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Jahresrückblick_2018

Seite 23 Jahresrückblick_2018Vom ,,Agententhriller"
zur internationalen Krise
Es fing an wie ein James-Bond-Film und
landete schließlich auf der politischen
Weltbühne. Das Nowitschok-Attentat in
Salisbury lässt viele Fragen offen. Eine
davon: Wieso traf es ausgerechnet Skripal?
Von Silvia Kusidlo
und Friedemann Kohler
er ehemalige russische Doppelagent
Sergej Skripal und
seine aus Moskau
eingeflogene Tochter Julia genießen am 4. März das Beisammensein im englischen
Salisbury. Die Ehefrau an
Krebs gestorben, der Sohn an
Leberversagen: Die Familie
ist zusammengeschrumpft.
Vater und Tochter reden viel,
gehen Essen, schlendern
durch die Stadt ­ und brechen plötzlich zusammen.
Sie werden bewusstlos auf
einer Parkbank gefunden,
dem Tode nahe. Erst Wochen
später wachen Vater und
Tochter in einem Krankenhaus der idyllischen Kleinstadt auf. Die beiden erfahren: Russen sollen auf sie einen Anschlag mit dem extrem
gefährlichen Nervengift Nowitschok verübt haben, das
einst in der Sowjetunion entwickelt worden war.
Aus einem Anschlag entwickelt sich im Rekordtempo eine schwere diplomatische
Krise ­ ohne Zeichen der Entspannung für 2019.
Aber warum ist ausgerechnet auf Sergej Skripal ein solches Attentat verübt worden?
Für den BBC-Journalisten
und Historiker Mark Urban

D

war Skripal als Agent eher ein
kleiner Fisch. Urban wollte
ein Buch über Spionage
schreiben und hatte dafür im
Sommer 2017 zehn Stunden
lang den ehemaligen Agenten
in Salisbury interviewt. Sein
Urteil: ,,Skripal war nicht besonders aktiv als Spion." Der
Doppel-Agent des russischen
Militärgeheimdienstes GRU
habe weniger aus ideologischen Gründen gehandelt,
sondern sei eher scharf aufs
Geld gewesen.
Reich scheint er damit nicht
geworden zu sein. Skripals
Haus in Salisbury sei bescheiden, berichtete Urban. Notizen für die Briten soll er mit
Geheimtinte geschrieben haben. Er flog 2004 auf und
wurde in Russland zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt. Im
Rahmen eines Gefangenenaustausches kam er schließlich 2010 nach England.
,,Wir haben Angst vor Putin", sagte Skripal im Interview. Sein eigenes Risiko
schätzte er als gering ein.
Möglicherweise, so Urban,
wollte der russische Präsident
mit dem Anschlag einfach eine Warnung an seine Landsleute abgeben: Lasst euch
bloß nicht mit dem Westen
ein! Denn es gibt auch Berichte, dass der Exilant Skripal
sein Wissen an Geheimdiens-

te in Estland oder Tschechien
weitergegeben haben könnte.
Während die Skripals das
Attentat überlebten, kam vier
Monate später eine andere
Frau durch Nowitschok zu Tode. Ihr Freund hatte nach eigenen Angaben in Salisbury
einen Flakon mit dem Gift gefunden, das er für Parfüm
hielt und seiner Partnerin
schenkte. Sie starb qualvoll.
Wer durch Grünflächen in der
Stadt geht, hört noch heute
die Rufe besorgter Eltern zu
ihren Kindern: ,,Heb` hier
nichts auf!"
Ein halbes Jahr nach dem
Attentat auf die Skripals benannte die Polizei zwei Russen als Verdächtige. Sie hatten sich in der Nähe von Skripals Haus aufgehalten, wie
Videoaufnahmen zeigten. In
ihrem Hotel in London wurden Spuren des chemischen
Kampfstoffs nachgewiesen.
Sie selbst gaben sich in einem
Interview des russischen
Staatssenders RT als Geschäftsleute aus, die nur als
Touristen in England waren.
Alexander Petrow und
Ruslan
Boschirow
nannten sie sich.
Doch kurze Zeit

» Der Heilungsprozess
ist extrem
schmerzhaft
gewesen. «
Julia Skripal

später enttarnten Internetrecherchen sie als Alexander
Mischkin und Anatoli Tschepiga, ranghohe GRU-Offiziere. Beide hatten in den vergangenen Jahren mehrfach
Westeuropa besucht.
Eine Pleite für den Militärgeheimdienst? Oder ein kalkuliertes Risiko? ,,Es ging bei
dieser Operation darum, einen Verräter zu töten und
London ein Signal zu schicken. Da war das Aufsehen
eher Teil des Plans als ein
Fehler", schrieb der Experte
Mark Galeotti in der Zeitschrift ,,Foreign Policy". Die
Spur sollte nach Moskau führen.
Weniger einkalkuliert war
wohl, dass findige Geister in
Moskau dann weitere Passnummern, Meldedaten und
Kfz-Register verknüpften. So
wurden die Namen von etwa
300 mutmaßlichen GRUAgenten öffentlich.
Russland bleibt dabei, dass
es mit dem Anschlag nichts
zu tun hat. Und für jeden russischen Diplomaten, der wegen Skripal aus
Großbritannien,
Deutschland,
den USA und
anderen Ländern ausgewiesen wurde, schickte
auch Russland einen
westlichen
Diplomaten
nach Hause.

FOTOS: DPA

Ein dutzendfaches Zug um
Zug. Schärfere Sanktionen
der USA stehen noch aus,
denn Washington hat das Nowitschok-Attentat als Einsatz
verbotener Chemiewaffen gewertet ­ wie im Kriegsgebiet
Syrien.
Die westlichen Reaktionen
gegen Russland fielen deutlich schärfer aus als nach dem
grausamen Mord an dem saudischen Journalisten Jamal
Kashoggi in Istanbul Anfang
Oktober. Denn vor allem für
die USA ist das Königreich
Saudi-Arabien ein wichtiger
Handels- und Bündnispartner.
Und die Skripals? Sie sind
wie vom Erdboden verschwunden, von Spezialisten
in Sicherheit gebracht. Zuletzt meldete sich Julia Ende
Mai in einem TV-Interview zu
Wort. An ihrem Hals war eine
große Narbe zu erkennen,
denn wochenlang musste sie
über einen Schlauch in der
Luftröhre beatmet werden.
Der
Heilungsprozess
sei
,,langsam
und
extrem
schmerzhaft" gewesen, berichtete sie. Chronische oder
spätere Schäden durch das
Nervengift seien nicht ausgeschlossen, sagte der deutsche
Chemiker Ralf Trapp, der als
unabhängiger Berater auch
für die Organisation für ein
Verbot der Chemiewaffen
(OPCW) arbeitete.
Ob Julia Skripal jemals wieder in ihre Heimat reisen
wird? Schon möglich, meint
Urban. ,,Julia hat ihren
Freund und Hund in Russland
zurückgelassen." Aber: ,,Sergej Skripal wird niemals zurückkehren."

Das Jahr 2018 | 23

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