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Jüdisches Echo 17-18

Seite 45 Jüdisches Echo 17-18nicht mehr glaubte, gab nicht bloß eine Kollektion von
Daten auf, die man bislang offenbar falsch interpretiert
hatte, sondern ein Narrativ, das Daten jedweder Art
rechtfertigte, solange der künftige Erfolg garantiert war."
Inzwischen hat sich ein unübersehbarer Strom von
Erinnerungen, Filmen, Quelleneditionen, akribischen
Forschungsberichten und literarischen Verarbeitungen der
geschichtlichen Katastrophe des realen Kommunismus
angenommen. 1997 kam das zweibändige, jeweils tausendseitige ,,Schwarzbuch des Kommunismus" auf eine
weltweite Bilanz von nahezu hundert Millionen Toten.
Und doch wurde diesen Opfern nie die Aufmerksamkeit
zuteil wie jenen der nationalsozialistischen Verbrechen,
vor allem nicht in Russland selbst. Es ,,herrschte eine
auffällige Asymmetrie", schreibt der deutsche Historiker
Karl Schlögel. ,,Eine Welt, die sich die Namen von Dachau, Buchenwald und Auschwitz eingeprägt hat, tat sich
schwer mit Namen wie Workuta, Kolyma oder Magadan
... So starben die Opfer Stalins ein zweites Mal, diesmal im
Gedächtnis. Sie verschwanden im Schatten der Jahrhundertverbrechen der Nazis, sie wurden unsichtbar hinter
den unvorstellbar großen Opferzahlen des Großen Vaterländischen Krieges. Sie blieben auf der Strecke in den
ideologischen Abrechnungen des Kalten Krieges."
Schlögel veröffentlichte seine Reise ans Ende der
Nacht über Moskau 1937, zwanzig Jahre nachdem die
Menschenrechtsbewegung Memorial begonnen hatte,
die Topografie der Massaker zu vermessen. Er hoffte
damals, 2008, dass im Herzen des Terrors, in der Lubjanka, dem ehemaligen KGB-Zentrum in Moskau, wo
Zehntausende verhört und in den weitläufigen Kellern
gefoltert und erschossen worden sind, ein Ort des Gedenkens entstehen könne. Davon ist Putins Russland
weit entfernt. Dort befinden sich heute der Inlandsgeheimdienst FSB und das Geheimdienstarchiv. Memorial
wird heute als ,,ausländischer Agent" geführt und kommt
schwer unter Druck. Für Stalin werden im ganzen Land
neue Museen errichtet. Über seine Verbrechen und jene,
die sie exekutiert haben, wird kein Wort verloren.
Leopold Trepper, 1954 nach zehn Jahren Haft aus
der Lubjanka entlassen, wurde von seinem eigenen Sohn,
der ihn nicht wiedererkannte, gefragt: ,,Warum wurden
Sie verurteilt? Bei uns verbringen Unschuldige nicht zehn
Jahre hinter Gefängnismauern." 1974 zog er Resümee:
,,Haben wir unser Leben nicht für die Suche nach einer
neuen Welt geopfert? Wir lebten in der Zukunft, und
wie das Paradies der Gläubigen, rechtfertigte die Zukunft
unsere ungewisse Gegenwart ... Ich weiß, dass die Jugend
dort, wo wir gescheitert sind, Erfolg haben wird, dass der
Sozialismus siegen wird, und dass er nicht die Farben der
russischen Panzer haben wird, die Prag zermalmt haben."
Lion Feuchtwanger, der sich sehr wohl der Verunsicherung bewusst war, in die ihn seine Reise nach Moskau
gestürzt hatte, ließ bereits drei Jahre später einen Komponisten namens Sepp Trautwein, ein weiteres Alter Ego,
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in seinem Roman ,,Exil" sagen: ,,Ihr andern, ihr habt es
gut. Ihr sitzt in eurer Weltanschauung wie der Dotter im
Ei" (dieses Ei und sein Dotter kehrt immer wieder), ,,ihr
messt die ganze Welt an euern Prinzipien ab wie an einem Zentimeterstab (...) Ich fühl mich gar nicht wohl.
Ich habe begriffen, dass eure Grundprinzipien richtig
sind: aber ich hab es eben nur begriffen. Mein Hirn sieht
es ein, aber mein Gefühl geht nicht mit, mein Herz sagt
nicht ja. Ich hänge an meiner altmodischen Freiheit (...)
Das Alte ist doch noch nicht tot, und das Neue ist noch
nicht lebendig, es ist eine scheußliche Übergangszeit, es
ist halt wirklich ein jämmerlicher Wartesaal!" Das war
ein nüchterner Befund und weitaus realistischer als Treppers lebenslanger Traum.
Tony Judt hat sich leidenschaftlich mit Osteuropa
und dem Kommunismus auseinandergesetzt, der in seiner Familie tiefe Spuren hinterlassen hat. Ebenso Gerd
Koenen, in seiner Jugend linksradikal, Maoist, Mitglied
des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands. Nach
seiner Begegnung mit der polnischen Solidarno sagte
er sich los und wurde, wie Arthur Koestler, ein scharfer
Kritiker und Historiker des Großen Terrors.
,,Alles fließt, alles ändert sich", schrieb Wassili Gross
mann, der sowjetische Chronist der stählernen Zeit. ,,Man
steigt nicht zweimal in denselben Transport."
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Zitierte Literatur
Babel, Isaak (1961), Budjonnys Reiterarmee. München: dtv.
Feuchtwanger, Lion (1963), Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz. Berlin: Aufbau.
Feuchtwanger, Lion (1993, [1937]), Moskau 1937. Ein Reisebericht für
meine Freunde. Berlin: Aufbau.
Feuchtwanger, Lion (1984, [1937]), Der Ästhet in der Sowjetunion. In:
Ein Buch nur für meine Freunde. Frankfurt a. Main: Fischer.
Feuchtwanger, Lion (1974), Exil. Berlin, Weimar: Aufbau.
Gide, André/Koestler, Arthur u. a. (1950), Ein Gott der keiner war.
Arthur Koestler, André Gide, Ignazio Silone, Louis Fischer, Richard
Wright, Stephen Spender schildern ihren Weg zum Kommunismus und
ihre Abkehr. Mit einem Vorwort von Richard Crossman und einem
Nachwort von Franz Borkenau. Zürich, Stuttgart, Wien: Europa Verlag.
Grossmann, Wassili (2007), Leben und Schicksal. München: Claassen.
Jeske, Wolfgang/Zahn, Peter (1984), Lion Feuchtwanger oder Der arge
Weg der Erkenntnis. Stuttgart: Metzler'sche Verlagsbuchhandlung.
Judt, Tony (2005), Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart.
München: Hanser.
Judt, Tony/Snyder, Timothy (2013), Nachdenken über das 20. Jahrhundert. München: Hanser.
Koenen, Gerd (1998), Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus? Berlin: Alexander Fest Verlag.
Koenen, Gerd (1990), Der Kindertraum vom Kommunismus In: Pflasterstrand, Juli 1990.
Schlögel, Karl (2008), Terror und Traum. Moskau 1937. München:
Hanser.
Trepper, Leopold (1975), Die Wahrheit. Ich war der Chef der Roten
Kapelle. München: Kindler.

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