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geistREich_05.12.2018

Seite 6 geistREich_05.12.2018Die Stimme der Gerechtigkeit
Oscar Romero wurde im Oktober heiliggesprochen / in RE ist ein Platz nach ihm benannt worden
El Salvador Ende der 70iger Jahre:
In dem kleinen mittelamerikanischen
Land herrschte eine Militärdiktatur, die im
Bündnis mit den Großgrundbesitzern ­ und
auch mit Teilen der Kirche ­ das Landg
gnadenlos regierte und besonders die arme
Landbevölkerung unterdrückte. Menschen,
die ihre demokratischen Rechte einforderten,
wurden verhaftet, gefoltert, ,,verschwinden
gelassen" das heisst ohne Rechtsurteil
ermordet. 60.000 Tote hat der tägliche
Terror bis 1980 allein gekostet. Es ist aber auch
die Zeit eines couragierten Geistlichen.

Oscar Romero kam aus einfachen Verhältnissen und
wurde, nach seiner Priesterweihe, zum Studium nach
Rom geschickt. Er war dann 23 Jahre Gemeindepfarrer und galt als konservativ. 1970 wurde er zum
Weihbischof der Erzdiözese San Salvador ernannt und
schließlich 1977 zum Erzbischof. Vier Wochen nach
seiner Wahl töteten Paramilitärs im Dienst von Großgrundbesitzern Pater Grande, dem Romero freundschaftlich verbunden war. Pater Grande hatte sich für
freie demokratische Wahlen eingesetzt und wurde der
erste Ermordete in einer langen Reihe von Priestern,
Ordensleuten und Laien in dieser Zeit.
Die Wende: Die Tötung Pater Grandes öffneten Erzbischof Romero neu die Augen. Er ließ am Tag seiner Beisetzung alle Gottesdienst in El Salvador ausfallen und
mehr als 100.000 Menschen kamen zur Gedenkmesse
für Rutilio Grande, die Romero zelebrierte. Er klagte die
Mörder an, und fortan war sein Leben anders. In seinen
Predigten, die über den kirchlichen Rundfunk ins ganze
Land gingen, sprach er offen über die Ungerechtigkeit,
Folter und Mord, sowie die blutige Unterdrückung
besonders der Landbevölkerung. Er machte sich zur
Stimme derer, die keine Stimme hatten und klagte die
unheilige Allianz der Großgrundbesitzer und korrupten Militärs
an.
Die Konsequenz: Als Stimme der
Gerechtigkeit und prophetischer
Rufer nach einem Ende der
blutigen Unterdrückung kam
er selbst auf die Todesliste. Die
Kirchenleitung in Rom versagte
ihm den notwendigen Schutz.
In seiner letzten Sonntagspredigt, am 23. März 1980, wandte
Romero sich noch einmal direkt
an die Angehörigen der Armee,
der Nationalgarde und der
Polizei: ,,Im Namen Gottes und
im Namen dieses leidenden
Volkes, dessen Wehklage täglich eindringlicher zum Himmel
steigt, flehe ich Sie an, bitte ich
inständig, ersuche ich Sie im
Namen Gottes: Machen Sie der
Repression ein Ende!"
Am nächsten Tag, am 24. März
1980, wurde Oscar Arnulfo Romero während eines Gottesdienstes durch Schützen der
rechten Todesschwadron im
staatlichen Auftrag ermordet.
In der Folge: Das einfache Volk
von El Salvador spricht Oscar

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Romero mit seinem Tod heilig. In einer historischen
Geste hat San Salvadors jetziger Erzbischof Jose Luis
Alas in diesem Jahr um Vergebung für die Ablehnung
seines ermordeten Vorgängers durch Teile der Kirche
gebeten. Staatlicherseits gab es in El Salvador eine
Generalamnestie nach dem Bürgerkrieg der 70iger
und 80iger Jahre, sodass seine Mörder unbeschadet
blieben. Erst in jüngster Zeit wurde ein Haftbefehl
erlassen. Für die Menschen El Salvadors und darüber
hinaus ist Romero ein Märtyrer der Gerechtigkeit. Es
bedurfte wohl eines Papstes aus einem Kontinent, wo
immer wieder Unrecht, Gewalt und staatliche Willkür
die Rechte der Menschen, zumal der Armen, verletzen,
um innerkirchlich ihm die Anerkennung zukommen
zu lassen, die seinem Einsatz für das Evangelium entspricht. 2015 spricht Papst Franziskus ihn selig und am
14. Oktober 2018 heilig.
Dieses Schild vor dem Platz zwischen Gastkirche und
Gasthaus, das seit dem 14. Oktober dort einen festen
Platz gefunden hat, bringt kurz und knapp auf den
Punkt, warum Oskar Romero der Namensgeber dieses
Platzes geworden ist. Er hat das gelebt, was eine Kirche
an der Seite der Armen ausmacht und was ein Engagement für die Würde und Rechte von Menschen, besonders der Kleinen und der am Rande Stehenden, der
Verfolgten und Andersdenkenden konkret bedeuten.
Wir haben das am Tag der Namensgebung mit der
Segensbitte verbunden: ,,Segne, Gott, diesen Ort ­ auf
dass er uns an Oscar Romeros tiefer Liebe zu Wahrheit
und Gerechtigkeit, zu den Menschen und zu Dir und
Deinem Reich erinnere" und ,,Segne, Gott, diesen Ort,
auf dass Menschen sich hier ihrer Würde bewußt werden und sie ermutigt werden, sich für die Würde aller
einzusetzen."
Gleichzeitig schlägt der Platz mit der Namensgebung
für die Gastkirche eine Brücke hin zu den Menschen
und Projekten in der sogenannten ,,Dritten" Welt, mit
denen dieser Ort verbunden ist ­ sowie zu den Menschen, die als ,,Fremde" unter uns leben. Der Aspekt
der ,,Einen Welt" ist von Anfang an mit der neuen
Öffnung des Gasthauses 1978 eine wesentliche Option
gewesen. Wir können als Christen und als Gesellschaft
nicht mit dem Rücken zu den Leidenden, Verfolgten
und Flüchtenden unserer Tage leben. Daher ist die
Flüchtlingsarbeit ein wichtiger Punkt an der Gastkirche
und ebenso ­ naben dem Aspekt fairen Welthandels
im Eine Welt Laden an der Steinstraße 1 ­ die vielen
lebendigen Weltverbindungen zu Orten, mit denen
sich Engagement für Recht und Würde der Menschen
dort verbindet: ob in Honduras oder Peru, in Brasilien
oder Namibia, in Indien oder Guatemala.


geistREich · Kirchenzeitung für Recklinghausen

Ludger Ernsting

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