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Jüdisches Echo 17-18

Seite 81 Jüdisches Echo 17-18Wenn man es sich recht überlegt, unterscheiden sich die
beiden Szenarien von Marshall Brain nicht so sehr voneinander. Gewiss würden wir alle, gäbe es keine anderen
Alternativen, lieber in Marshall Brains ,,Project Australia"
als in seiner amerikanischen Dystopie leben, und doch
werden in beiden Gesellschaften die Menschen von Computern kontrolliert. Zwar begegnet ihnen das eine Modell
mit mehr Respekt, während das andere eine Katastrophe
für all jene darstellt, die nicht zu den Steinreichen zählen.
Dennoch sollten wir uns aber fragen, ob die beiden Szenarien die einzigen sind, die wir uns vorstellen können.
Welche Gedanken bietet die jüdische Traditionsliteratur,
damit wir uns eine andere Utopie vorstellen können?
Versuchen wir folgendes Gedankenexperiment: Stellen wir uns eine Welt vor, in der alle Grundbedürfnisse der
Menschen abgedeckt sind, in der sie anständig ernährt und
beherbergt werden. Was würden Menschen in so einer Welt
tun? Befreit von der Verantwortung, die Grundlage der eigenen Existenz sichern zu müssen, würden die Menschen
aufhören, produktiv zu sein? Würden sie einander bedrohen und von Eifersucht getrieben sein? Oder würde der
Mensch die neu gewonnene Freiheit und Sicherheit dafür
einsetzt, eine nächste Stufe der menschlichen Entwicklung
zu erreichen? Eigentlich fragen wir danach, was die nächste
Stufe der menschlichen Motivation sein könnte.
Seit eh und je haben das Judentum und die jüdische
Geistesgeschichte sehr unterschiedliche Vorstellungen
der messianischen Zeit toleriert und sogar kanonisiert.
Auf der einen Seite gibt es fantastische Beschreibungen
von einer kommenden Ära, in der übernatürliche Geschehnisse zum Alltag gehören werden. An der anderen
Seite haben wir die von Maimonides bevorzugte Vorstellung vom talmudischen Weisen Schemuel (TB Berachot
34b), nach der es ,,keine Unterschiede zwischen dieser
Ära und der Ära des Messias, mit Ausnahme des Jochs
der (fremden) Mächte/Herrschaft" gibt. So oder so sind
die Spekulationen einer fantastischen Ära höchst interes80

Gewiss können wir diese Vorstellung wörtlich nehmen
und Rabban Gamliel zu denen zählen, die sich eine fantastische und mit Wundern gefüllte messianische Ära vorstellen. Aber wir können diese Vorstellung auch abstrahieren
und Rabban Gamliel so verstehen, dass wir in der messianischen Ära nicht mehr so sehr um unser physisches Überleben kämpfen werden müssen. Sich Essen und Kleider zu
beschaffen wird nicht mehr so viel Zeit und Aufwand in
Anspruch nehmen.
Wenn wir aber unsere Zeit nicht mehr mit für das
physische Überleben notwendigen Dingen füllen werden,
was werden wir dann tun? Was wird sein, wenn wir in einem jüdischen ,,Project Australia" landen?
Der Talmud (TB Berachot 35b) berichtet von einer
grundlegenden Meinungsverschiedenheit, wie wir zu wirtschaftlicher Aktivität stehen. Ist es gut, dass wir arbeiten
müssen, oder ist es denkbar, dass wir auf Arbeit verzichten
können?
Die Rabbanan lehrten [es steht] (Deuteronomium
11:14): Du wirst dein Korn einbringen was lehrt dies? Es
heißt (Joschua 1:8): nicht soll dieses Buch der Thora von
deinem Munde weichen, somit könnte man glauben, man
nehme dies wörtlich (und tue nichts anderes, als sich in
der Lehre der Thora zu vertiefen), so heißt es: du wirst dein
Korn einbringen Benimm dich also normal, so Rabbi
Jischmael.
Rabbi Simon Bar Jochai sagt hingegen: Ist es denn
möglich, dass ein Mensch zur Zeit des Pflügens (lediglich)
pflügte, zur Zeit des Säens (lediglich) säe, zur Zeit des Mähens (lediglich) mähe, zur Zeit des Dreschens (lediglich)
DASJÜDISCHEECHO

EP SOS. DE

Werden intelligente Roboter bald Radiologen und andere
hochgebildete Experten überflüssig machen?

sant, denn sie sind gleichzeitig ,,bedingte Spekulationen"
nach der Art eines ,,Was wäre wenn".
So lehrt der Talmud (TB Sabbat 30b):
Rabban Gamliel sagte: Dereinst werden die Bäume
täglich Früchte hervorbringen, denn es heißt (Ezekiel
17:23): Er wird Zweige treiben und Frucht bringen. Genau
wie Zweige jederzeit herauswachsen, so auch werden die
Früchte zu jederzeit hervorgebracht werden. Da spottete
ein gewisser Schüler über ihn, indem er sprach (Prediger
1:9): Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Erwiderte [Rabban Gamliel]: Komm, ich will dir dergleichen auch auf
dieser Welt zeigen. Da ging er hinaus und zeigte ihm einen
Kapernstrauch (dessen Früchte dauernd hervorgebracht
werden). Abermals saß R. Gamliel und trug vor: Dereinst
wird das Land Israel Brote und wollene Gewänder (fertig) hervorbringen, denn es heißt (Psalmen 72:16): es wird
Überfluss von Korn im Lande sein. Da spottete ein gewisser Schüler über ihn, indem er sprach: Es gibt nichts Neues
unter der Sonne. Erwiderte [Rabban Gamliel]: Komm, ich
will dir dergleichen auch auf dieser Welt zeigen. Da ging er
hinaus und zeigte ihm Schwämme und Pilze (also fertiges
Essen, das in einer kurzen Zeit wächst), und bezüglich der
wollenen Gewänder zeigte er ihm den Bast der jungen Palme (der ein Gewebe formt).

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