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Jahresrückblick_2018

Seite 2 Jahresrückblick_2018Ein wachsendes
sammen und ist dem europäischen Gedanken zutiefst verpflichtet. Innenpolitisch aber
hat sie längst ihren Zenit
überschritten, weil auch sie
nicht loslassen kann. Sie gestattete es nicht einmal, dass
sich potenzielle Nachfolger
entwickeln können. Macht ist
eine Sucht.
Es ist ein Webfehler in der
deutschen Verfassung: Die
Amtszeit des Bundespräsidenten ist beschränkt, die des
Kanzlers nicht. Jetzt wäre die
Zeit, eine solche Debatte anzustoßen, weil sie sich nicht
gegen einen amtierenden
Kanzler wenden, sondern
grundsätzlich geführt würde.
Merkel ist Gefangene ihres
eigenen Systems geworden.
Wer sich mit ihr anlegte, verschwand in der politischen
Bedeutungslosigkeit: Friedrich Merz, Roland Koch,
selbst Edmund Stoiber bekamen den machtpolitischen
Willen Angela Merkels zu
spüren. Sie räumte aus dem
Weg, wer ihr nahe kommen
konnte. Gefährlich konnte ihr
keiner werden. Dass ausgerechnet jener Friedrich Merz,
den sie eiskalt vom Fraktionsvorsitz verdrängt hatte, ihr
Nachfolger werden wollte,
ließ aufhorchen. Noch mehr
aber, dass die CDU über mehrere Wochen hinweg eine lei-

Es ging heiß her im Jahr 2018. Nicht nur
politisch und gesellschaftlich. Der Klimawandel hat Deutschland immer spürbarer im Griff.

E

Von Volker Stennei
r traf in der Wahrnehmung vieler den Nagel
auf den Kopf: FDPChef Christian Lindner kommentierte an jenem
29. Oktober, als Angela Merkel notgedrungen das Ende
ihrer Ära mit dem Rücktritt
als CDU-Vorsitzende einläutete, trocken: ,,Frau Merkel gibt
das falsche Amt ab."
Lindner ging es persönlich
vor allem um das Ende der
Kanzlerschaft Merkel. Müde
und kraftlos war ,,Mutti" in
den vergangenen Monaten
dahergekommen. Seit ihrem
,,Wir schaffen das" hatte sie in
weiten Teilen der Gesellschaft
an Rückhalt verloren, weil sie
keinen klaren Kurs mehr vorgab. Die gefühlt ewige Zeit
des Regierens hatte Spuren
hinterlassen.
Dauerkanzler
sind nicht gut für die Demokratie. Eine Erfahrung des
Jahres 2018. Keine neue.
Rückblick: An jenem 27.
September 1998 konnte Helmut Kohl einem fast leidtun,
selbst wenn man nicht sein
Anhänger war. Der Kanzler

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der deutschen Einheit stand
hilflos vor den Kameras, Tränen in den Augen, unfähig zu
begreifen, dass Macht in der
Demokratie immer nur eine
geliehene ist. Gerhard Schröder und seine SPD hatten ihm
eine krachende Niederlage
bei der Bundestagswahl eingebrockt. Das Ende der Ära
Kohl. 16 Jahre Kanzlerschaft
endeten abrupt. Politisch erholte sich Kohl von jenem
Wahlabend nie wieder. Spendenaffäre, ein gebrochenes
Verhältnis zu seiner CDU, der
Sturz als Parteivorsitzender.
Politik ist ein brutales Geschäft. Besonders für die, die
nicht loslassen können.
Viele hatten Helmut Kohl
davor gewarnt, noch einmal
anzutreten, weil die Endloskanzlerschaft die Menschen
ermüdete. 16 Jahre führte er
Bundesregierungen ­ so lange wie kein Kanzler vor ihm.
Angela Merkel kann auf
ebenfalls 16 Jahre Dienstzeit
im Kanzleramt kommen. Sie
führte Deutschland souverän
durch die Bankenkrise, hielt
Europa bei der Eurokrise zuq

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Wanderer, dein Name ist Menschheit
Von Christoph Schmidt
Der Wanderer über dem Nebelmeer: Das Gemälde von
Caspar David Friedrich entstand vor fast genau 200 Jahren. Heute und damals liegen
mehr als die Dauer zweier
Menschenleben auseinander.
Dennoch verbindet die Menschen damals und heute
mehr, als es auf den ersten
Blick erscheint. Daher haben
wir uns auf der Titelseite für
das Originalwerk und auf der
Schlussseite für eine digitalisierte, simplifizierte Version
entschieden. Friedrich war
Romantiker. Eine Epoche, deren Künstler sich bewusst,
entgegen der Entwicklungen
des beginnenden Industriezeitalters, nicht den unaufhaltsamen technologischen
Fortschritten und Gewinnbestrebungen zuwenden, sondern auf der Suche nach mystischen Sphären in die Natur
fliehen. Dabei geht es nicht
darum Fortschritt und Wissenschaft generell abzulehnen, sondern in Einklang zu
bringen mit dem Metaphysischen ­ das Weltliche um das
Überweltliche zu bereichern.

2 | Das Jahr 2018

Das Jahr 1818 ist die Zeit
des Deutschen Bundes, der
industriellen Revolution. Eine
Zeit des Wandels, wie es auch
das Jahr 2018 wieder ist.
Staatliche, gesellschaftliche
und technologische Entwicklungen werden über das augenblicklich erfassbare Maß
hinaus beschleunigt. Gesellschaftliche und technologische Veränderungen ­ damals
wie heute ­ erzielen Wirkungen, die ein Mensch allein, eine Generation allein nicht
verstehen, ihre Folgen nicht
absehen kann.
In diesen 200 Jahren hat die
Menschheit ihre größten

Kriege erlebt, sich zu den kosmischen Sphären aufgeschwungen, unermessliches
Wissen angehäuft und unermessliche Gräuel verbrochen.
Die Zukunft liegt wie der Nebel zu Füßen des Wanderers.
Es ist längst kein Scheideweg
mehr, an dem die Menschheit
angekommen ist, es gibt nicht
diesen guten und jenen
schlechten Weg, den einzuschlagen es zu entscheiden
gilt. Schon lange ist sie unterwegs auf einem Weg, der nur
eines ganz sicher tut, nämlich
in eine Zukunft zu führen, deren Gestalt noch diffus im Nebel liegt. Das erzeugt jedoch
keine Hoffnung, sondern es
sind die Glutherde der Panik,
die heller und heller aufglimmen. Genau das ist es, was es
zu verhindern gilt. Menschheit darf es eben nicht zulassen, passiv in eine Zukunft hineingezogen zu werden, sondern muss aktiv auf sie zuschreiten ­ mit Herz und Verstand in Gemeinschaft und
Frieden.
Denn die Zeit für Befindlichkeiten ist vorbei.

denschaftliche Debatte über
Kandidaten und deren Visionen lebendig und inhaltlich
kontrovers führte. Die CDU,
raus aus der Dunstglocke der
verwaltenden Großen Koalition und befreit von der Machtverwalterin Merkel, sandte
ein Lebenszeichen aus. Es
lohnt sich, über politische Inhalte zu streiten. Es ist wichtig, Visionen zu skizzieren.
Selbst die AfD, sonst zermürbend-ritualisiert in fast jeder
Talkshow das alles bestimmende Thema, rückte in der
öffentlichen Wahrnehmung
in den Hintergrund.
Unter der Dunstglocke blieb
auch in diesem Jahr die SPD:
Vergessen das Wahlversprechen von Martin Schulz (der
war einmal Hoffnungsträger
und Vorsitzender der SPD),
keine Fortsetzung einer Großen Koalition zu ermöglichen. Als sich die FDP vom
Acker machte und Jamaika
platzen ließ, musste die alte
Dame SPD noch mal ran. Regieren ist dann doch schöner
als opponieren.
In einem Punkt blieb sich
die SPD treu: Sie verschleißt
Bundesvorsitzende wie der
Hamburger Sportverein Trainer. Egal wie tief die Zustimmungswerte in der Bevölkerung auch fallen. Es bedarf
keiner prophetischen Gaben
um zu erwarten, dass Andrea
Nahles die SPD nicht in die
nächste Bundestagswahl führen wird.
So gelten die drei Probleme der SPD auch
für das Jahr 2019
unvermindert fort:
Kein Geld, kein Spitzenkandidat, kein
Programm, das die
Menschen wahrnehmen. Und ein viertes wird hinzukommen:
Annegret
Kramp-Karrenbauer
will
Kanzlerin werden, also möglichst mit einem
Amtsbonus in
die
nächste
Bundestagswahl im Herbst
2021 starten.
Spielt Merkel
mit,
werden
nach der Europa- und spätestens nach den
Landtagswahlen
im
kommenden
Herbst Rücktrittsszenarien ernst. Und die
SPD bleibt in der Klemme: Sie hat einen Koalitionsvertrag unterschrieben, keinen Kanzlerinnenvertrag. Wie bewerten die

Menschen, wenn die Genossen aus der Koalition aussteigen, nur weil es im Kanzleramt eine neue Bewohnerin
geben könnte. Bedrohliche
Aussichten für eine Partei im
freien Fall.
Während die FDP vor allem
den Jamaika-Kater auskurierte, setzten die Grünen in diesem Jahr Akzente. Sie leben
das Prinzip der geliehenen
Macht und verbinden einst
radikale Positionen mit pragmatischen Angeboten. Bei
den Menschen kommt es an.
Nachhaltig, wie es scheint.
Die AfD blieb Sammelbecken besonders für unzufriedene und von Zukunftsängsten geleitete Menschen. In
der inhaltlichen Auseinandersetzung mit ihr versagten die
etablierten Parteien auch in
2018. Zu sehr waren CDU
und SPD vor allem mit sich
selbst beschäftigt. Wie die
AfD die Probleme der Zukunft lösen will, erarbeitete
sie auch in 2018 nicht. Dafür
setzt sie sich noch immer in
erschreckender Art und Weise mit dem dunkelsten Kapitel Deutschlands auseinander.
Der Vogelschiss-Vergleich von
AfD-Chef Alexander Gauland
war einer der besorgniserregenden Momente. Vordergründig will sie nicht rechtsextrem daherkommen, tatsächlich provoziert sie regelmäßig mit dann immer von
allen anderen falsch verstandenen Spitzen.
Von
Helmut
Schmidt
stammt der fatale Ausspruch: ,,Wer Visionen hat,
sollte zum Arzt gehen."
Genau die aber muss Politik in diesen Zeiten entwickeln. Merkels ,,Fahren
auf Sicht" im politischen
Alltag lässt eine zutiefst gespaltene und verunsicherte

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