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Jüdisches Echo 17-18

Seite 35 Jüdisches Echo 17-18ohne Tabus, ohne Beschränkungen, in der alle Bedürfnisse erfüllt werden, eine natürliche Welt im Gegensatz
zur künstlichen. Eine traumähnliche, poetische Utopie,
die den tiefsten, sogar unbewussten menschlichen Sehnsüchten Ausdruck verleiht.
Zweitens: Utopien von einer gerechten Gesellschaft,
vom gerechten Staat. Dazu gehören eine feste Ordnung,
eine Sicherheit, in der die Grenzen anders sind als in
der Gegenwart. Eine Welt oder vielmehr ein Staat, dessen Ordnung von der Philosophie bestimmt oder besser
konstruiert wird. Ein philosophisches Modell der Gesellschaft, von der man glaubt, dass sie funktionieren könnte, auch wenn sie vielleicht nicht realisierbar ist.
Philosophisch konstruierte Utopien verkörpern
keine tief in der menschlichen Einbildungskraft verwurzelten Sehnsüchte, sie entstehen vielmehr aus einer bewussten Anstrengung, den gegenwärtigen destruktiven
Zuständen die praktikable Vorstellung einer anderen sozialen Organisationsmöglichkeit entgegenzuhalten.
·
Die bezeichnendste Wunschutopie der alten griechischrömischen Welt war die Legende vom Goldenen Zeitalter. Das ,,Goldene Zeitalter" war alles, was das gegenwärtige Zeitalter nicht war. Es verkörperte die Befriedigung aller Bedürfnisse, aller Wünsche: eine Welt frei von
Krankheit, Hass, Konflikten, vorzeitigem Tod, Hinterlist, Eifersucht, Feindseligkeit oder Hunger, eine Welt,
in der alle Menschen mit der Natur und miteinander in
Harmonie leben. Die Bäume liefern süße Früchte für
jeden, man muss sie nur aufheben. Männer und Frauen
sind nicht bekleidet, sie singen und tanzen und lieben
sich nackt. Die Sonne scheint immer und alle haben Teil
an der nicht organisierten göttlichen Glückseligkeit.
Ich zitiere Teile aus Ovids Gedicht ,,Die vier Weltzeitalter", nämlich die Verse über das Goldene Zeitalter,
um die griechisch- römischen Wunschutopien zu veranschaulichen. ,,Als Erstes wurde das goldene Zeitalter erschaffen, welches ohne Beschützer, aus eigenem Antrieb
und ohne Gesetz die Treue und das Recht pflegte. Strafe und Furcht waren fern und keine drohenden Worte
wurden auf einer angehefteten Erztafel gelesen und keine
flehende Menge fürchtete die Aussprüche ihres Richters,
sondern sie waren ohne einen Beschützer sicher."
·
Geht man die Liste der beschriebenen Segnungen des
Goldenen Zeitalters durch, sieht man sofort, dass die
Inhalte von Wunschutopien von den Griechen bis zum
Ende des Mittelalters und sogar bis zum Ende des 19.
Jahrhunderts ziemlich gleich geblieben sind.
Es geht um die Befriedigung aller menschlichen Bedürfnisse: eine Welt ohne soziale oder politische Gren34

zen, ein Leben in Schönheit und Eleganz. Eine Welt, in
der auch die Natur verwandelt ist: Die Bäume tragen
immer Früchte. Das Leben im Überfluss kennt keine
Sorgen. Denkt man einen Moment an die Bedeutung
des Wortes ,,Sorge" bei Heidegger, kommt man sofort zu
dem Schluss, dass die Utopie von der Befriedigung aller
Wünsche der modernen Vision vom menschlichen Leben widerspricht.
Auch in der Bibel beginnt die menschliche Zeit
mit einem Goldenen Zeitalter. Gott pflanzt den Garten
Eden, er lässt ,,aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten". Doch weil im Paradies kein Platz für Neugier war
und es dem ersten Mann und der ersten Frau an nichts
fehlte außer an Freiheit, verletzten sie das einzige Gebot.
Diesem Ungehorsam folgte die ,,Conditio humana",
,,Sorge" begann: Liebe, Mühe, Schmerz, Neid, Mord.
Die Bibel führt zum ersten Mal auch eine Wunsch
utopie ein, die in der Zukunft liegt. Durch Gott erlöst,
wird die Welt zu einem friedlichen Ort. Auch Natur und
menschliches Leben ändern sich.
,,Es sollen nicht mehr da sein Kinder, die ihre Tage
nicht erreichen, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen,
sondern die Knaben von hundert Jahren sollen sterben,
und die Sünder von hundert Jahren sollen verflucht sein.
(...) Wolf und Lamm sollen weiden zugleich, der Löwe
wird Stroh essen wie ein Rind, und die Schlange soll Erde
essen. Sie werden nicht schaden noch verderben auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr." (Jesaja 65,
20­25) Das zukünftige ,,Goldene Zeitalter" wird dichterisch in einer prophetischen Vision gezeigt (Vision und
auch Apokalypse waren dichterische Genres).
Alle folgenden Vorstellungen und Fantasien über das
Goldene Zeitalter sahen sehr ähnlich aus. Männer und
Frauen sehnten sich immer nach einem menschlichen
Leben außerhalb der ,,Conditio humana", wenn auch
verschieden orchestriert. Die Wunschutopie ist nicht von
dieser Welt, nicht nur in der Bibel. Es geht nicht darum,
ob sie realisierbar ist, denn das ist sie bestimmt nicht. Die
Hauptfrage ist vielmehr, ob diese erwünschte Welt überhaupt wünschenswert ist?
·
Wie hat Karl Marx den Kommunismus der Wünsche
beschrieben? Ganz ähnlich wie Ovid. Es wird dort keinen Staat geben und keine Gesetze. Es wird keine Politik geben, keine Armeen, keinen Krieg. Es wird keinen
Markt geben, überhaupt keine Wirtschaft, kein Geld,
und Gold wird wertlos sein. Die Natur wird ihren Reichtum bereitstellen, weit über die menschlichen Bedürfnisse hinaus. Alle menschlichen Bedürfnisse werden
befriedigt. Was wir unter ,,alle Bedürfnisse" verstehen, ist
unsere Sache. Es wird auch keine Gerechtigkeit geben,
denn die wird nur in Zeiten des Mangels gebraucht,
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