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Jüdisches Echo 17-18

Seite 79 Jüdisches Echo 17-18Grundeinkommen für alle: Zur Veranschaulichung ließ eine Initiative
in Bern acht Millionen 5-Rappen-Stücke (à 4 Eurocent) aufschütten

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einer Firma beherrscht werden, wie sich aus der Marktführerschaft von Google, Facebook und Apple ergibt.
Uber zeigt, wie Dienstleistungen nun zunehmend von
ähnlichen ,,Economies of Scale" (Skaleneffekte, das sind
Kostenersparnisse aufgrund der Größe) betroffen sind.
Wenn sich dieser Trend fortsetzt, könnte sich so eine
schreckliche Gesellschaft entwickeln, wie sie Marshall
Brain für seine fiktive USA schildert.
Wobei man als Kritik zu dieser These schon anmerken muss, dass Menschen, die zum überwiegenden Teil
Sozialhilfeempfänger sind und in (kontrollierter) Armut
leben, auch nichts mehr kaufen können. Es ist also im
Interesse der Reichsten, dass die Ärmsten nicht zu arm
werden und die Mittelschicht nicht verschwindet, denn
wer wird sonst ihre Produkte noch kaufen?
Es ist übrigens nicht immer eindeutig, wohin die
Wirtschaft führt. So berichtet CNN Tech am 14. Juli
2017, dass artifizielle Intelligenz zunehmend eingesetzt
wird, um Röntgenbilder und dgl. zu analysieren.8 Einerseits ermöglichen diese Technologien, die viel größere
Zahl von Aufnahmen, die von modernen MRI-Geräten
produziert werden, zu verarbeiten. Wo einst ein Röntgenspezialist für jeden von einem CT-Scan-Gerät durchleuchteten Patienten zwanzig bis fünfzig Bilder analysieren müsste, sind es heute leicht tausend, was ein Mensch
kaum verarbeiten kann. Die Technologie erlaubt uns also
mehr zu tun und genauer zu wirken. Anderseits macht
sie den hochgebildeten Radiologen langsam überflüssig.
Bald wird er nur noch den Patienten die Schlussfolgerungen des AI-Systems erklären müssen. Ist diese Entwicklung eine positive oder negative?
Dennoch wäre es angemessen, darüber nachzudenken, wie die biblischen Gebote rund um die Sabbat- und
Jowel-Jahre in unserer nicht-agrarischen Gesellschaft im
Geiste umgesetzt werden können.
Das fiktive ,,Project Australia" erinnert nämlich an
Schilderungen der jüdischen Utopie bei den Propheten
Israels: ,,... dass Juda und Israel sicher wohnten, ein jeder
unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum"
(I. Könige 5:5) und ,,dass sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Rebmessern verschmieden; kein
Volk wird wider das andere ein Schwert erheben, und sie
werden nicht mehr den Krieg erlernen; sondern jedermann
wird unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum
sitzen, und niemand wird ihn stören" (Mica 4:3-4). Solch
eine Utopie kann aber nur Wirklichkeit werden, wenn alle
Bürger Landbesitzer sind. Das ist aber auch ein Teil der
biblischen Utopie, denn nach der Thora wurde das Heilige
Land unter allen zwölf Stämmen Israels aufgeteilt,9 und
man konnte Land größtenteils nur verpachten, nicht verkaufen;10 alle fünfzig Jahre musste ein Jowel-Jahr ausgerufen werden, es gingen alle Sklaven frei und alle Felder gingen an ihre ursprünglichen erblichen Besitzern zurück.11
Zwischen den Jowel-Jahren ging jedermann alle sieben
Jahre am Ende des Sabbatjahres bankrott.12 Damit sicherte
DASJÜDISCHEECHO

S T EFAN BO H RE R / W I K IM E D I A C O M M O N S

des ,,Project Australia" ist einfach: Jeder Aktieninhaber hat
Anspruch auf einen Platz im Projekt. Es ist ein Projekt,
in dem weitgehend alles recycelt wird und die Energie
aus nachhaltigen Quellen kommt. Diese Energie gibt es
im Übermaß, sodass sich das Leben im Projekt gut entfalten kann. Menschen werden mit Elektronik bestückt,
damit sie ohne zusätzliche Geräte jederzeit Zugriff auf die
,,Augmented Reality" (eine computergestützte ,,erweiterte
Realität") haben. Statt Telefon, Rechner und GPS-Gerät
zu benützen, müssen sie nur noch denken. Damit werden
die Menschen mit einer ähnlichen Technologie versehen,
wie sie in Manna steckt. Aber statt damit Menschen zu
managen, sollte das System des ,,Project Australia", das direkt in die Wirbelsäule eingepflanzt wird, den Menschen
Wahlmöglichkeit und Kontrolle geben.
In der Utopie von Marshall Brain haben die Menschen die Freiheit, das ganze Leben Ferien zu machen
oder sich vollständig ihren kreativen Impulsen zu widmen. Forscher forschen, ohne sich um ihr Einkommen
sorgen zu müssen, Künstler machen Kunst und CouchPotatoes können den ganzen Tag fernsehen. Abenteurer
erleben die Natur und unternehmen Fernreisen, und
auch alle anderen machen das, was sie gern tun. Damit
eine Person nicht zu viele Ressourcen verbraucht, wird
jedem Einwohner-Aktionär wöchentlich ein Guthaben
zugewiesen, das er ausgeben oder sparen oder auch in einem Crowdfunding-System in die Forschung und Entwicklung von Innovationen investieren kann.
Das Buch von Marshall Brain führt deutlich vor Augen, dass die sich rasch entwickelnde Technologie ohne
grundlegende gesellschaftliche Änderungen zu einer Ungleichheit führt, die noch viel schlimmer sein wird als
jene, die wir bisher gekannt haben. Internet-Technologien erlauben bereits jetzt einigen wenigen Firmen, einen großen Teil des Handelsmarktes zu beherrschen, wie
zum Beispiel Amazon, das längst nicht mehr nur Bücher
verkauft. Reine Internet-Dienstleistungen und Technologieprodukte, wie soziale Netzwerke und Kommunikationstechnologien überhaupt, können noch leichter von

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