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Jahresrückblick_2018

Seite 3 Jahresrückblick_2018Klima des Wandels
Gesellschaft zurück. Auf die
entscheidenden Zukunftsfragen finden die einstigen
Volksparteien keine Antwort.
Das ist im Übrigen nicht die
Frage der Migration! Sondern
das sind Klimawandel und
Energiewende,
Digitalisierung und Umgang mit künstlicher Intelligenz, Veränderung der Arbeitswelt und der
soziale Zusammenhalt einer
Gesellschaft.
Der politische Umgang mit
dem größten Betrugsfall in
der deutschen Geschichte
steht beispielhaft für den Zustand der politischen Mehrheit im Bundestag: Erst verschläft die deutsche Automobilindustrie den Wandel hin
zu klimafreundlichen Antriebselementen, dann betrügt sie mit einer Schummelsoftware, um die Verbrennungsmotoren als klimafreundlich testieren zu lassen.
Lug und Trug. Und die Bundesregierung findet nicht die
richtigen Werkzeuge, um dem
Skandal zu begegnen.
Wie sie überhaupt bei der
Energiewende halbherzig verantwortungslos agiert. Nur
ein Beispiel: Längst kann in
der Nordsee Strom in beachtlicher Menge gewonnen werden. Der Strom kann nicht
vollumfänglich genutzt werden, weil die notwendigen
Trassen noch Jahre in Genehmigungsverfahren
feststecken.
Dabei geht es auch anders:
Als nach der Wiedervereinigung die Infrastruktur in den
neuen Bundesländern aufgebaut werden musste, erließ
der Bundestag das sogenannte ,,Verkehrswegeplanungsbeschleunigungsgesetz".
Ein
fürchterlich sperriger Begriff,
der ein Ziel beschreibt: Um

Infrastrukturprojekte innerhalb von zehn Jahren möglich
zu machen, wurden Planungsverfahren vereinfacht ­
ohne die Grundrechte der
Bürger zu beschneiden. Die
politische Begründung damals: Die Wiedervereinigung
sei eine solche Ausnahmesituation und die Anpassung der
Lebensbedingungen der Menschen in Ost und West eine
solche Notwendigkeit, dass
Ausnahmeregelungen
zu
rechtfertigen
seien.
Vor
knapp 30 Jahren ging es ,,nur"
um das Zusammenwachsen
von zwei Staaten. Beim Klimawandel geht es um die Lebensgrundlage künftiger Generationen.
Es gibt keine zwei Meinungen mehr: Um den Planeten
ist es schlecht bestellt. Der
heiße Sommer in Deutschland mit anhaltender Dürre
war mehr als ein Vorbote eines sich beschleunigt ändernden Klimas. Es gab glühende
Böden, statt blühender Landschaften. Unwetter mit verheerenden Folgen, Tornados
und Orkane. Regelmäßig.
Auch in Deutschland.
Als der Wasserstand des
Rheins so niedrig war, dass
Benzin und Kohle kaum noch
transportiert werden konnten
und der Sprit an den Tankstellen ausging, konnten pathetisch Veranlagte das als eine Mahnung der Natur verstehen. Schluss mit den Klimakillern. Mit der Dürre entzieht die Natur den Menschen
die Transportmöglichkeiten
der
Kohlendioxid-Schleudern.
Das ist natürlich Fabel. Was
passierte wirklich? Zeitgleich
stritt die Politik um den Hambacher Forst, ließ die Baumhausprotestanten entfernen
und ein Gericht stoppte die
Rodung ­ wegen ein paar bedrohter Tiere. Das symbolisiert den ganzen Irrsinn der
Energiewende-Debatte
in
Deutschland. Die Fledermaus
soll es richten. Initiiert von
Gerichten, die Jahre nach politischen Beschlüssen Notbremsen ziehen dürfen. So ist
Zukunft nicht zu gestalten.
Natürlich muss die Energieversorgung an den Industriestandorten gesichert werden.
Natürlich muss auch ein Ende
des Braunkohleabbaus für die
Beschäftigten sozialverträglich gestaltet werden. Aber
genauso natürlich ist, dass ein
,,weiter so" der Planet auf
Dauer nicht aushält.
Die
Industrienation
Deutschland kann allein die
Erde nicht retten. Aber sie hat
die wirtschaftliche Stärke und
die Expertise, um Beispiel zu

geben. Abzuwarten bis Polen
und China Modellländer im
Umgang mit Umweltverschmutzung und Energiewandel sind, darf nicht die Alternative sein.
Deutschland fährt dennoch
lieber auf Sicht: Die Bundespolitik war in der Lage, sich
über Monate mit einer unsinnigen Seehofer-Debatte über
den Umgang mit einem kleinen Anteil von Flüchtlingen
lahmzulegen. Die gleiche
Energie für die Energiewende
aufgebracht ­ wir wären am
Ende des Jahres 2018 deutlich weiter. Das gilt für Elektromobilität wie für die Energiegewinnung. Stattdessen:
Entsetzen über Diesel-Fahrverbote.
Das gilt aber auch für uns
selbst. Die Ozeane spülen unerbittlich zurück an Land,
was wir in ihnen entsorgen.
Die Bilder von Plastikmüll an
den Stränden haben sich ins
Gedächtnis vieler eingegraben. Nur mit dem Verzicht auf
Plastik-Trinkhalme ist es aber
nicht getan.
Das Prinzip der Nachhaltigkeit, das die Waldbauern in
vergangenen Jahrhunderten
so bewusst (vor)gelebt haben,
ist aus dem Gleichgewicht geraten. Die Forstbesitzer wollten nicht auf Pump leben,
sondern nur das verbrauchen,
was in gleichem Maße nachwächst wie es verbraucht
wird.
Daraus ist als Messgröße
der ökologische Fußabdruck
geworden, den die Menschheit auf der Erde hinterlässt.
Er beschreibt, wie groß eigentlich die Erde sein müsste,

damit sie all das, was Menschen verbrauchen und anrichten, wieder auf- bzw. abbauen kann. Klare Erkenntnis: Für den ökologischen
Fußabdruck, den die Menschheit Jahr für Jahr hinterlässt,
ist die Erde viel zu klein.
Am 1. August 2018 waren
weltweit die natürlichen Ressourcen so weit verbraucht,
dass sie sich bis zum Ende
dieses Jahres nicht mehr regenerieren konnten. So früh
wie nie seit es den ökologischen Fußabdruck als Berechnungsgröße gibt. Die USA gehen besonders verantwortungslos mit der Ressource
Erde um. Aber auch Deutschland ist kein Nachhaltigkeitsstaat: Würden weltweit Ressourcen wie in Deutschland
verbraucht, wäre nicht der 1.
August, sondern bereits der 2.
Mai der Tag gewesen, an dem
die Erde mit der Regeneration
überfordert gewesen wäre.
Die zunehmende Erderwärmung ist Fakt. Das Pariser
Weltklimaabkommen, immerhin um ein Regelwerk im Jahr
2018 vervollständigt, ist ein
kleiner, erster Schritt im
nachhaltigen Umgang mit der
einen Erde, die es für uns
Menschen gibt. Es ist zugleich
Mahnung für jeden einzelnen
von uns im täglichen Handeln.
An Silvester feiert die Welt,
dass sich das Datum ändert.
Es ist die Sehnsucht der Menschen nach Neuem. Zugleich
schwingt die Hoffnung mit,
Dinge hinter sich lassen,
Schlechtes zu einem Besseren
wandeln zu können.
Im vergangenen Jahr haben

wir unseren Jahresrückblick
,,ZEITENwende" mit dem Ausblick für 2018 ,,WENDEzeiten" überschrieben. In diesem
Jahr haben wir uns für ,,Zeit
der Befindlichkeiten" für das
zu Ende gehende Jahr und
,,Keine Zeit für Befindlichkeiten" für das neu anbrechende
Jahr 2019 entschieden.
Auf 64 Seiten hat die Redaktion viele Ereignisse des
Jahres 2018 aufgearbeitet.
Dabei haben wir festgestellt,
wie intensiv dieses Jahr war:
Egal ob die Ereignisse im politischen Berlin, das Auseinanderfallen der Wertegemeinschaft Europäischer Union
mit dem drohenden Brexit,
aber auch dem nationalstaatlichen Denken besonders im
Südosten Europas, den nicht
enden wollenden Eskapaden
Donald Trumps einschließlich
des Handelskrieges zwischen
den USA und China ­ das
Jahr 2018 lässt eine aufgewühlte, instabile Welt zurück.
Mahatma Gandhi formulierte einst den Satz: ,,Die Zukunft hängt davon ab, was
wir heute tun."
Zukunft braucht Zuversicht.
Aber Zuversicht bedingt Mut
und Entschlossenheit. Ringen
wir gemeinsam um neue Wege im Umgang mit der Natur.
Aber nicht nur fordernd, sondern uns in Prozesse einbringend.
Ich wünsche Ihnen viel
Freude beim Lesen des Jahresrückblicks. Vor allem aber
wünsche ich Ihnen ein gutes
Jahr 2019 für Sie persönlich
und die Menschen, die Ihnen
wichtig sind.

Ausgetrocknetes Rheinufer in Köln: Mit 79 Zentimetern ist der Pegel des Stroms im Oktober
unter den bisher niedrigsten Pegel von 81 Zentimetern im Jahr 2003 gefallen.
FOTOS: DPA/ FOTO TITELSEITE: CYBERSHOT800I/ ILLUSTRATION SCHLUSSSEITE: SCHMIDT

Das Jahr 2018 | 3

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