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Dorfleben Westerholt 10.08.18

Seite 8 Dorfleben Westerholt 10.08.18Fest in Familienhand
Die Schikorras leben im Haus Ostwall 13. Seit fast 400 Jahren gehört das Haus der Familie Reul.
Von Dagmar Hojtzyk

D

Eine Zeichnung zeigt, wie das Reul'sche Haus mit dem Eingang zur Apostelstraße ausgesehen hat. Das große Deelentor an der rechten Seite des Fachwerkhauses gibt es nicht mehr.
Das rötliche Haus rechts wurde vom Geschäfts- zum Wohnhaus umgebaut.

as Dorf ist Heimat.
,,Ich fühle mich hier
sehr, sehr wohl", sagt
Katharina
Schikorra
nachdrücklich. Darum möchte
sie auch nicht raus aus dem Alten Dorf Westerholt. Vielmehr
will die 34-Jährige die Familientradition fortführen. Ihr Elternhaus, das Haus Ostwall 13, ist
wohl das einzige Haus im Dorf,
das seit fast 400 Jahren im Besitz
einer einzigen Familie ist: der
Familie Reul, heute SchikorraReul. ,,Wir gehen davon aus,
dass das Haus 1627 erbaut wurde", sagt Katharinas Mutter
Christel Reul, der heute das
Haus gehört. Die Jahreszahl
steht über der Eingangstür, die
zur Apostelstraße führt und auf
einer alten Wetterfahne auf dem
Dach.
Wie die Mutter, so die Tochter? Diese Redewendung passt
auf die Reul-Frauen. Katharinas
Mutter Christel ist seit dem Tod
ihrer Mutter Annemie 2009 offiziell Besitzerin des markanten
Fachwerk-Hauses an der Ecke
zur Apostelstraße. Auch Christel
Reul wollte weder Haus noch
Dorf verlassen. Sie schmunzelt,
wenn sie sich erinnert: ,,Nur als
Zehnjährige wollte ich mal nach
Amerika auswandern. Da hatte
ich gerade Karl May gelesen."

,,Haste morgen mal
'ne Stunde?"

Der Maler wählte für diese Zeichnung auf dem Jahr 1941 einen anderen Blickwinkel. Am rechten Rand des Bildes ist
das Haus der Familie Reul zu sehen, diesmal über den Gartenzaun am Ostwall hinweg. Im Hintergrund ist der Turm
der St. Martinuskirche zu sehen.

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dorfleben - das Magazin für Herten-Westerholt

Später fügte es sich gut, dass
ihr Mann Peter Schikorra Sinn
fürs Historische hatte. Der Zugereiste mit familiären Wurzeln in
Masuren brachte nicht nur die
Liebe für seine Frau, sondern
auch den Arbeitsanzug mit. Von
Haus aus Lehrer am Berufskolleg
für kaufmännische Fächer und
Politik, lernte er schnell, worauf
es im Dorf ankommt: nicht reden, anpacken. Unvergessen ist
für ihn die stets verhängnisvolle
Freitags-Frage seines Schwiegervaters Heinrich Reul: ,,Haste
morgen mal 'ne Stunde?"
Statt ,,'ner Stunde" war
schnell der ganze Samstag weg,
gerne auch das komplette Wochenende. Auch die Ferien verbrachte Peter Schikorra nicht
selten auf der Dauerbaustelle,
die sich Fachwerkhaus nennt.
Mal musste eine Zwischendecke
eingezogen, mal ein Sockel gemauert oder eine Wand erneuert werden. Dazu muss man wissen, dass es sich um mehrere
Reul-Häuser handelte, zwei davon an der Bäckergasse.
Ruhe gab es selten, auch wenn
nicht renoviert wurde. ,,Mein
Vater hat sich diverse Kleinkriege mit der Stadt geliefert", erinnert sich Christel Reul. Da ging

Seit bald 400 Jahren ist das Haus, Ostwall 13, im Besitz der Familie Reul: Christel Schikorra, geborene Reul, und ihr Mann Peter Schikorra führen die Familientradition gerne fort. Das Bild entstand
vor dem Haupteingang des Hauses an der Apostelstraße.
--FOTOS: DAGMAR HOJTZYK
es um Stellplätze oder um vermeintlich falsche Sanierungsmaßnahmen. Mal entschieden
die Gerichte zugunsten der Familie Reul, mal gegen sie. Ein

Richterspruch ging in den Familien-Wortschatz ein. Am Ende
eines Prozesses habe der unterlegene Stadt-Architekt vom Richter zu hören bekommen: ,,Reden

Sie ruhig weiter. Es hört Ihnen
sowieso keiner mehr zu." Christel Schikorra: ,,Das ist bis heute
ein geflügeltes Wort bei uns,
wenn einer zu lange erzählt."

Schikorras selbst wollten auch
nicht immer so wie die Stadt,
zum Beispiel als es um den
Denkmalschutz ging. Sie gehörten zu den 52 Hausbesitzern im
Dorf, die ihre Häuser nicht unter Denkmalschutz stellen lassen wollten. Den Musterprozess
gegen die Stadt führten Schikorras ­ und verloren. ,,Da wussten
die anderen, sie müssen nicht
prozessieren", erinnert sich das
Ehepaar.
391 Jahre in Familienbesitz ­
da weiß Christel Schikorra
nicht, die wievielte Generation
sie repräsentiert. Die ältesten
Unterlagen, über die sie verfügt,
stammen aus dem Jahr 1831. Ein
dickes Paket zur Historie des
Hauses und der Freiheit Westerholt verwahrt sie sorgfältig in einer braunen Aktentasche, darunter ein ,,Theilungs-Recefs der
Westerholter Gemeinheit", eine
umfangreiche Aufstellung über
den Zuschnitt und die Besitzer
der Grundstücke.
Christel Schikorra weiß, dass
das Haus nicht immer ausschließlich zum Wohnen da
war. ,,Hier muss auch einmal eine Kneipe gewesen sein, ein
Suppstall, wie Tante Toni es genannt hat." Auf halber Geschosshöhe habe sich der Tanzboden befunden. Zum Ostwall
hin gibt es bis heute einen kleinen Erker. ,,Das war wohl der
Schnapsschalter", erzählt Christel Reul, an dem man sich sein
Schnäpsken ,,to go" kaufen
konnte. In den Reul-Häusern an
der Apostelstraße hatten noch
zu Christel Schikorras Kindheit
ein Bäcker und ein Metzger ihre
Läden.

Glück zwischen ,,Suppstall"
und Abenteuerspielplatz

Das ,,Theilungs-Recefs der Westerholter Gemeinheit" hält
Christel Schikorra gut verwahrt.

Katharina Schikorra schaut aus dem Fenster im Erker, wo man zu
Großvaters Zeiten ein Schnäpsken ,,to go" kaufen konnte. Die
34-jährige Lehramts-Studentin will gerne in ihrem Elternhaus
wohnen bleiben.

Seit 1980 leben Schikorras am
Ostwall 13. Auf der anderen Seite der schmalen Straße gibt es
noch einen großen Garten, zur
Apostelstraße einen kunterbunten Vorgarten. Das Paar hat zwei
Kinder. Sohn Peter lebt seit Langem in Berlin. Ihn zieht es wohl
nicht zurück nach Westerholt.
Anders Katharina. Die 34-Jährige studiert in Essen Philosophie und Theologie auf Lehramt. Sie hat im Elternhaus ihre
eigene Wohnung im ehemaligen ,,Suppstall". Mit Begeisterung erinnert sie sich an ihre
Kindheit im Dorf: ,,Man hatte
immer jemanden zum Spielen,
überall gab es Kinder. Das ganze
Dorf war ein einziger Abenteuerspielplatz."
Inzwischen ziehen nach und
nach wieder junge Familien ins
Alte Dorf. Die Chancen auf eine
Wiedergeburt des Abenteuerspielplatzes stehen also nicht
schlecht.

Auch dies ein Blick auf das Haus von der Apostelstraße aus.
Deutlich lesbar ist über der Tür das Jahr, in dem das Haus
erbaut wurde: 1627. Auch einen stattlichen Baum hat es
einmal im Vorgarten gegeben.

Die Freiheit in
Schwarz-Weiß
(da-ho) Die Häuser in der
,,Freiheit Westerholt", auch
,,Altes Dorf" genannt, haben
Geschichte. Das steht außer
Frage. Doch die Geschichte
der Häuser ist auch immer die
Geschichte von Menschen. In
einer Serie stellt ,,dorfleben
Westerholt" einige dieser
Menschen, die schon seit
mehreren Generationen in einem Haus leben, vor.
Die Freiheit Westerholt
wurde erstmals 1421 als solche urkundlich erwähnt. Die
,,Freiheit" zeichnete sich
durch die persönliche Freiheit der einzelnen Bewohner,
die Vererblichkeit des Besitzes,
durch
regelmäßige
Markttage, die Befestigung
des Ortes sowie eine eigene
Verwaltung aus.

Nach dem großen Feuer
vom 27. August 1808 wurden
anstelle der im Alten Dorf abgebrannten Fachwerkhäuser
an der ,,Brandstraße" große
Steinhäuser errichtet.
Nach der Franzosenzeit gehörte Westerholt zunächst
zur Bürgermeisterei Buer und
seit 1844 zum Amt Buer im
Kreis Recklinghausen der
preußischen Provinz Westfalen. 1830 wurde das Schloss
Westerholt in seiner heutigen
Form erbaut. Die an derselben
Stelle gestandene Vorgängerburg war abgebrannt.
1870 hatte Westerholt rund
750 Einwohner mit etwa 105
Wohnhäusern und 32 Scheunen. Heute zählt das Dorf
noch rund 60 Fachwerkhäuser.

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