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dorfleben Westerholt_16.11.2018

Seite 10 dorfleben Westerholt_16.11.2018Der Mittelpunkt d

Margret Neumann lebt (fast) durchgehend 7
an der Martinistraße 12. Und das Haus ist
Von Dagmar Hojtzyk

G

eht se nich in Kindergarten
­ so trotzte die kleine Margret mit drei Jahren. ,,Tapetenwechsel", beschloss die junge
Frau mit 21 und ging als Fleischerei-Fachverkäuferin nach Bochum. Zwei Jahre hielt die Freiheit, dann wurde sie wieder im
Elternhaus gebraucht. Das steht
an der Martinistraße 12, mitten
im Alten Dorf Westerholt. Dieses
Haus wurde zu ihrem Lebensmittelpunkt ­ und Margret Neumann zum Mittelpunkt des Hauses und der Familie. 227 Jahre alt
ist das Haus inzwischen. Margret
Neumann erblickte darin 1940
das Licht der Welt.
Sie heiratete in diesem Haus,
gründete ihre Familie und lebt
noch heute hier. ,,Aus der ganzen
Familie bin ich diejenige, die am
längsten in diesem Haus wohnt",
stellte sie erst kürzlich fest ­ und
war selbst wohl am meisten erstaunt darüber. Fast durchgehend 78 Jahre lang.

Noch in den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts war das
Mauerwerk nicht verputzt. Vor dem Haus stand eine stattliEnorm viel hat sich in Haus
che Trauerweide. Das schmiedeeiserne Tor und das Kopfsteinpflaster davor gibt es aber bis heute.
--FOTOS: PRIVAT und Dorf verändert

Ein Schnappschuss aus der Fotokiste: Das Bild zeigt eine
Gruppe von Kindern in der ,,Freiheit" mit Blickrichtung Martinistraße. Es könnte um 1940 herum entstanden sein und
zeigt (v.l.) Margret Neumanns Bruder Engelbert Piaskowy,
Alfons und Egon Spiekermann sowie Annemie Middelhius
(später Reul). Das Kind im Wagen ist nicht bekannt.

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dorfleben - das Magazin für Herten-Westerholt

Schon während ihrer Lebenszeit hat sich enorm viel in Haus
und Dorf verändert. Aus den Geschichten von Vater und Großvater hat sie weiteres Wissen gespeichert. Sie weiß, welche Familien im Dorf lebten, welche
Handwerker und kleinen Geschäfte es hier gab und was man
so hinter vorgehaltener Hand
flüsterte.
Das Haus Martinistraße 12
wurde 1791 erbaut. 1912 hat es
Margrets Großvater Gerhard
Middelhuis einem Phillip Ohm
abgekauft. Vor den Ohms wohnte Familie Bröker dort. Diese Namen sind noch präsent. Alte Urkunden gibt es nicht.
Großvater Gerhard stammte
aus
dem
niederländischen
Haaksbergen, verliebte sich in
Anna Bruch aus Westerholt und
wurde sesshaft.
Mit Maria Middelhuis, eines
von sieben Kindern von Gerhard
und Anna, hielt dann die zweite
Generation die Stellung im Haus.
Als Maria ins heiratsfähige Alter
kam, traf sie auf Johannes Piaskowy, einen Bäckermeister auf
Wanderschaft. Die junge Frau gefiel ihm so gut, dass er das Wandern vergaß und sich in der Bäckerei um die Ecke (Grüter an der
Apostelstraße) eine Festanstellung suchte. 1931 war die Hochzeit. Dass er seiner Maria würdig
war und dazu auch noch ins Dorf
passte, musste er allerdings erst
beweisen. ,,De kommt von do
achen", hieß es damals argwöhnisch über den Mann aus der
Fremde, weiß Margret Neumann. ,,Und das war durchaus
ernst gemeint."
Drei Kinder gingen aus der Ehe
von Maria und Johannes Piaskowy hervor, zwei Jungen und ein

Margret Neumann inmitten von Blumen auf ihrem Hof und umge
v.l. die Töchter Antje und Dorothe sowie die Söhne Charly und Pet
sa und Emma (v.l.) mit dabei, die Töchter von Peter Neumann.
Mädchen. Das Mädchen, getauft
auf den Namen Margret Anna,
blieb im Haus und sorgte gemeinsam mit Ehemann Paul
Neumann ab 1964 dafür, dass es
an der Martinistraße 12 auch einer vierten Generation gut ging.
Drei Töchter und drei Söhne gingen aus dieser Verbindung hervor, eine besondere Freude für
deren Opa Johannes. Sie sammelten sich um ihn, wenn er erzählte, blieben mucksmäuschenstill, wenn sie mit ihm fern-

sehen durften und parierten aufs
Wort, wenn Opa bei Tisch den
Vorsitz führte. Denn den gab er
nicht an Tochter oder Schwiegersohn ab.

Wenn Opa ,,Oremus" rief,
wurde gebetet

Margret Neumann erinnert
sich: ,,Wie ein Generalfeldmarschall saß er vor Kopf am großen
Küchentisch." Wenn Opa ,,Oremus" (Lasset uns beten) rief, wurde gebetet. Jeder hatte seinen

Um 1926 herum ist dieses Bild entstanden. Für den Fotografen
haben sich Oma Anna Middelhuis, Margret Neumanns Mutter
Maria und Opa Gerhard (v.l.) bereitgestellt.

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