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Jüdisches Echo 17-18

Seite 82 Jüdisches Echo 17-18dresche und zur Zeit des Windes (lediglich) worfele, was
sollte aus der Thora werden? Vielmehr, wenn Jissraël den
Willen G"ttes tut, wird seine Arbeit durch andere verrichtet, wie es heißt (Jesaja 61:5): Fremde werden auftreten
und eure Schafe weiden ... Wenn Jissraël aber den Willen G"ttes nicht tut, muss er seine eigene Arbeit selbst
verrichten, wie es heißt: Du wirst dein Korn einbringen;
und nicht nur das, sondern auch die Arbeit anderer muss
durch ihn verrichtet werden, wie es heißt (Deuteronomium 28:48): Du wirst deinen Feinden dienen ...
Sowohl Rabbi Schimon Bar Jochai als auch Rabbi
Jischmael, die beide hochgeschätzte Thora-Gelehrte waren,
setzten sich für ein mit der Thora gefülltes Leben und damit
gefüllte Gesellschaft ein. Was Rabbi Jischmael aber als materiellen Segen G"ttes sieht (,,Du wirst dein Korn einbringen"), sieht Rabbi Schimon Bar Jochai als ein Glas, das nicht
einmal halb voll ist, denn diesen Segen wird der Mensch nur
erhalten, wenn er arbeitet, sich bemüht und das Brot mit
dem Schweiß seines Antlitzes heimbringt. Viele wünschten
sich ein Leben nach Rabbi Schimon Bar Jochai, aber nur
die wenigsten könnten sich das leisten. Kaum jemand erlebt
so ein Wunder, und nur die Reichsten können sich leisten,
andere arbeiten zu lassen, während man sein eigenes Leben
der Lehre und der Geistigkeit widmet.
Abajje sagte: Viele handelten nach Rabbi Jischmaël
und waren erfolgreich; nach Rabbi Simon Bar Johaj und
waren nicht erfolgreich. Rawa sprach zu seinen vornehmen
Schülern: Ich bitte euch, erscheint vor mir nicht in den Tagen des Nissan (als gesät und geackert wird) und des Tischrej (als die Ernte heimgebracht wird), damit ihr nicht wegen
eures Erwerbes das ganze Jahr zu sorgen habt (ebd.).
Rawa warnte zwar seine Schüler, nicht nach dem unrealistischen Leitfaden von Rabbi Schimon Bar Jochai zu
leben, sondern ihre Felder weiterhin zu bearbeiten, auch
wenn sie dafür ihre Studien im Lehrhaus für mehrere Wochen unterbrechen müssen. Dennoch dürfen wir, die wir
1600 Jahr später, in der informationstechnologischen Periode der industriellen Revolution, leben, fragen, ob nicht
jetzt eine Zeit kommt, in der das Ideal von Rabbi Schimon Bar Jochai Realität wird, und zwar für jedermann.
Kann es sein, dass diese Robotik-Revolution, die sich jetzt
entfaltet, nicht eine Misere, sondern einen Segen bringt,
sodass jeder Mensch sich nun frei von jeglichem Kummer
der Geistigkeit widmen kann? Ist das ein Leitfaden in die
nächste Stufe der Evolution der Menschheit?
Solch ein geistiges Zukunftsbild muss sich übrigens
nicht als innerjüdische Entwicklung begrenzen, sondern
kann die Tore der Geistigkeit, der G"ttesnähe für alle Menschen öffnen. Da denken wir an der prophetischen Vision
Jesajas, in der die jüdische Identität und Besonderheit bestimmt nicht aufgelöst wird, dennoch aber die ganze Welt
die Lehre G"ttes sucht (Jesaja 2:3-4):
Es wird in späteren Zeiten geschehen, dass der Berg
des Hauses des Ewigen festgegründet an der Spitze der
Berge stehen und über alle Höhen erhaben sein wird, und
Vol.66: WOHIN UNSERE WELT TREIBT

es werden ihm alle Heiden zuströmen; und viele Völker
werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns wallen
zum Berge des Ewigen, zum Hause des G"ttes Jakobs, dass
er uns belehre über seine Wege und wir wandeln auf seinen Pfaden! Denn von Zion wird die Lehre ausgehen und
des Ewigen Wort von Jerusalem.
Die Robotik-Revolution kann unheimliches Unglück bringen, es sei denn, unsere Gesellschaft führt bestimmte grundlegende Änderungen ein. Solche Änderungen werden die Menschenwürde vom Beruf und von der
Arbeit unabhängig machen, sie drohen uns aber in einem
Disney-artigen Freizeitdorf vor lauter Langeweile untergehen zu lassen. Das ist immerhin besser als das Szenario des
unheimlichen Unglücks, aber es ist nicht genug. Vielleicht
entstehen aber ausgerechnet jetzt ein Tor und ein Weg, die
uns halbwegs zur messianischen Ära führen, in der Menschen sich der Geistigkeit und der Nächstenliebe widmen
können. Zwar fällt es uns schwer, sich so etwas vorzustellen, aber vielleicht ist es nur schwer, weil wir noch so tief
im Sumpf der krassen menschlichen Bedürfnisse stecken,
dass wir nicht so weit hinausschauen können. Dennoch
dürfte die nächste Stufe der menschlichen Entwicklung
die der allgemeinen Geistigkeit und G"ttesnähe werden.
Oder nicht. Wir haben die Wahl.
Siehe, es kommen Tage, spricht der HERR, der Ewige
G"tt-Allmächtige, da werde Ich einen Hunger senden ins
Land, nicht einen Hunger nach Brot, noch einen Durst
nach Wasser, sondern danach, die Wörter des Ewigen zu
hören. (Amos 8:11)
2
1 CNBC, 22. Juni 2017: http://www.cnbc.com/2017/06/20/mcdonaldshits-all-time-high-as-wall-street-cheers-replacement-of-cashiers-withkiosks.html
2 Bloomberg Businessweek, 21. Juni 2017: https://www.bloomberg.com/
news/articles/2017-06-21/how-just-14-people-make-500-000-tons-ofsteel-a-year-in-austria
3 Wired, 25. Oktober 2016: https://www.wired.com/2016/10/ubers-selfdriving-truck-makes-first-delivery-50000-beers
4 Bloomberg Businessweek, 18. August 2016: https://www.bloomberg.
com/news/features/2016-08-18/uber-s-first-self-driving-fleet-arrives-inpittsburgh-this-month-is06r7on
5 Als E-Book erhältlich oder online hier zu lesen: http://marshallbrain.
com/manna.htm
6 Stephen Hawking, The Guardian, 1. Dezember 2016: https://www.
theguardian.com/commentisfree/2016/dec/01/stephen-hawking-dangerous-time-planet-inequality
7
https://www.recode.net/2017/2/6/14517118/john-markoff-robotstaking-jobs-new-york-times-recode-podcast
8 http://money.cnn.com/2017/07/14/technology/business/radiologydoctors-artificial-intelligence/index.html
9 Cf. Numerii 26:53-57.
10 Leviticus 25:23.
11 Ebd. Vers 10.
12 Deuteronomium 15:2.
13 René Descartes, Meditationes de prima philosophia, Zweite Meditation.
14 Ebd. Erste Meditation.

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