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Jüdisches Echo 17-18

Seite 38 Jüdisches Echo 17-18Wie kann man die Bedürfnisse der Bevölkerung ohne
Privateigentum erfüllen? Jeder sollte arbeiten, aber nicht
zu viel: etwa sechs Stunden am Tag. Landwirtschaftliche
Arbeit ist Pflicht. Die gewählten Anführer haben die
Pflicht, die Arbeitenden zu beaufsichtigen.
Zugleich sind die Bedürfnisse der Menschen von
Utopia bescheiden. Sie brauchen keinen Luxus, tatsächlich brauchen sie alle das Gleiche: einen Platz zum Leben,
etwas Nahrung, etwas freie Zeit, um zu tun, was sie wollen. Die Häuser sind ähnlich, und alle zehn Jahre ziehen
sie in ein anderes.1 Die Kleidung ist aus demselben Material und von derselben Farbe. (...)
Die Utopianer hassen den Krieg, aber sie müssen
Männer und Frauen auch zu guten Soldaten ausbilden,
um ihre Gemeinschaft zu verteidigen. (Bis zu diesem
Punkt wirkt Morus' utopische Gemeinschaft wie ein Kibbuz im frühen Israel.)
Die Bewohner von Utopia glauben an die unsterbliche Seele, und dass wir nach der Natur leben sollten (die
Bevölkerung dieser Insel ist christlich und stoisch!). Frauen und Männer müssen einander vor der Hochzeit nackt
sehen. Vorehelicher Sex ist ausgeschlossen und strafbar.
Ehebruch wird meist mit Sklaverei bestraft. Frauen gehorchen ihrem Ehemann, Kindern ihren Eltern. In der Kirche
sitzen Männer und Frauen getrennt.
Dies sind die einzigen Punkte in Utopia, an denen
man erkennt, dass Morus ein puritanischer Katholik war
(was wir aus seiner persönlichen Geschichte wissen), der
Feinde des wahren Glaubens mit dem Tod bestrafte und am
Ende selbst aufgrund eines anderen wahren Glaubens hingerichtet wurde. England war wirklich keine Insel Utopia.
Die andere bekannte Utopie der Renaissance wurde
nicht nur nach Platon, sondern auch nach Morus gestaltet.
Verfasst hat sie ein häretischer Priester namens Tommaso
Campanella. Seine ebenfalls in Dialogform geschriebene
Utopie nannte er ,,Der Sonnenstaat". Das Fundament
auch seiner Utopie ist die Abschaffung des Privateigentums, die angebliche Quelle jeder Malaise.
·
Sozialistische Utopien
Alle sozialistischen Utopien sind auf die Zukunft gerichtet. Sie teilen die eine oder andere Variante der ,,großen
Erzählung", der Vorstellung von der progressiv voranschreitenden menschlichen Geschichte. Sie alle glauben,
Handlanger einer neuen sozialen Ordnung zu sein, einer
besseren, vielleicht einer perfekten.
Die meisten von ihnen sind große Bewunderer der
industriellen Revolutionen, des Fortschritts der Naturwissenschaften und der Technologie. Sie teilen die Überzeugung, dass es die moderne Naturwissenschaft ist, die die
neue Welt, den Sozialismus ermöglicht hat. Die meisten
sind kommunitär, das heißt sie glauben, dass moderne
Vol.66: WOHIN UNSERE WELT TREIBT

Technologie und Naturwissenschaft am besten für alle
Menschen der Gemeinschaften gefördert und eingesetzt
werden. Saint-Simon zum Beispiel spricht von einer Arbeiterklasse, zu der Industriearbeiter, Manager und Geschäftsleute gehören werden und die der Herrschaft der
müßigen Klasse, der Herrschaft der Untätigen ein Ende
machen wird, die von der manuellen oder geistigen Arbeit
anderer leben. Doch es gibt auch andere Vorschläge.
Auch wenn nicht alle utopischen Sozialisten das Privateigentum für alle sozialen Probleme verantwortlich machen,
ziehen sie doch kollektive Eigentümer den individuellen
vor. Die meisten utopischen Sozialisten bauen auch ein ,,republikanisches Moment" ein, eine Art von demokratischer
Struktur der Gemeinschaften. Einige der Eigenschaften
früherer Utopien bleiben in Kraft, vor allem die Regulierung des privaten, intimen Lebens. Auch wenn dabei wenig
Biopolitik übrig bleibt und die Kleinfamilie meist bevorzugt
wird, kennen diese Utopien doch keine persönliche Diversität, oder zumindest ist ihr ,,Ausübung" eingeschränkt. Es
gibt keine wirklich attraktiven Vorschläge für die Bedürfnisse der meisten modernen Männer und Frauen.
Keiner der utopischen Autoren glaubte an Utopien.
Die attraktivsten Ideen des 19. Jahrhunderts waren
Sozialismus und Wissenschaft. Daher stützten sich alle
utopischen Autoren auf die Wissenschaft. Alle glaubten
an den Fortschritt und die Unvermeidlichkeit der Morgendämmerung. Der einzige Unterschied zwischen einem
utopischen Autor und Marx war, dass manche der Ersteren an einen Mastermind glaubten, einen sozialistischen
Lykurg, der die neue Welt nicht nur auf dem Papier gestaltet, sondern sie auch organisiert.
·
Dystopische Literatur
Seit dem 20. Jahrhundert wurden viele dystopische Romane
geschrieben. Seit den 1950ern und 1960ern steigt ihre Zahl
exponentiell und wächst auch im 21. Jahrhundert weiter
an. Aus ihnen entstehen Kinofilme und Fernsehserien. Ich
musste eine sehr kleine Auswahl treffen. (...)
Dystopische Werke legen nahe, dass wir modernen
Menschen die Illusion gehegt haben, dass die Lage der
Menschen auch anders sein kann und wir einen privilegierten Platz in der Geschichte einnehmen. Die Illusion, dass
moderne Männer und Frauen unabhängige Individuen geworden sind, die sich angewöhnt haben, mit ihrem eigenen
Kopf zu denken, zu wählen und selbst herauszufinden, was
richtig und falsch ist. Dass die Geschichte weiter voranschreitet und dieser Fortschritt unumkehrbar ist. Was wir
einmal gewonnen haben, können wir nicht mehr verlieren.

1 Auf der Insel gibt es 54 Städte mit je 6000 Haushalten. Jeder Haushalt umfasst zehn bis 16 Mitglieder.

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