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Jahresrückblick_2018

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er Albtraum endet im August: Mesale Tolu (Foto) ,
deutsche Journalistin und
Übersetzerin, darf nach der
Anklage wegen Terrorvorwürfen, UHaft und Zwangsaufenthalt in der
Türkei das Land verlassen. Der Fall
hatte, zusammen mit dem des ein
Jahr lang inhaftierten ,,Welt"-Reporters Deniz Yücel (Foto) und des Menschenrechtlers Peter Steudtner, die
Beziehungen zur Türkei auf Eiseskälte abkühlen lassen. Der 33-jährigen
Tolu und ihrem Ehemann werden
Mitgliedschaft in der linksextremen
Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei MLKP vorgeworfen,
die in der Türkei als Terrororganisation gilt. Letztlich kommt Tolu frei,
später auch ihr Mann.
Der Fall Tolu zeigt, dass sich die Interessenslage in der Türkei geändert
hat. Hauptgrund: ,,Die Türkei
braucht Freunde ­ und unter
Umständen bald sehr konkrete wirtschaftliche Hilfestellungen", sagt Kristian
Brakel, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul, der die Menschenrechtsfälle
aufmerksam beobachtet. ,,Zum Beispiel, was die Kreditfreigaben großer internationaler
Finanzorganisatio-

E

in Skandal um ein Foto, Enttäuschungen, ein gefallener
Liebling der Massen ­ das ist
der Rahmen für ein oft unwürdiges Spektakels, das an einem
Abend im Mai seinen Anfang nahm.
Im Londoner Hotel Four Seasons veranstaltet die Partei des türkischen
Präsident Recep Tayyip Erdogan ein
Charity-Dinner. Geladen sind auch
die Fußball-Profis Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Die Jungs aus dem
Ruhrpott mit türkischen Wurzeln lassen sich mit dem umstrittenen Politiker ablichten, überreichen Trikots.
Gündogan schreibt auf seines ,,für
meinen verehrten Präsidenten, hochachtungsvoll".
DFB-Präsident Reinhard Grindel reagiert schnell: Man respektiere die
besondere Situation der Spieler mit
Migrationshintergrund. ,,Aber der
Fußball und der DFB stehen für Werte, die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden". Einhellig
ist das Urteil aus der Politik. Von
rechts außen kommt schnell die Forderung, das Duo aus der Nationalmannschaft zu werfen. Bundestrainer Joachim Löw spricht von einer
unglücklichen Aktion, macht aber
deutlich, dass beide mit zur WM fahren sollen.
Das historisch sportliche WMScheitern hat primär nichts mit Özil
und Gündogan zu tun. Özil hat sogar

nen angeht." Hintergrund ist der zu
diesem Zeitpunkt dramatische Verfall
der Lira. Die Inflation erreicht in der
Türkei immer neue Höhen. Denn der
Streit mit den USA um Andrew Brunson, einen Pastor, den die Türkei zu
dem Zeitpunkt wegen Terrorvorwürfen festhält, entgleitet. US-Sanktionen verunsichern Märkte und Investoren ­ plötzlich ist die Rede vom
,,Wirtschaftskrieg".
Ein unerwartetes Resultat davon war
die Kehrtwende der Türkei Richtung
Europa. Plötzlich darf Tolu ausreisen.
Plötzlich kommt mit Taner Kilic ein
türkischer Repräsentant der in London beheimateten Menschenrechtsorganisation Amnesty International
frei. Plötzlich dürfen zwei griechische Soldaten aus dem Gefängnis,
deren Inhaftierung das Verhältnis
zwischen Griechenland und der
Türkei ähnlich belastet hatte
wie die Fälle Yücel, Steudtner
und Tolu das deutsch-türkische. Komplizierter sind da die
Verhandlungen für die Entlassung von Deniz Yücel. Monatelang bewegt sich kaum etwas
im Fall des in der
Türkei inhaftierten
Journalisten. Geheimdiplomatie
spielt wohl ei-

ne Rolle, dass Yücel nach mehr als einem Jahr in Haft am 16. Februar das
Land verlassen kann. Schnell kommt
der Vermutung auf, es habe dafür einen ,,Deal" mit der Türkei gegeben.
Doch der damalige Außenminister
Sigmar Gabriel betont, dass der Türkei für die Freilassung keine Gegenleistungen zugesagt worden seien:
,,Ich kann Ihnen versichern, es gibt
keine Verabredungen, Gegenleistungen oder, wie manche das nennen,
Deals in dem Zusammenhang." Wohl
aber hat der frühere Bundeskanzler
Gerhard Schröder (SPD) geholfen,
,,Türen aufzumachen in Istanbul", so
Gabriel. So habe Schröder direkt bei
Erdogan um die Freilassung Yücels
gebeten. Teil der im Geheimen geführten Verhandlungen sei auch ein
Treffen Schröders mit Erdogan im Januar gewesen. Bislang war die Reise
vor allem mit der Freilassung
des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner in
Verbindung gebracht worden. Dieser war im Oktober
2017 aus der Untersuchungshaft entlassen worden ohne dass eine
Ausreisesperre
verhängt wurde.
Steudtner konnte das Land am
Tag darauf verlassen.

mit die besten statistischen Werte im
schwachen deutschen Team ­ und
wird doch von vielen zum WM-Buhmann gestempelt.
Der DFB-Boss gießt verbal Öl ins
Feuer und gibt die Forderung aus:
Özil müsse sich nun endlich erklären.
Eine Woche nach dem WM-Finale
kommt das von Grindel geforderte
Özil-Statement, aber es sieht ganz
anders aus, als dieser es erwartet hat.
In einer Social-Media-Offensive
rechnet Özil ab. ,,Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse
nicht mehr für Deutschland auf inter-

nationaler Ebene spielen, so lange ich
dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre", endet das
Statement.
Der
Rassismus-Vorwurf
wiegt
schwer. Özil steht stellvertretend für
hunderttausende Deutsche türkischer Herkunft und deren angebliche
Integrationsprobleme.
Haften bleibt der große Zorn Özils,
vom DFB in schweren Stunden allein
gelassen worden zu sein und beim
DFB die Enttäuschung, dass der vermeintliche Prototyp der gelungenen
Integration einem plötzlich so fremd
vorkommt.

Plötzlich geht alles schnell

Auslöser des Dramas: Mesut Özil überreicht Erdogan ein Trikot.

FOTO: DPA

Das Jahr 2018 | 21

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