verstehe ihn
einfach nicht." So lange, bis
die Dolmetscherin Helena
Pankraz gebeten wurde, die
Aussagen des Angeklagten zu
übersetzen.
Doch was machte Sergej
W.? Er weigerte sich, Russisch
mit der Dolmetscherin zu
sprechen. Also sagte er einen
deutschen Satz, Pankraz ­
ganz pflichtbewusst ­ wiederholte ihn noch einmal auf
Deutsch, und irgendwann
hatten alle die Nase voll und
brachen die Befragung ab.
,,Er kann sich im Russischen
einfach kaum noch ausdrücken", sagte die Dolmetscherin später. Einen echten Zugang zu dem Angeklagten habe daher auch sie in all der
Zeit nicht bekommen.
Dass die Verhandlung so
viele Monate dauerte, hing im
Wesentlichen mit zwei Gutachten zusammen, die die
Richter erst nachträglich erstellen ließen, was mehrere
Wochen dauerte. Als die Experten des Fraunhofer Insti-

tuts endlich fertig waren,
schwanden die Hoffnungen
des Angeklagten, mit seiner
Motiv-Version durchzukommen gegen Null.

Tödliche Sprengsätze
,,Hoch gefährlich und potenziell tödlich" seien die
Sprengsätze gewesen, so die
Sachverständigen im Oktober. Es sei wohl nur dem Zufall zu verdanken, dass bei
der Explosion nicht der gesamte Sprengstoff in die Luft
flog, sondern es zu einer Verpuffung kam. Trotzdem hätten die in den Sprengsätzen
verborgenen Metallstifte jederzeit verheerende Wirkung
entfalten können. Eins der
Schrapnelle war immerhin in
der Kopfstütze neben dem
Sitz von Marc Bartra stecken
geblieben.
Vor allem aber sagten die
Gutachter einen entscheidenden Satz: ,,Die Bomben waren
nicht kontrollierbar." Das
war's.

» Es fällt mir
schwer, über dieses
Thema zu
sprechen. «
Raphael Guerreiro
Eine ähnliche Formulierung
wählte am 27. November
auch Peter Windgätter in der
Urteilsbegründung. Die Kammer bestrafte Sergej W. wegen versuchten Mordes in 29
Fällen, beließ es aber bei einer Haftstrafe von 14 Jahren.
Noch einmal schilderte der

Vorsitzende Richter die skrupellose und hinterhältige Tat.
Er verwies auf die Aussagen
der Zeugen und sagte, es sei
für ihn eine besondere Erfahrung gewesen, die Männer,
die er sonst nur aus dem
Fernsehen kenne, als Menschen mit echten Gefühlen
kennenzulernen.
Anders als Oberstaatsanwalt Carsten Dombert wollte
die Dortmunder Schwurgerichtskammer den Angeklagten aber nicht genauso bestrafen wie einen wirklichen
Mörder. Allein schon der Umstand, dass sich Sergej W. bemüht habe, mit dem Gericht
über die Tat und die Bomben
zu sprechen, spreche für ihn.
Deshalb sahen sie von lebenslanger Haft ab.
Eine Woche nach dem Urteil stand fest, dass das Verfahren noch nicht beendet
und die Akten noch nicht geschlossen werden können. Sowohl der Angeklagte als auch
die Staatsanwaltschaft legten
fristgemäß Revision gegen
das Urteil ein. Wenn sie es
sich in den kommenden Wochen nicht noch anders überlegen, wird der Fall also auch
noch den Bundesgerichtshof
in Karlsruhe beschäftigen.
Bis dahin dürfte klar sein,
dass Sergej W. weiter in Nordrhein-Westfalen eingesperrt
bleibt.
Sein
sehnlicher
Wunsch, näher an seine Familie aus Baden-Württemberg
heranzukommen, wird ihm
erst erfüllt, wenn das Urteil
rechtskräftig ist. Im Bochumer Gefängnis ,,Krümmede",
wo der 29-Jährige während
des gesamten Prozesses saß,
durfte er zu Beginn nicht einmal zusammen mit den anderen Gefangenen zur Freistunde in den Hof gehen. Angeblich wurde für Sergej W. deshalb eine Art Käfig in den Hof
gebaut, in dem er geschützt
vor Übergriffen seine Pausen
verbrachte.

Der Angeklagte Sergej W. steht im Gerichtssaal des Landgerichts neben einer Dolmetscherin. W. spricht zwar Deutsch, aber
seine Aussagen sind nur schwer zu verstehen.
FOTO: DPA/ MONTAGE(L.): HASKEN

Das Jahr 2018 | 51

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