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Jüdisches Echo 17-18

Seite 39 Jüdisches Echo 17-18Dystopische Romane zeigen, ja ,,beweisen", dass das
sehr wohl möglich ist. Totalitäre Institutionen, sowohl
Bolschewiken wie Nazis, haben das schon bewiesen.
Individualität und Differenz schwinden schnell, wenn
Menschen dazu konditioniert werden, keine Individuen
zu sein, wenn das Denken mit dem eigenen Kopf nicht
nur bestraft wird, sondern auch als sündhaft gilt. Unter
solchen und ähnlichen Umständen werden sie immer
tun, was andere auch tun, und an das glauben, was die
anderen glauben. Es gibt nur eine Voraussetzung für
erfolgreiche Gehirnwäsche: Niemand sollte irgendwelche Alternativen zur gegenwärtigen Situation kennen.

«In allen dystopischen Romanen seit

Huxleys Buch von 1932 sind Instrumente der
Indoktrination (Radio, TV, Versammlungen)
Tag und Nacht am Werk.»
Das Zeitalter des dystopischen Moments und besonders
der dystopischen Dichtung war auch das Zeitalter der
Popularität Freuds. In allen Romanen gibt es zumindest
eine einzelne Person, die nicht dazu passt, die sich nicht
erfolgreich assimilieren kann. ,,Unbehagen in der Kultur",
sagt Freud, ist die Folge einer nie zur Gänze gelungenen
Anpassung. Etwas fehlt immer, ein Gefühl des Unbehagens bleibt.
In der dystopischen Dichtung wird dieses Gefühl des
Unbehagens mit dem Gefühl des Andersseins verbunden,
dem Gefühl, in der eigenen Welt irgendwie fremd zu sein.
Die Spannung zwischen erfolgreicher Konditionierung auf der einen Seite und dem Gefühl des Unbehagens,
das sich allmählich zu einer Art Widerstand auswächst, auf
der anderen, das wird schon in Huxleys Roman ,,Schöne
neue Welt" (1932) beschrieben. John ist ein ,,Wilder",
obwohl er ein (ungewollter) Sprössling der Menschen der
,,neuen Welt" ist. Er ist in einem mexikanischen Reservat
aufgewachsen und hat sich an das Leben der ,,Wilden" gewöhnt. Huxley bleibt ehrlich. Es gibt kein verlorenes Paradies. Die ,,alte Welt" ist schlimm genug, brutal, hässlich
und schmutzig. Sie ist nur anders, weniger mechanisch,
organischer, weniger scheinheilig.

Lesetipp:
Ágnes Heller
Von der Utopie zur Dystopie
Was können wir uns wünschen?
Edition Konturen,
Wien/Hamburg 2016
www.konturen.cc

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Zwei Touristen aus der ,,neuen Welt" besuchen das
Reservat, erkennen den Wilden als einen der Ihren
und nehmen ihn mit nach Hause. Doch weil John eine
andere Art zu leben kennt, wird er in der ,,neuen Welt"
ein Fremder bleiben, wie er es auch unter den ,,Wilden"
war. Ein Außenseiter. Die ,,schöne neue Welt" erscheint
ihm immer weniger schön. Er wählt ein Leben außerhalb
aller Gesellschaften. Dies stellt sich als unmöglich heraus. Deshalb erhängt er sich.
Auch andere fühlten sich in derselben neuen Welt
,,unbehaglich" (darunter ein junger Mann namens
Bernard Marx), doch am Ende werden sie auch glücklich
sein, denn die ,,neue Welt" weiß, wie man mit Unbehagen umgeht. Sie unterhält eine Insel, wo alle ,,fremden"
Menschen hingeschickt (deportiert) werden, wo sie unter sich bleiben können, ohne ihre Umgebung mit ihren
Ideen zu vergiften.
Dieses Schema taucht in allen dystopischen Romanen auf. Im Roman ,,Der Report der Magd" (,,The
Handmaid's Tale" 1985) von Margaret Atwood erinnert
sich die Magd noch an einen früheren Ehemann. Obwohl
diese Erinnerung alles andere als angenehm ist, zeigt sie
doch die Existenz einer anderen Welt an. Rebellen retten
sie schließlich aus der ,,Republik Gilead", auch wenn wir
den Ausgang ihrer Flucht nicht kennen. Der Feuerwehrmann Montag in Ray Bradburys ,,Fahrenheit 451" ist ein
Funktionär, ein echter Gläubiger, ein Mann mit Macht,
der nach einer zufälligen Begegnung mit einer jungen Frau
beginnt, Unbehagen zu empfinden.
In den erwähnten Romanen entwickelt sich das
Gefühl des ,,Unbehagens" langsam in und durch die Geschichte selbst. Im Gegensatz dazu lernen wir Winston (in
George Orwells ,,1984") bereits als einen Mann kennen,
der nicht gänzlich in die totalitäre Welt passt. Er versucht,
sich nach einer Art von Anderssein umzuschauen, Reminiszenzen und Erinnerungen aus einem anderen Leben zu
finden. Schließlich wird er sowohl geistig wie körperlich
mit einer Brutalität bezwungen, die den Herren anderer
Dystopien nicht zu Gebote steht.
Worauf können sich Unzufriedenheit oder Unbehagen stützen? Wo können jene Männer und Frauen, die in
der ,,neuen Welt" fremd oder entfremdet sind, eine Ahnung
von einer anderen Welt bekommen? Einer alternativen?
Und vielleicht besseren? Aus Geschichte und Literatur.
Die Herren der ,,neuen Welt" wissen das sehr genau.
Niemand in ihrem Einflussbereich sollte Zugang haben zu
Geschichte und Literatur. Sämtliche Bücher sollten angezündet werden, nicht eines darf übrig bleiben: Aus diesem
Grund haben Feuerwehrleute in Bradburys Roman einen
so hohen Rang. Big Brother (,,1984") ist noch radikaler. In
seiner Welt genügt es nicht, literarische Bücher zu verbannen und Geschichte zu vergessen, man muss neue Bücher
schreiben, die die Geschichte verändern. Im Reich von Big
Brother wird jedes Jahr eine neue Geschichte erfunden
mit neuen Verschwörungen, neuen Feinden und natürlich
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