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Die Gute Stube 02.06.2018

Seite 15 Die Gute Stube 02.06.2018im Revier
Von einer Sache ist der Historiker zutiefst
überzeugt: ,,Der industrielle Fortschritt und
das gleichzeitige Bevölkerungswachstum
haben den Aufstieg des Bergbaus gemeinsam erst möglich gemacht. Das eine hätte
es ohne das andere kaum in dem Ausmaß
gegeben."
Die ersten Bergbauaktivitäten datiert Kordes auf das Jahr 1869. Damals arbeiten 39
Kumpel an der Abteufung von Schacht I
des Bergwerks ,,Clerget" an der heutigen
Hochlarmarkstraße. Noch ist Deutschland
kein Nationalstaat, sondern ein loser Bund
verschiedener Königreiche und Fürstentümer. Erst 1871 wird Wilhelm I. nach dem
deutsch-französischen Krieg in Versailles
zum deutschen Kaiser ernannt.
Mitteleuropa und das junge deutsche Kaiserreich im Besonderen erleben eine Hochkonjunkturphase. Das bislang ländlich und
kaufmännisch geprägte Recklinghausen verändert sein Gesicht. Erst langsam, schließlich
immer schneller.
Die Zahl der Einwohner verdoppelt sich von
1815 bis 1870 von 2.500 auf 5.000. Die nächste Verdoppelung geschieht innerhalb von 15
Jahren und nicht mehr 55 Jahren. 1885 gibt es
schon 10.000 Recklinghäuser. Arbeit finden
sie immer häufiger unter der Erdoberfläche.
1872 finden erfolgreiche Probebohrungen
auf dem Blumenthalgelände südlich der
Altstadt statt. Schacht I wird abgeteuft.
Auch in Suderwich entstehen im selben Jahr
Schachtanlagen. Sie heißen Henriettenglück
I-III. Später wird das Bergwerk in ,,König Ludwig" umbenannt.
Im Zuge des Bergbaus wächst Recklinghausen in Richtung Süden. Mit den Zechen
entstehen Wohnsiedlungen für die oft in
den preußischen Ostprovinzen angeworbenen Arbeitskräfte. Nach Recklinghausen
kommen vor allem Einwanderer aus der Provinz Posen. ,,Viele von ihnen sind jung und
männlich", hat Dr. Kordes recherchiert. Das
hat Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Bevölkerung: Es gibt mehr Männer als Frauen. Als 1914 der Erste Weltkrieg

132 Jahre lang hat der Steinkohlebergbau
das Gesicht Recklinghausens verändert
­ und nachhaltig geprägt. In einer neuen
Onlinechronik zeichnet Stadtarchivar
Dr. Matthias Kordes das lokale Werden
und Vergehen der Zechenindustrie nach.

ausbricht, leben in Recklinghausen bereits
60.000 Menschen. Jeder Dritte stammt aus
dem heutigen Polen. In den neuen südlichen
Stadtteilen ist die Quote ungleich höher.
Mit den Einwohnerzahlen steigen auch die
Fördermengen. 1875 wird dem Boden das
erste Grubengold abgerungen, 320 Meter
unter dem späteren DEUMU-Gelände an der
Hochlarmarkstraße. Die belgische Aktiengesellschaft Société Civile Belge des Charbonnages d` Herne-Bochum tauft das Bergwerk Recklinghausen I ,,Clerget". Die Kumpel
nennen es in ,,Klärchen" um. 34.000 Tonnen
Kohle werden 1875 auf ,,Klärchen" mit seinen
320 Mitarbeitern gefördert. 35 Jahre später
sind es allein auf ,,General Blumenthal" 1,1
Millionen Tonnen. Dort arbeiten 1910 bereits
4.700 Kumpel.
Dr. Kordes bescheinigt dem Bergbau ,,einen
stark integrativen Einfluss". Größere Konflikte zwischen den alten und neuen (sprich:
polnischstämmigen) Recklinghäusern sind
ihm nicht bekannt. Ethnische oder konfessionelle Konflikte hätten keine große Rolle
gespielt. ,,Das konnte man sich schlicht nicht
leisten."
Auch städtebaulich vollzieht sich das
Wachstum Recklinghausens in geordneten Bahnen, erklärt der Stadtarchivar: ,,Ein
Wildwuchs wie in den Industriedörfern an
der Emscher findet in Recklinghausen nicht
statt." Dafür sorgen in der Gründerzeit unter anderem die umsichtigen Bürgermeister
Alexander Rensing (1890-1899), Albert von
Bruchhausen (1899-1904) und Peter Heuser
(1904-1919).
Bis zu 17.000 Kumpel arbeiten in den
1960er-Jahren auf den vier Recklinghäuser
Bergwerken. Zu dieser Zeit zählt die Stadt
mehr als 130.000 Einwohner ­ so viele wie
bis heute nicht wieder. Das Bergwerk ,,General Blumenthal" erreicht seine maximale
Fördermenge mit 2,6 Millionen Tonnen
Kohle im Jahre 1982. Knapp 30 Jahre später,
im Jahre 2001, wird es als dann letzte noch
verbliebene Zeche in Recklinghausen stillgelegt.

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