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Jüdisches Echo 17-18

Seite 75 Jüdisches Echo 17-18nosen bezweifeln. Viele als kaum lösbar geltende Probleme müssten noch überwunden werden, bis Nanoroboter
vom menschlichen Organismus toleriert und auch mit
Energie versorgt werden können.
Technikskeptiker fragen sich, ob solche Entwicklungen, die an die ,,Cyborgs" genannten Mensch-Maschinen
aus Science-Fiction-Horrorfilmen erinnern, überhaupt
wünschenswert sind. Begeisterung zeigen dagegen radikale
Splittergruppen, die den Übermenschen züchten wollen.
Kurzweil sagt, dass ihm alle Einwände bekannt seien. Ein kontrollierter Fortschritt der Wissenschaft sei
aber viel besser, als ein Verdrängen neuer Erkenntnisse in
den unkontrollierten Untergrund. Außerdem würde die
Menschheit mit dem zu erwartenden Intelligenzschub
auch zahlreiche Probleme wie ihre Ernährung und sinnvolle Beschäftigung lösen und überhaupt ein viel erfüllteres Leben haben.
Ein wenig erinnern seine Fantasien an die Romane Jules Vernes, dessen Zukunftsvorstellungen ebenfalls
direkt auf der Technik seiner Zeit beruhten. So wird im
Roman ,,Von der Erde zum Mond" (1865) ein bemanntes Projektil von einer riesigen Kanone zum Erdtrabanten geschossen. Kurzweils Visionen entstammen deutlich dem Zeitalter der Smartphones und ihrer Apps.

«Seine Großmutter Lilian Bader, die 1958
in New York verstarb, schrieb davor das Buch:
,,Ein Leben ist nicht genug. Memoiren einer
Wiener Jüdin".»
Der Erfinder bestreitet gar nicht, dass er auch von der Science-Fiction-Literatur beeinflusst worden ist. Bereits als
Kind verschlang er die Tom-Swift-Jr.-Reihe, in der schon
in einer frühen Ausgabe ein Bildtelefon vorkommt. Im
Kinderzimmer bastelte er ein Roboter-Theater. Mit 17
trat er in der TV-Talente-Show ,,I've Got a Secret" auf. Er
stellte dort einen selbst zusammengebauten Computer
vor, der musikalische Kompositionen analysierte und im
gleichen Stil neue Melodien komponierte. Er studierte
dann am Massachusetts Institute of Technology Computerwissenschaften und Literatur. Noch vor seinem
Abschluss am MIT 1970 gründete er seine erste Firma.
Seit 1975 ist er mit der Psychologin Sonya Rosenwald
Kurzweil verheiratet; sie haben zwei erwachsene Kinder.
Seine Erkenntnisse verbreitet Ray Kurzweil auch
international. Auf einer dieser Vortragsreisen kam er
2010 nach Wien, wo er gemeinsam mit dem Apple-Mitgründer Steve Wozniak beim ,,Future Talk" der Telekom
Austria und im Parlament auftrat. Für die freien Stunden, so verriet Kurzweil später in seinem Internetblog,
engagierte er einen Fremdenführer, um nach seinen österreichischen Wurzeln zu suchen. Sein Weg durch das
verregnete Wien führte ihn in die Wipplingerstraße 31,
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wo seine Mutter Hannah und deren Schwester Dorit
bei ihren Eltern aufgewachsen waren. Eine weitere für
seine Familiengeschichte wichtige Adresse war die Werdertorgasse 12, nahe dem Donaukanal. Dort befand sich
von 1863 bis 1938 die ,,Stern'sche Mädchen-Lehr- und
Erziehungsanstalt", weitum die erste höhere Schule für
Mädchen, die in bildungshungrigen Schichten, vor allem
auch jüdischen, in der ganzen Monarchie bekannt war.
Die Leitung der Schule wurde 1903 von Kurzweils
Urgroßmutter Regine Stern und weiteren Verwandten
übernommen. Deren beide Töchter Lilian und Hilda absolvierten selbst die Stern-Schule und machten dann eine
Ausbildung als Pianistinnen und Musikpädagoginnen.
Kurzweil stellt seine Großmutter Lilian, die später den
Arzt und Offizier Erwin Bader heiratete, als Hauptfigur
seiner Familiengeschichte heraus: Sie studierte zusätzlich
an der Uni Wien Chemie und machte, als eine der ersten Frauen überhaupt, in diesem Fach das Doktorat. Als
mehrere mit der Stern-Schule verbundene Verwandte
starben, übernahm sie 1919 deren Leitung.
1938 wurde die Schule von den Nazis geschlossen,
das Familienvermögen geraubt. Dem Ehepaar Bader gelang es, mit den beiden Töchtern nach England zu flüchten. (Das Doktorat wurde Lilian von den NS-Behörden
1942 ,,aus rassischen Gründen" aberkannt.) In Großbritannien brachte die damals bereits 45-Jährige die Familie mit ihrer Arbeit als ,,Hausmädchen" durch. Als für
ihren Mann Internierungsgefahr bestand, flüchteten sie
­ über Vermittlung von Freunden weiter in die USA.
In New York arbeitete sie, wie auch die zu ihnen gestoßene Schwester Hilda, als Klavierlehrerin, bis Erwin Bader
seine Zulassung als Arzt bekam. Lilian Bader, die 1958
in New York verstarb, hatte davor über ihr Schicksal ein
Buch verfasst, das unter dem Titel ,,Ein Leben ist nicht
genug. Memoiren einer Wiener Jüdin" 2011 im MilenaVerlag auch auf Deutsch erschien.
Mit Stolz erwähnt Kurzweil, dass er gegen Ende von
Lilian Baders Erinnerungsbuch erwähnt wird: als kleiner
Raymond, der Sohn ihrer Tochter Hannah und deren
1912 in Wien geborenen Mannes Fredric Kurzweil, eines
früheren Klavierschülers ihrer Schwester Hilda Stern.
Ray Kurzweil hat es nie überwunden, dass er mit
seinem Vater Fredric vor dessen frühem Tod 1970 nur
wenig Zeit verbringen konnte, weil dieser als Pianist und
Dirigent, als Leiter von Musikcolleges und Organisator
von Opernworkshops so stark beschäftigt war. Seither
sammelt der Sohn deshalb Gegenstände, die ihn an den
Vater erinnern: Briefe und Fotografien, Schallplatten
und Filme, sogar die Stromrechnungen, alles in fünfzig
Kisten verpackt. Wenn sich die Vorhersagen des Futurologen bewahrheiten, dann sollte es möglich sein, eines
Tages einen Avatar seines Vaters zu schaffen, einen virtuellen Doppelgänger, von dem Ray glaubt, dass er für
jene, die sich an den echten Fredric Kurzweil erinnern,
nicht von diesem zu unterscheiden sein wird.
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