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Jahresrückblick_2018

Seite 16 Jahresrückblick_2018Gehen oder bleiben?
Als EU-Bürger in Großbritannien
Wenige Monate vor dem Brexit ist nicht klar,
wie es für EU-Bürger, die in Großbritannien leben, weitergeht. Die Ungewissheit übt Druck
aus auf die Menschen. Vier Frauen erzählen
vom Aufgeben, vom Kämpfen und davon, wie
der Brexit ihr Leben verändert.
Von Cornelia Neumeyer
irginie Clerc Lusandu war
schon fast zu Hause angekommen, als sie angegriffen wurde. Mit ihrem elfjährigen Sohn saß die Französin im
April im Zug von London nach
Bradford, gemeinsam hatten sie eine Veranstaltung gegen den Brexit
besucht. An ihren Jacken hingen
noch die blau-gelben Buttons mit
der europäischen Flagge. In Leeds
stiegen vier Männer zu, laut, unangenehm. Einer setzte sich vor Virginie, der andere neben Virginie, der
nächste hinter sie. Dann packte einer der Männer sie am Kopf, zwang
sie, ihn anzusehen und brüllte: ,,No
surrender!"
Keine Kapitulation. Der Spruch
wird in Großbritannien auch von
der ,,English Defence League" gebraucht, einer rechten, islamfeindlichen Organisation. Er wird außerdem im Zusammenhang mit dem
Brexit verwendet: keine Kapitulation vor der EU.
Lusandu kam vor 18 Jahren nach
Großbritannien, in Bradford betreut sie Menschen mit Behinderung und Demenz. Sie ist eine der
3,8 Millionen EU-Bürger, die nach
Angaben des Statistikamtes auf der
Insel leben. Und auch eine der 3,8
Millionen, die sich wenige Monate
vor dem EU-Austritt am 29. März
2019 in ihrer Heimat Großbritannien nicht mehr zuhause fühlen. Lu-

sandu hat Angst vor der Zukunft
und sie ist sauer. Sauer auf die britische Regierung, auf Kollegen.
,,Vor ein paar Jahren habe ich mich
noch wie eine Britin gefühlt", sagt
sie. Jetzt sei sie nicht mehr Teil der
Gesellschaft. Als Lusandu vor zwei
Jahren das Ergebnis des Referendums hörte, weinte sie. Ihre britischen Kollegen jubelten über das Ja
zum Brexit.
Seit dem Angriff im Zug fühlt sich
die 38-Jährige nicht mehr sicher,
ihr Angreifer lebt in der Nähe. Die
Zahl der Hassverbrechen ist seit
2016 dem Innenministerium zufolge in England und Wales um 17
Prozent gestiegen. Auch Lusandus
Sohn wurde von dem Mann rassistisch beleidigt, der Vater ihrer Kinder stammt aus dem Kongo. Ende
Oktober fiel das Urteil gegen den
Täter, ihm droht eine Haftstrafe.
Um gegen die Angst anzukämpfen,
engagiert sich Lusandu bei ,,the 3
million", einer Organisation, die
sich für EU-Bürger in Großbritannien einsetzt. Seit der Gründung vor
zwei Jahren ist der Verein zu einer
der größten britischen Bürgerbewegungen angewachsen.
,,Wir haben EU-Bürgern in Großbritannien eine Stimme gegeben",
sagt Maike Bohn, Gründungsmitglied der Organisation. Die Idee für
,,the 3 million" kam der 51 Jahre al-

ten Deutschen mit Bekannten in einem Pub. Bohn zog vor 25 Jahren
von Lübeck nach England, sie arbeitet in Bristol als Strategieberaterin für Universitäten. ,,Nach dem
Referendum war ich so geschockt,
ich musste einfach etwas machen",
sagt sie.
Bohn und andere Mitglieder von
,,the 3 million" trafen sich in Brüssel regelmäßig mit EU-Politikern
wie Michel Barnier und Guy Verhofstadt, die für die Austrittsgespräche verantwortlich waren. Für
fast jeden EU-Mitgliedstaat gibt es
im Verein einen Repräsentanten
und Anwälte spezialisiert auf Europarecht und britisches Einwanderungsrecht. ,,Wir haben die Rechte
der EU-Bürger zur Priorität der Verhandlungen gemacht", sagt Bohn.
Sollte das Brexit-Abkommen tatsächlich in Kraft treten, könnten
EU-Bürger in Großbritannien einfacher als bislang an Aufenthaltsdokumente gelangen, so Bohn. Sie hat
kürzlich die britische Staatsbürgerschaft angenommen. Zähneknirschend, wie sie sagt. Aber die Sorge, sich irgendwann zwischen
Deutschland oder Großbritannien
entscheiden zu müssen, war zu
groß. Auch nach dem Brexit kann
sie beide Nationalitäten behalten.
Alexandra Bulat, die für ,,the 3
million" mit rumänischen EU-Abgeordneten in Kontakt steht, hat sich
dieses Jahr um eine Art Vorstufe
zur britischen Staatsbürgerschaft
beworben. Die 24-Jährige macht
gerade ihren Doktor am University
College of London, 2012 zog sie
von Rumänien nach England. Ihr
Gesuch wurde Ende Mai abgelehnt.
Der Grund? Die Dokumente seien
unzureichend, heißt es in einer EMail. Bulat will Einspruch einlegen.
Doch das geht nur mit der offiziel-

» Vor ein paar Jahren
habe ich mich noch
wie eine Britin gefühlt. «

» Wir haben
EU-Bürgern in Großbritannien eine
Stimme gegeben. «

» Das Innenministerium ist überfordert. Anträge werden fälschlicherweise abgelehnt.«

» Ich bin enttäuscht
von dem Land, dass ich
einst als Heimat
wählte. «

Virginie Clerc Lusandu, wurde
von Brexit-Anhängern attackiert.

Maike Bohn, engagiert sich für
EU-Bürger in Großbritannien.

Alexandra Bulat, kämpft um ihre
britische Staatsbürgerschaft.

Péa Eigler, zog nach dem Referendum zurück ins Allgäu.

V

16 | Das Jahr 2018

Völlige Überforderung

len Ablehnung und die ist selbst
nach einem halben Jahr nicht bei
ihr eingetroffen. Das Innenministerium sei maßlos überfordert,
schimpft Bulat. Immer wieder würden Anträge fälschlicherweise abgelehnt.
Bulats Vorwürfe sind jedoch nicht
neu: Bereits im vergangenen Jahr
musste sich die Regierung bei etwa
100 EU-Bürgern entschuldigen,
nachdem ihnen aus Versehen mit
Abschiebung gedroht worden war.
Péa Eigler hat erst gar nicht versucht, zu bleiben. Sie ist nach 25
Jahren mit ihrem Mann von Brighton zurück ins Allgäu gezogen.

Enttäuschung und Wut
Die 54-Jährige litt nach dem Referendum unter Schlafstörungen, auf
einmal war ihr Zuhause kein Zuhause mehr. Ein Arzt riet ihr, Allergietabletten einzuwerfen: Dann
würde das mit dem Schlafen schon
wieder klappen. Manchmal, wenn
sie auf der Straße mit Freunden
Deutsch sprach, rief man ihr zu:
,,Ihr seid in England, sprecht Englisch!". Also ließ sie das Deutsch
sprechen irgendwann ganz sein.
Sie ist enttäuscht von dem Land,
das sie einst als Heimat wählte.
Und sie ist wütend auf Theresa May
und die Rhetorik der Regierung,
die den Hass auf EU-Bürger befeuere. Erst vor wenigen Tagen wurde
die Premierministerin kritisiert, als
sie sagte, dass sich EU-Bürger bald
nicht mehr ,,vordrängeln" könnten.
Für Virginie Lusandu ist Weitermachen an manchen Tagen leicht,
an anderen schwerer. Ob sie gehen
oder bleiben wird, weiß sie nicht.
Maike Bohn und Alexandra Bulat
haben sich entschieden zu bleiben,
um weiter für die Rechte von EUBürgern zu kämpfen.

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