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Jüdisches Echo 17-18

Seite 51 Jüdisches Echo 17-18Ich frage mich plötzlich, ob es vielleicht eine ironische
List von Ihnen war, mir Ihre Zeilen zuzusenden. Sollte es
eine paradoxe Intervention gewesen sein? Wollen Sie mich
provozieren? Immerhin weiß ich längst, woher der Text
stammt. Ich erinnere mich. Es ist ein Auszug aus Ihrem
Roman ,,Altneuland", mit dem Sie mich heimsuchen.
Wenn es Ihnen letztlich darum ging, mich damit zu
überraschen und nachdenklich zu stimmen, dann ist Ihnen das recht gut gelungen. (...)
Fraglos: Bevor Israel existierte, litten Juden unter einem Exil, das vor allem ein soziales und ein politisches
war, auch in Zion. Sie waren diskriminiert, ob in Wien
oder Jerusalem. Während jedoch einst Europa das unsicherste Gebiet für Juden war, ein Kontinent des Judenhasses, weswegen der Zionismus in den Orient auswich,
ist heute der Nahe Osten das Zentrum der Feindschaft
gegen Juden.
Nein, die Staaten der Welt schauen nicht voller Bewunderung nach Jerusalem. Ganz im Gegenteil. Leider.
Ich hoffe, Sie lieber Herzl, nehmen mir nicht übel,
wenn ich den Soziologen Natan Sznaider, Professor in
Tel Aviv, in cc setze. Es ist ja nichts Intimes, was wir uns
schreiben. Er ist ein Freund, der das, wovon wir nur theoretisch reden, alltäglich lebt. Ich halte so eine israelische
Sicht für wichtig. Sonst wird unser Austausch zum bloßen Wiener Kaffeehausgerede.
LG
Doron Rabinovici

Von:
Betreff:
Datum:
An:
CC:

teddyherzl@altneuland.com
Herzl reloaded
14.12.14 10:03
doron.rabinovici@liter.at
natan.sznaider@subt.il

Sehr geehrte Herren!
Ich bin 1860 in Budapest geboren, nahe der Synagoge,
in der mich der Rabbi jüngst mit den strengsten Worten
anklagte, weil ich ­ wirklich und wahrhaftig ­ weil ich
für die Juden mehr Ehre und Freiheit, als sie gegenwärtig
genießen, zu erlangen versuche. Aber an der Vordertür
des Hauses in der Tabakgasse, wo ich das Licht der Welt
erblickte, wird nach zwanzig Jahren ein Zettel mit der
Anzeige ,,Zu vermieten" zu lesen sein.
Ich kann nicht leugnen, dass ich in die Schule ging.
Erst wurde ich in eine jüdische Vorschule geschickt, wo
ich ein gewisses Ansehen genoss, weil mein Vater ein
wohlhabender Kaufmann war. Meine früheste Erinnerung an diese Schule besteht in Prügeln, welche ich
erhielt, weil ich die Einzelheiten des Auszugs der Juden
aus Ägypten nicht wusste. Gegenwärtig möchten mich
viele Schulmeister prügeln, weil ich mich zu viel an jenen
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Auszug aus Ägypten erinnere. Im Alter von zehn Jahren
kam ich auf die Realschule, wo man im Gegensatz zu
dem Gymnasium, welches das Schwergewicht auf die alten klassischen Sprachen legt, mehr das moderne Wissen
betont. Lesseps war damals der Held des Tages, und ich
fasste den Plan, den anderen Isthmus, den von Panama,
zu durchstechen. Bald aber verlor ich meine bisherige
Vorliebe für Logarithmen und Trigonometrie, weil damals eine ausgesprochene antisemitische Richtung auf
der Realschule herrschte. Einer unserer Lehrer erklärte
die Bedeutung des Wortes ,,Heiden", indem er sagte: ,,Zu
diesen gehören die Götzendiener, Mohammedaner und
Juden." Nach dieser merkwürdigen Erklärung hatte ich
von der Realschule genug und wollte eine klassische Anstalt besuchen. Mein guter Vater zwängte mich für meine Studien nie in eine enge Bahn hinein, und so wurde
ich Schüler eines Gymnasiums. Trotzdem war der Panamaplan für mich noch nicht ganz beseitigt. Viele Jahre
später hatte ich als Pariser Korrespondent der Neuen
Freien Presse (in Wien) die Pflicht, über die berüchtigten
Vorkommnisse bei dieser skandalösen Episode der Geschichte Frankreichs zu schreiben. (...)
Während der letzten zwei Monate meines Aufenthaltes in Paris schrieb ich das Buch ,,Der Judenstaat".
Ich erinnere mich nicht, je etwas in so erhabener Gemütsstimmung wie dieses Buch geschrieben zu haben.
Heine sagt, dass er die Schwingen eines Adlers über seinem Haupte rauschen hörte, als er gewisse Verse niederschrieb. Ich glaubte auch an so etwas wie ein Rauschen
über meinem Haupte, als ich dieses Buch schrieb. Ich
arbeitete an ihm täglich, bis ich ganz erschöpft war; meine einzige Erholung am Abend bestand darin, dass ich
Wagner'scher Musik zuhörte, besonders dem ,,Tannhäuser", eine Oper, welche ich so oft hörte, als sie gegeben
wurde. Nur an den Abenden, wo keine Oper aufgeführt
wurde, fühlte ich Zweifel an der Richtigkeit meiner Gedanken.
Zuerst hatte ich den Gedanken gehabt, diese meine
kleine Schrift über die Lösung der Judenfrage nur privatim unter meinen Freunden umlaufen zu lassen. Die
Veröffentlichung dieser Ansichten habe ich erst später ins
Auge gefasst; ich hatte nicht die Absicht, eine persönliche
Agitation für die jüdische Sache zu beginnen. Die meisten
Leser werden erstaunt sein, wenn sie von diesem früheren Widerstreben hören. Ich betrachtete die ganze Sache
nur als solche, in der man handeln, nicht aber disputieren
müsse. Öffentliche Agitation sollte nur mein letztes Auskunftsmittel werden, wenn man meinen privat gegebenen
Rat nicht anhörte oder nicht befolgte. (...)
Aber eines betrachtete ich als gewiss und über allem
Zweifel erhaben: die Bewegung wird anhalten. Ich weiß
nicht, wann ich sterben werde, aber der Zionismus wird
nie sterben.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr Theodor Herzl
DASJÜDISCHEECHO

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