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Jüdisches Echo 17-18

Seite 44 Jüdisches Echo 17-18WIKIMEDIA COMMONS

Spanische Grippe zwischen 1918 und 1920 mehr Opfer
gefordert als der Weltkrieg? Das furchtbare Wort von der
Säuberung ging in die Weltsprachen ein, ohne dass sich
viele ein Bild davon machten, was es bedeutet.
Wenn ein liberaler Freigeist wie Feuchtwanger angesichts des heraufziehenden Krieges keine andere Alternative sah als die Sowjetmacht oder die Barbarei,
dann umso mehr die jungen Aktivisten. Sie kämpften,
das war ihre feste Überzeugung, für ein künftiges freies
Menschengeschlecht. Sie hielten sich für die Soldaten
einer weltweiten Befreiungsarmee, auch wenn das letzte
Gefecht, von dem die ,,Internationale" kündet, in ferner
Zukunft liegen mochte. Ihre Bindung an dieses Ziel war
ernst und aufrichtig. Gefühle zählten nicht. Jeder gute
Kommunist müsse auch ein guter Tschekist sein, hatte
Lenin gesagt. Das Nötige war eben auch entsetzlich. Wie
hieß es bei Isaak Babel? ,,Unsere Kommunistische Partei
ist eine eiserne Schar von Kämpfern, die ihr Blut in vorderster Reihe vergießen. Es geht um Sieg oder Tod."
Leopold Trepper, legendärer Chef der Roten Kapelle, der größten Spionageorganisation gegen das Dritte
Reich, fuhr als junger Kommunist im Mai 1934 nach
Kasachstan. In Karaganda zeigte man ihm ein Barackenlager für ehemalige Kulaken, deportierte Bauern, die mit
ihren Familien im Kohlenbergwerk arbeiteten. Das Lager
hatte keine sanitären Anlagen. Tausende waren bereits an
Typhus gestorben. Kollateralschäden, ohne Belang. ,,Gewiss meldete sich mein revolutionäres Gewissen, notierte
Trepper. Aber ich ging viel zu sehr in dem Kampf für das
große Ziel auf, als versucht sein zu können, meine Entscheidung rückgängig zu machen."
Das Ziel war der Versuch, die alte Gesellschaft in eine
komplett neue Ordnung zu führen, an Haupt und Gliedern. Der Terror war eine logische Konsequenz dieses beispiellosen Unternehmens, schreibt der deutsche Historiker
Gerd Koenen. Er bedeutete ,,eine nicht nur metaphorische
oder ideologische, sondern blutig-physische ,Säuberung`
des jeweils vorhandenen Gesellschaftskörpers von oben bis
unten, mittels derer alles weggeschnitten, ausradiert und
fortgewaschen werden sollte, was als schädlich, feindlich
und gefährlich, das heißt als zu selbständig, zu individuell,
zu kosmopolitisch galt". Irgendwo eingescharrt, ,,mit einem akkuraten kleinen Loch im Schädel".
Bis weit in die Achtzigerjahre (und bei einigen bis
heute) war in der Linken, durchaus der jakobinischen
Tradition verhaftet, die Ansicht verbreitet, dass die Beseitigung politischer Feinde gerechtfertigt sei. Wo gehobelt
wird, fliegen Späne. Man habe die Pflicht, sich auf die
Seite des geschichtlichen Fortschritts zu stellen, ungeachtet moralischer Bedenken. ,,Die Opfer des Kommunismus konnte man mühelos als Opfer der Geschichte
darstellen, nicht als Opfer von Menschen. Aus diesem
Abstand konnte man wunderbar über Kosten und Nutzen der Geschichte debattieren", schreibt der britische
Historiker Tony Judt. ,,Kurzum, wir müssen den Blick
Vol.66: WOHIN UNSERE WELT TREIBT

nur fest auf künftige Ziele richten, dann lassen sich alle
gegenwärtigen Verbrechen rechtfertigen."
Der Kalte Krieg hielt alle Einlassungen mit den Verbrechen Stalins ebenso nieder wie jene über die Nazis.
Es erforderte allerding einige Energie, um Renegaten wie
Arthur Koestler, André Gide oder Ignazio Silone zu widersprechen, als sie 1949 die Gründe ihrer Abkehr vom
Kommunismus publizierten. In den nächsten zwanzig
Jahren folgten ihnen sehr viele, die seit ihrer Jugend ihren Traum verteidigt hatten. Zu lange, wie die meisten
fanden. Das hartnäckige Narrativ vom ,,Einfachen, das
schwer zu machen ist", wie Bert Brecht gerne zitiert wurde, überlebte dennoch die Niederschlagung des Prager
Frühlings 1968. Der Kindertraum des Kommunismus
blühte in den Sekten der Achtundsechziger weiter, und
jeder weiß, dass er nicht gut ausgegangen ist. Ein ,,unendliches Niemalsland", wie sich Gerd Koenen erinnert.
Es dauerte bis 1989, ehe dieses grandiose Projekt endgültig zerschellte.
Dabei ging es um weitaus mehr als um eine zerstörte
Hoffnung. Es ging um Glaubensverlust. ,,Die Hingabe an
eine reine Utopie und die Revolte gegen eine ,verderbte`
Gesellschaft sind die beiden Pole, welche die allen Glaubensbekenntnissen eigene Spannung erzeugen", schrieb
Arthur Koestler 1949. ,,Die Frage aufzuwerfen, welcher
der beiden Pole den Strom zum Fließen bringt, hiesse die
alte Frage nach Ei und Henne stellen." Sechzig Jahre später sagte Tony Judt, wie Trepper und Koestler in seiner
Jugend ein glühender Linkszionist: ,,Jedenfalls musste
die Sorte Wahrheit, die der Gläubige suchte, nicht der
Realität standhalten, sondern nur dem, was die Zukunft
bringen würde. Es ging immer um den Glauben an ein
späteres Omelett, für das schon jetzt, in der Gegenwart,
unendlich viele Eier zerschlagen werden durften. Wer

Demonstration gegen ,,Großbauern" in der UdSSR: ,,Wir werden
die ,Kulaken` als Klasse liquidieren"

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