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Jahresrückblick_2018

Seite 35 Jahresrückblick_2018FOTO RICHARD CAREY - STOCK.ADOBE.COM

Jährlich 10
Millionen
Tonnen

Müllkippe Meer
Plastik ist leicht, vielseitig, billig, in unserem Alltag allgegenwärtig ­ und es macht
Müll. Viele glauben, dass Recycling das Problem löst. Aber das stimmt nur teilweise.

A

Von Teresa Dapp
ls Umwelt-Thema ist
Plastik ,,in". Bilder
von
zugemüllten
Meeren schockieren
die Deutschen. Supermärkte
werben damit, dass sie Einweg-Strohhalme und -Besteck
aus den Regalen nehmen und
Kunststofftüten von den Kassen verbannen. Dabei fühlen
sich die meisten Deutschen
eher wenig verantwortlich für
die Plastikmüllberge in den
Meeren. Schließlich wird
hierzulande Müll getrennt
und wiederverwertet. Und
auch die Abfall-Branche, die
Politik und Umweltverbände
sind sich einig: Beim Thema
Wiederverwertung
ist
Deutschland im weltweiten
Vergleich ganz vorn. ,,Weltmeister", sagt Bundesumweltministerin Svenja Schulze.
Aber auch das deutsche Recyclingsystem hat Schwächen. Manches ändert sich
schon nächstes Jahr ­ anderes
nicht. Eine Auswahl:

1

Nicht jedes Plastik ist recycelbar ­ oder wird recycelt.
Es gibt viele unterschiedliche
Plastiksorten, nicht aus allen
wird wieder ein Nutzgegenstand. Benjamin Bongardt
vom Nabu nennt das Beispiel
PET: Flaschen aus Polyethylenterephthalat können wieder Flaschen werden, PETSchalen als Verpackung für
Obst werden dagegen nicht
recycelt. Auch Folien seien
schwierig, vor allem kleinere:
Dafür gebe es bisher wenige
Anlagen, erklärt Bongardt.
Und: Verbrennen sei billiger
als wiederverwerten, sagt
Stephan Eing, Chef der Hubert Eing Kunststoffverwer-

tung aus Gescher im Münsterland. Er recycelt daher so viel,
wie vorgeschrieben: 36 Prozent. Vom gesamten Plastikmüll werden laut Ministerium
rund 45 Prozent ,,stofflich
wiederverwertet", also nicht
verbrannt. Das neue Verpackungsgesetz erhöht ab 2019
die Quoten, 2022 sind 63 Prozent vorgesehen.

für schlecht recycelbare Verpackungen mehr Lizenzgebühren verlangen als für andere.

3

Nicht das ganze Plastik landet im Recycling-System.
Viele wissen gar nicht, dass
sie in die gelbe Tonne oder
den gelben Sack nur Verpackungen werfen dürfen. Also
zum Beispiel keine Strohhalme, aber die Folie um die Halme schon. Immerhin ist der
Anteil hoch: ,,40 Prozent aller
Kunststoffe gehen in die Verpackung", sagt Bongardt,
,,und Verpackungen werden
sofort zu Müll." Darum steht
Verpackungsmüll oft so im
Fokus. Der Rest allerdings
landet im Restmüll, der nur
vereinzelt noch mal sortiert
wird, die Regel ist Verbrennung. Eine orangene Wertstofftonne, in die jedes Plastik

2

Manchmal geht Design vor
Umwelt.
Eine Waschmittelflasche wird
schwarz gefärbt, eine Shampoo-Flasche ist komplett von
einer dünnen bedruckten Folie umschlossen. Das mag gut
aussehen ­ erschwert oder
verhindert aber oft das Recycling, weil die Maschinen das
Material nicht erkennen und
sortieren können. Ab 2019
müssen deswegen die Dualen
Systeme von den Herstellern

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Verbot für Einweg-Plastik
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Das Aus für Plastikteller,
Strohhalme und andere
Kunststoff-Wegwerfprodukte in Europa ist beschlossene Sache. Der Rat
und das Parlament der EU
haben sich im Dezember
auf eine europaweite Plastikstrategie geeinigt.

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Einwegprodukte, für die es
umweltfreundlichere Alternativen gibt, werden voraussichtlich Anfang 2021
vom Markt genommen.

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Dazu gehören Wattestäbchen, Einweggeschirr, Trinkhalme und Luftballonstäbe.
Die Mitgliedstaaten müssen
dies durchsetzen.

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Außerdem gibt es weitere
Auflagen für Plastikflaschen: Ab voraussichtlich
2026 dürfen Getränkebehälter aus Kunststoff nur vertrieben werden, wenn die
Verschlüsse und Deckel am
Behälter befestigt sind.

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Der Verbrauch von Einwegprodukten, für die es bislang keine nachhaltigere Alternative gibt, soll spürbar
reduziert werden.

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Bestimmte Einwegprodukte
mit einem gewissen Kunststoffgehalt müssen gekennzeichnet werden. So soll auf
die Umweltauswirkungen
hingewiesen werden.

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(und Metall) hinein darf, erhöht den Anteil. Es gibt sie
aber nur, wo sich Kommunen
und Duale Systeme darauf
verständigen.

4

Irgendwann ist Schluss mit
Recycling.
Bei manchen Kunststoffarten,
insbesondere bei PET-Flaschen, ist ein geschlossener
Kreislauf möglich, aber die
Regel ist das nicht. Recycling
ist oft ,,Downcycling": Aus
PET-Einwegflaschen
wird
dann zum Beispiel doch keine
neue Flasche, sondern Fasern
für die Textilindustrie, die
nicht erneut wiederverwertet
werden können. Die Plastiksorten PE und PP, also die
mehrheitlich eingesetzten Polyolefine, verlieren bei jeder
Behandlung an Qualität, erklärt Rolf Buschmann von der
Umwelt-Organisation BUND.

5

Das System hat Schwächen.
Die verschiedenen Verpackungsmüll-Entsorger ­ die
Dualen Systeme ­ stehen in
Konkurrenz zueinander. Immer wieder gibt es Klagen
über ,,schwarze Schafe", die
rechtliche Schlupflöcher nutzen und Billig-Angebote auf
Kosten der anderen machen.
Für Streit sorgt unter anderem Verpackungsmüll etwa
aus dem Online-Versandhandel, für den niemand Lizenzgebühren gezahlt hat. Hier
soll die zentrale Stelle, eine
neue Behörde, ab 2019 für
mehr Transparenz sorgen.

Perfekt läuft das Recycling
in Deutschland also auch
nicht. Wichtig ist Umweltschützern deswegen eine Botschaft: Deutschland ist nicht

Weit mehr als 100 Millionen Tonnen Plastikmüll
verseuchen bereits die
Weltmeere ­ und jährlich
kommen geschätzt weitere
10 Millionen Tonnen hinzu.
Viele Plastikpartikel stammen von Schiffen und aus
der Fischerei oder gelangen
über kommunale Abwässer
ins Meer ­ wie Mikroplastik
aus Kleidung oder Kosmetikprodukten.
Strömung
und Wind sorgen für die
globale Verteilung. Eines
der größten Probleme: Es
dauert mehrere Hundert
Jahre, bis sich die Kunststoffe zersetzen. Dabei gelangen Gifte in die Meeresumwelt.
Für viele Meeresbewohner wird Plastikmüll zur
unmittelbaren Bedrohung:
Sie verheddern sich in illegal entsorgten Fischernetzen oder Langleinen und
kommen qualvoll ums Leben. Schildkröten verwechseln Plastiktüten mit Quallen, ihrer natürlichen Nahrung, und ersticken. Seevögel verschlingen Zahnbürsten oder Spielzeug und verhungern mit vollem Magen
oder sterben an inneren
Verletzungen.
Ist der Müll im Laufe der
Zeit in mikroskopisch kleine Partikel zerfallen, drohen weitere Gefahren.
Denn sie binden Schadstoffe an ihrer Oberfläche und
transportieren sie in die
Nahrungskette ­ letztlich
auch mit Folgen für den
Menschen, der das Gift
durch den Verzehr von Fischen und Meeresfrüchten
aufnimmt.
nur ganz vorn bei der Wiederverwertung, sondern auch
beim Müll-Aufkommen. Etwa
sechs Millionen Tonnen Plastikmüll fallen pro Jahr insgesamt an. ,,Das Problem liegt
am Anfang der Kette", sagt
Buschmann vom BUND.
,,Brauchen wir so viel Einweg,
so viele komplizierte Verpackungen?" Recycling sei
wichtig ­ aber an erster Stelle
müsse stehen, den Müll zu
vermeiden.

Das Jahr 2018 | 35

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