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geistREich_04.07.2018

Seite 10 geistREich_04.07.2018www.st-antonius-recklinghausen.de

Pfarrei St. Antonius
Geh ma anne Bude!!! ­ 5 Fragen an Axel Moske
Es ist Mittwoch, früher Abend an einem
sonnigen Tag. Wir sind verabredet ,,anne
Bude" zum Interview mit Budenbesitzer
Axel Moske. Campingstühle stehen auf
dem Bürgersteig für uns bereit, der
frische Kaffee steht vor uns, wir beginnen
miteinander zu plaudern ­ aber schnell
wird klar: Das Gespräch muss in Etappen
verlaufen, immer wieder müssen wir eine
Pause einlegen: Anner Bude ist was los!

as ist für Sie das Reizvolle, das Büdchen an
W

der Königstraße in König-Ludwig zu betreiben?
Ganz klar: der Kontakt mit den Menschen hier.
Menschen treffen, sich unterhalten, Teil der Nachbarschaft zu sein.

as ist das Besondere an Ihrer Bude?
W

Wir sind eine der ältesten Buden überhaupt, sicherlich die Älteste in RE. Wie lange es diese Bude
schon gibt, lässt sich heute nicht mehr feststellen.
Der Stadtteil hat sich verändert, die Bevölkerung ist
bunter geworden, aber die Bude ist immer noch da.
Vor einigen Jahren sollte unsere Bude verschwinden ­ im Zuge der Renaturierung der Emscher und
der zuführenden Bäche. Angeblich standen wir
der Renaturierung im Weg. Ich habe auf die lange
Tradition unserer Bude hingewiesen, quasi auf den
,,Denkmalschutz". Die Stadt sah das genauso. Wir
sind noch da, die Renaturierungsarbeiten konnten
auch so stattfinden. Übrigens habe ich erst viel
später erfahren, warum wir weg sollten: Es wurden
Parkflächen für die Baufahrzeuge benötigt, die eigentlichen Arbeiten haben wir gar nicht gestört! Da
wäre diese Tradition ganz umsonst zerstört worden,
stellen Sie sich das einmal vor!

er kauft bei Ihnen ein?
W

Es gibt hier auch heute noch das typische Angebot
von Tabakwaren über Bier und Limo, Süßigkeiten und
Zeitschriften. Bei uns kann man wie früher seine ,,gemischte Tüte" kaufen (mit oder ohne Lakritz?), aber
heute eben auch seine Handy-Guthaben aufladen.
Meiner Frau und mir ist wichtig, dass alle Kunden
hierherkommen können, also auch die Kinder in der
Umgebung. Deshalb gibt es bei uns auch keinen
Stehtisch für Biertrinker. Wir sind familienfreundlich.
Häufig sind wir Situationsretter: Spontaner Besuch

kündigt sich an, schnell noch einen Kuchen backen,
aber das Backpulver ist alle? Haben wir hier. Und auch
ein Päckchen Sahne oder ein Pfund Nudeln. Kleinigkeiten eben, die aber im Alltag unverzichtbar sind.

as muss ein Betreiber einer Trinkhalle,
W

wie es offiziell heißt, mitbringen?
Sicherlich viel Idealismus und Leidenschaft für die
Arbeit und die Menschen. Aber auch einen guten
Schuss Realismus: Reich wird man mit so einem
Geschäft nicht, aber ein Geschäft ist es trotzdem.
Auch wir müssen unseren Wareneinkauf regeln, ein
passendes Sortiment gestalten, Buchführung und
Steuern machen. Es geht nicht nur um das Verkaufen, man muss auch Kaufmann sein.

016 haben Sie am 1. Tag der Trinkhallen das
2
100jährige Bestehen gefeiert. Wie sehen sie die
Zukunft der Büdchen? Auf die nächsten 100?
So weit kann ich nicht in die Zukunft sehen. Ich
denke, die nächsten zehn Jahre wird es die Büdchen
schon noch geben. Es wird aber zunehmend schwieriger. Die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten
der Discounter haben wir alle deutlich gespürt.
Früher kamen die Leute abends oder samstags an
die Bude, wenn sie nach Feierabend noch etwas
benötigten. Heute haben die Supermärkte noch auf,
das Einkaufsverhalten hat sich verändert. Die Leute
brauchen aber nicht mehr und können auch nicht
mehr Geld ausgeben. Das Einkaufen verteilt sich
aber anders. Hinzu kommt, dass es für uns schwierig
ist, mit Vandalismus oder Einbrüchen umzugehen.
Versicherungen sind für uns zu teuer. Ich nehme
teure Waren abends aus dem Geschäft heraus, wenn
wir schließen. Sicher ist sicher.


Nicole Stobberg | Marc Gutzeit

Info
Der 61-jährige Axel Moske betreibt gemeinsam mit seiner Frau Mezahat das Büdchen an der Königstraße. Der gebürtige Duisburger fühlt sich wohl an seinem Standort, er ist Teil der Nachbarschaft. Kunden
gehen immer vor und werden individuell begrüßt ­ auf Deutsch oder auf Türkisch, was er ebenfalls
fließend spricht. Als früherer Gebietsleiter eines weltweiten Lebensmittelkonzerns hat er ein gutes
Gespür für die Wünsche seiner Kunden, die Eiskarte hat er exklusiv für seine Bude zusammengestellt.
An der Königstraße ist er seit 1998 ­ wie lange er schon in RE aktiv ist, kann er nicht mehr sagen. Eine
Kundin, die unsere Frage zufällig mitbekommen hat, klärt dies regionstypisch mit ,,ewig und drei Tage".

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geistREich · Kirchenzeitung für Recklinghausen

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