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Kunst im Gut Das Magazin Herbst 2018 24 Seiten

Seite 8 Kunst im Gut Das Magazin Herbst 2018 24 SeitenAusstellung

Photo Glass Art
Christoph Müller
Zum ersten Mal bei Kunst im Gut zeigt Christoph Müller
in einer Sonderschau seine Werke. ,,Photo Glass Art" ­
,,Fotokunst auf Glas" nennt er seine Kunstwerke. Er ist
seit über 20 Jahren Journalist beim Bayerischen Rundfunk in München und leidenschaftlicher Fotograf.
Hier interviewt von Marie Oliver:

Der Schatzsucher
Mit der Nase nach unten unterwegs. Der Fotokünstler
Christoph Müller und seine Glasbilder
Herr Müller, Sie fotografieren. Aber selten halten Sie die Kamera waagrecht.
Ja! Das ist wirklich selten, dass ich die Kamera horizontal halte.
Vor mir ist ja dann nur die mehr oder minder bekannte Welt, der
Mensch geht aufrecht und blickt nach vorne. Deswegen wird
dorthin meistens auch fotografiert, mittlerweile mit ausgestrecktem Arm oder, wenn`s ein Smartphone ist, mit dem Selfiestick.
Das Vorne ist für mich ­ schiefgesprochen ­ abgegrast. Ich finde
meine Motive unter mir. Am Boden. Dort wohin die wenigsten
bewusst schauen.
Dinge, die am Boden sind, sind natürlich meist klein.
Ich knipse mich so am Boden entlang. Ich stoße mir nicht selten den
Kopf, stolpere durchs Unterholz, breche im (zum Glück nur im
flachen) Eis ein. Meine Fotoausflüge sind an üblichen Maßstäben
gemessen fast unglaublich unspektakulär und für mich dennoch oft
berauschend. Keine Antarktis, kein Patagonien, keine Namib. Mein
Walk of fame sind Pfützen im Wald, Wurzeln im Münchener Westpark, Eisformationen im Moor.

Wird man da nicht schnell schräg angeschaut?
Es ist selten, dass Leute, bei dem Wetter, bei dem ich unterwegs
bin, und an den relativ unspektakulären Orten, an denen ich
fotografiere, zugegen sind, aber wenn sie mich sehen, dann ist das
Kopfschütteln entweder real zu sehen oder zu spüren und oft
werde ich gefragt: Haben Sie was verloren? Nein... habe ich nicht.
Aber trotzdem sind Sie auf der Suche.
Auf der Suche nach einer Formation, einer Struktur, die mich
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anspricht und sagt: Fotografiere mich! Die Leute denken oft, ich
sei ein Schatzsucher, und meine Kamera eine spezielle Sonde.
Und sie haben, wenn auch nur im übertragenen Sinn, recht. Ich
bin ein Schatzsucher!
Es sind Bodenschätze, die Sie interessieren. Aber nicht die, um
die weltweit gekämpft wird.
Ja. Zuhause werden diese eingebrachten Bodenschätze dann eingespielt und anschließend am Computer transformiert. Manchmal
nur unmerklich und minimal, dann sind alle Strukturen, Blätter
und Äste auf dem Bild noch sichtbar. Manchmal auch solange, bis
ich nicht mehr weiß, was denn der Ursprung war. Dem Rausch
des Einsammelns folgt der Rausch der digitalen Bearbeitung.
Warum denn das?
Ich zeige nicht die Natur. Ich sehe eine Pfütze mit verwelkten
Blättern und Steinchen und Wolken, die sich darin spiegeln.
Alsdann versuche ich mit digitalen Mitteln der ,,Wahrheit" dieses
,,small picture" auf die Spur zu kommen. Auch analog hatte ich
schon die selbe Art Fotos gemacht, aber erst der Computer macht
es möglich, dass ich das verbildlichen kann, was ich in der Natur
vorgefunden habe. Das Bild sagt jetzt: das ist mein wahres Wesen. Zeige mich!
Sehen wir die Natur nur noch durch die Verfremdung des Computers?
Der Rechner ist ja nicht alles. Die Bilder, die dort entstehen, sind
eindrucksvoll, aber es kommt noch etwas Entscheidendes hinzu:
das Material oder besser gesagt das Medium Glas. In der Kamera
wird gezeugt, im Rechner findet genetic engeneering statt, im
Glas kommt das Bild zur Welt. Deswegen hilft es nichts, meine
Bilder auf dem Bildschirm anzuschauen. Es sind zwar Computerbilder, aber erst auf Glas kommt ihre Aussage ans Licht. Bei den
meisten meiner Bilder kommt sechs Millimeter dickes Echtglas
zur Verwendung. Dadurch bekommen auch vermeintlich flächige
Bilder eine besondere Tiefe. Dann blicke ich in diese Tiefe und
wenn es ein gelungenes Bild ist, dann sagt es zur mir: Benenne
mich! Gib mir einen Namen! Mit der Namensgebung ist dann der
Prozess beendet.
Das, was ich am Boden in dem Bewusstsein ,,aufgehoben" hatte,
hier etwas Besonders entdeckt zu haben, hat seinen Abschluss
darin, dass das Gespürte sichtbar und benannt ist. Es ist eine
Wandlung. Der Boden hängt jetzt an der Wand.

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