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Jahresrückblick_2018

Seite 19 Jahresrückblick_2018Die Kirche und der Missbrauch
Ist es die letzte Chance für den Papst? Das letzte Jahr war kein gutes für Franziskus. Das
nächste soll besser werden. Mit einem Gipfel zum Thema Missbrauch soll das Problem
endlich weltweit anerkannt werden. Doch das Treffen hat Tücken. Auch in Deutschland
bleibt viel zu tun.
Von Annette Reuther
und Michael Brehme
Rom/Berlin. Die Zeit um den
Jahreswechsel ist für einen
Papst ohnehin nicht stressfrei.
Weihnachten, Neujahr, urbi et
orbi: ein dicht getaktetes Programm für das Katholikenoberhaupt. Dieses Mal muss
Papst Franziskus allerdings in
der stillen Zeit auch ein wesentlich
problematischeres
Thema durcharbeiten. Es geht
um Kindesmissbrauch und
wie die katholische Kirche
das Problem endlich in den
Griff bekommt. Für Ende Februar hat Franziskus einen
Gipfel zum Thema einberufen. Dessen Ausgang wird als
mitentscheidend für das Pontifikat des Argentiniers angesehen. Die Spitzen der nationalen
Bischofskonferenzen
aus aller Welt kommen vom
21. bis 24. Februar
im Vatikan
zusammen.
Die Erwartungen seien
sehr

hoch, sagte der deutsche Pater Hans Zollner, der zum
Vorbereitungskomitee
des
Gipfels gehört. ,,Das ist verständlich mit Blick auf die
Schwere des Skandals, der so
viele Menschen schockiert
und verletzt hat, Gläubige
oder nicht, in so vielen Ländern". Papstsprecher Greg
Burke nannte das Treffen
,,beispiellos". Kirchenführer
auf der ganzen Welt müssten
verstehen, welch ,,verheerenden" Effekt Missbrauch auf
die Opfer hätte.

Wachsweiche Passagen
Während das Thema in
Deutschland sehr prominent
ist, tut sich aber in anderen
Teilen der Welt kaum etwas.
In Afrika, aber auch in einigen europäischen Ländern
wie in Italien wird Missbrauch oft heruntergespielt,
wenn nicht komplett ignoriert. Das zeigte auch die Jugendsynode im Oktober im
Vatikan. Bei dem Weltbischofstreffen konnte man sich
im Abschlussdokument
nur zu einigen wachsweichen Passagen
durchringen,
in
denen eine bessere Vorbeugung
gegen
Missbrauch
versprochen wurde.
Und selbst dagegen
votierten
noch einige der
Bischöfe. ,,Es

gibt leider auch innerhalb der
Kirche Leute, die vom Thema
Missbrauch ablenken und lieber über andere Dinge sprechen wollen, über Homosexualität etwa oder über die Sexualmoral der Kirche", sagte
Bernd Hagenkord, Leiter der
deutschen Redaktion der vatikanischen Medienplattform
Vaticannews. ,,In meinen Augen ist es das Ziel, weltweit
anzuerkennen, dass es Missbrauch ­ in seinen sehr verschiedenen Facetten ­ in der
Kirche gegeben hat und gibt
und dass die Leitung der Kirche etwas dagegen tun muss,
und zwar systematisch."
Doch konkrete Entscheidungen wird es bei dem Gipfel gar nicht geben. ,,Die Konferenz ist kein Beschlussgremium. Beschlüsse können die
Bischöfe vor Ort treffen, oder
der Papst in Rom", so Hagenkord.

Das Ruder umlegen
Bleibt es dann also bei warmen Worten? ,,Ein Scheitern
­ also nur drüber reden und
dann eine schwache Absicht
erklären ­ wäre schlimm für
die Opfer und für alle, die
sich dem Kampf gegen Missbrauch verschrieben haben",
so Hagenkord. Und wie reagieren die deutschen
Bischöfe?
Bleiben
wegweisende
Reformen
trotz
des

Skandals weiter schuldig, sagen Kritiker. Sie sagten lediglich zu, den Zölibat und die katholische Sexualmoral ,,unter
Beteiligung von
Fachleuten
verschiedener Disziplinen"
nun in einem Gesprächsprozess erörtern zu wollen. Was
immer irgendwann dabei herauskommen mag. Kritiker bezeichneten die Ankündigungen als nicht ausreichend. Die
Willensbekundungen der Kirche seien ,,butterweich", kritisierte etwa die katholische
Reformbewegung ,,Wir sind
Kirche".
Falls beim Gipfel in Rom
auch nur butterweiche Erklärungen herauskommen, wird
das dem Papst selbst zur Last
gelegt. Denn der steht wegen des Umgangs mit Missbrauchsskandalen in Chile
oder in den USA ohnehin
schon stark in der Kritik. Im
Februar hat er Gelegenheit, das Ruder umzulegen.

Erschütternde Ergebnisse
Die Missbrauchsopfer sehnen
sich endlich nach konkreten
Taten. Wenn das anberaumte
Treffen im Februar ,,mit
nichts anderem als enthusiastischen Worten endet und
Versprechen für die Zukunft,
wird das das Ende des Weges
für viele sein, die seit Jahren
darauf warten, dass die Kirche konkrete Maßnahmen ergreift", sagte Marie Collins,
Ex-Mitglied der päpstlichen
Kinderschutzkommission,
dem katholischen Nachrichtenportal ,,Crux". Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz,
Kardinal

Reinhard Marx, hatte zur Synode im Oktober klar gemacht, dass für Deutschland
der Kampf gegen den Missbrauch Priorität habe.
Kein Wunder.
Dieses Jahr wurden die erschütternden Ergebnisse einer von den Bischöfen vor
Jahren in Auftrag gegebenen
Studie bekannt. Detailliert
dröselten externe Wissenschaftler auf 356 Seiten ihre
Recherchen auf ­ und stellten
beispielsweise fest, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker insgesamt 3677 meist

männliche
Minderjährige
missbraucht haben sollen.
Die puren Zahlen waren das
eine ­ mehr noch verblüfften
die Forscher aber mit ihrer Erkenntnis, das Missbrauchsrisiko in katholischen Einrichtungen bestehe auch heute
noch.
Als bedenkliche Faktoren
nannten sie neben der umstrittenen Verpflichtung katholischer Priester zur Ehelosigkeit (Zölibat) auch den
,,problematischen Umgang"
mit dem Thema Sexualität
und die ausgeprägte klerikale
Macht einzelner Geistlicher.

Der Ausgang des Gipfels Ende Februar wird mitentscheidend für das Pontifikat von Papst Franziskus sein.

FOTOS: DPA

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