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Jüdisches Echo 17-18

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fangs im Fastfoodbereich eingesetzt wird. Es begleitet
die Arbeiter während ihres Arbeitstages, um sie möglichst effizient zu machen. Was Manna von früheren Automatisierungswellen unterscheidet, ist, dass hier nicht
repetitive Handlungen, die von Arbeitnehmern der unteren Schicht ausgeführt werden, automatisiert werden,
dafür ist die Arbeit in den Fast-Food-Restaurants zu
vielfältig. Nein, Manna ersetzt jetzt die besser bezahlten
Manager und bedroht damit die Aufstiegsmöglichkeiten
und überhaupt die wirtschaftlich-gesellschaftliche Mittelschicht. Die Fastfood-Firma, die das Managementsystem Manna erfunden hat, erspart sich immer mehr Personalkosten und fährt dramatisch gestiegene Gewinne
ein. (Hatten wir nicht erwähnt, dass McDonald's vorhat,
an 2500 Verkaufspunkten ein vollautomatisiertes System
zum Bestellen und Bezahlen zu installieren.)
Mit der Zeit lernt das Manna-System immer mehr
dazu, sodass es einerseits für weitere Unternehmen in
der Dienstleistungsindustrie Verwendung findet, und
anderseits immer mehr Aufgaben in den bestehenden
Bereichen übernimmt. Nach einer gewissen Zeit hat das
System genug Daten gesammelt, um sogar die Anstellung und Bewertung der Arbeitnehmer übernehmen zu
können. Schließlich wird das System ermächtigt, Ermahnungen und Abmahnungen zu erteilen, und es kann bei
Bedarf Arbeitnehmer entlassen. Die Aneignung immer
spezifischerer Kenntnisse ermöglichen es dem System,
Anwälte, Ärzte und andere hochqualifizierte Fachleute
zu unterstützen, bis es schließlich so beherrschend wird,
dass auch in jenen Fachgebieten der Druck auf die Löhne zunimmt. Als sich die artifizielle Intelligenz dann so
weit entwickelt hat, dass sie auch komplexe Objekte und
Räume ,,sehen" und entsprechend handeln kann, werden
Menschen zunehmend von Robotern ersetzt. Da aber das
Manna-System in vielen Industrien eingesetzt wird und
für die Anstellung von immer weniger benötigten Arbeitnehmern zuständig ist, finden die gefeuerten Arbeitskräfte kaum noch neue Stellen. Es hat sich eine Situation entwickelt, die rückblickend schlimmer ist als die von Karl
Marx im ,,Kapital" beschriebene Ausbeutung des Proletariats. Die Welt besteht nun aus wenigen steinreichen
Kapitalinhabern, für die die Roboter alles tun, und einem
Proletariat, das nicht einmal mehr ausgebeutet, sondern
ausgeschlossen aus der Gesellschaft in kleinen Sozialwohnungen mit Fernsehern ruhig gestellt und von einer
effizienten Gemeinschaftsküche ernährt wird.
Ohne auf das Werk von Marshall Brain hinzuweisen, kommt der berühmte Physiker Stephen Hawking zu
ähnlichen Schlussfolgerungen.6 Er sah die ersten Anzeichen einer bedrohlich wachsenden Ungleichheit schon
in der Finanzkrise von 2008, als deutlich wurde, welch
übergroßen Einfluss einige wenige Leute auf die Weltwirtschaft haben und dass einige Fehler der Wall Street
die ganze Welt in einer Wirtschaftskrise stürzen können.
Für ihn sind die Brexit-Befürworter und die Wähler
Vol.66: WOHIN UNSERE WELT TREIBT

Neue Kiosk-Selbstbedienungsterminals bei McDonald's: Innovation
lässt die Aktienkurse steigen

D
onald Trumps laute Proteststimmen von von der Globalisierung und den Entwicklungen in der Robotik und
in den Informationstechnologien betroffenen Menschen,
Proteststimmen, die wir nicht ignorieren dürfen.
Es sind sich jedoch nicht alle Denker darin einig,
dass die zunehmenden Fertigkeiten unserer Roboter
schlecht für die Gesellschaft sind. So etwa schreibt der
Journalist John Markoff in der ,,New York Times": ,,We
need robots to take our jobs",7 denn zwei demografische
Tendenzen bedrohten unsere Wirtschaft: sinkende Geburtenzahlen und eine immer älter werdende Gesellschaft. Sinkende Geburtenraten bedeuten, dass es immer schwieriger wird, neue Arbeitnehmer zu finden, um
jene, die in den Ruhestand gehen, zu ersetzen. Außerdem
brauchen ältere Menschen mehr Unterstützung. In der
Vergangenheit lebten die Menschen nicht so lange wie
heute, und wer dann doch sehr alt wurde, verfügte über
mehr junge Menschen, die sich um ihn kümmerten.
Heute hat sich das Verhältnis zugunsten der älteren Menschen verschoben. Der Anteil der Alten war noch nie so
hoch wie heute und die Wirtschaft ist auf die Hilfe von
Robotern angewiesen, um die Greise zu versorgen. John
Markoff zeigt auf, wie technologische Entwicklungen
zur Verbesserung der Gesellschaft beitragen können, er
bietet jedoch keine Lösungen an, wie das Horrorszenario
von Marshall Brain zu verhindern wäre.
Auch Marshall Brain stellt sich andere mögliche Gesellschaften vor, die aus dieser technologischen Revolution entstehen könnten. So wird der Held der Geschichte,
der mittlerweile keine Chance auf Arbeit mehr hat, eines
Tages von zwei Vertreterinnen eines ,,Project Australia"
besucht. Jahre zuvor hatte ein Unternehmen ein großes
Stück Land in Australien gekauft, um dort eine technologisch unterstütze Utopie zu entwickeln, ein Paradies auf
Erden. Das Programm gefällt der Regierung so gut, dass
sich ganz Australien dem Projekt anschließt. Das Prinzip
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