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Jüdisches Echo 17-18

Seite 150 Jüdisches Echo 17-18wehren hört sich nicht platzend an, sie schießen in eine
Richtung.
Wenn die Kugel einen Menschen trifft, hört man
ein leises Schmatzen. Wenn die Kugel vorbeisaust, hört
man das laute Zerbersten von Häuserfassaden.
Weil Vater nie auf Mutter hört, steht er jetzt neben uns,
und weil Mutter gern dekoriert, stehen wir neben Vater.
Am Neujahrsmorgen knallte es immer noch. Vater
wollte nachsehen, was da vor sich geht. Mutter hielt ihn
zunächst zurück, aber er machte sich los und ging.
Stunden später klopfte es an der Tür. Als Mutter die
Tür aufriss, wollte sie schon fragen: ,,Wo bist du so lange
gewesen?" In unserer Sprache steht das ,,Du" am Anfang
und nicht das ,,Wo". Sie sagte also ,,Leij" und starrte in
das Gesicht eines fremden Mannes. Neben ihm standen
zwei andere. Sie traten vor, Mutter wich zurück und alle
drei nahmen ihre Gewehre vom Rücken.
Zwei von ihnen gingen Vater suchen. Der dritte
sollte auf uns aufpassen.
Im Jahr des Affen werden die meisten Kinder geboren.
Vielleicht sterben dann auch die meisten Kinder, dachte ich.
An unserem Orangenbäumchen hingen kleine rote
Umschläge. Darin wird das Neujahrsgeld verschenkt.
Mutter hatte mit ihnen aber nur das Bäumchen verziert.
Der Mann drehte uns den Rücken zu und klaubte einen
Umschlag vom Zweig. Mutter zog mich mit sich und wir
rannten hinaus.
Die Straße war festlich geschmückt mit bunten Blumen, blühenden Pfirsichzweigen und goldenen Drachen.
Rote Plakate mit Tuschezeichen hingen an den Häusern.
Die Bewohner wünschten allen Menschen Glück und
ein langes Leben. Tote lagen mitten auf der Straße. Sie
sahen seltsam weiß aus. Manche waren vom Motorrad
gefallen. Blut quoll aus ihren Köpfen. Schutt und Splitter
überall. Tote lagen vor den Hauswänden, die Kleidung
blutdurchtränkt. Manche hatten die Augen nicht mehr
schließen können. Diese Gesichter wirkten noch toter.
Als sähe man durch ihre Augen hindurch in die Leere ihres Geistes. Der Aufpasser hatte bestimmt den leeren Umschlag fallen lassen und war aus unserem Haus gestürmt.
Er richtete jetzt sein Gewehr auf mich und drückte ab.
Ich wartete auf die Kugel. Sie würde mich wie ein
spitzer Finger durchbohren und nach vorne werfen. Wenigstens würde ich dann mit dem Gesicht nach unten
liegen und keiner müsste sich meine toten Augen ansehen. ,,Schneller, schneller!", schrie Mutter.

Vol.66: WOHIN UNSERE WELT TREIBT

Vor dem Neujahrsfest waren die Südvietnamesen zu den
Nordvietnamesen gegangen und hatten eine Waffenpause von drei Tagen vorgeschlagen.
,,Ach was", sagten die Nordvietnamesen, ,,machen
wir doch gleich eine Woche draus." Die Südvietnamesen
waren einverstanden. Sie vereinbarten mit ihren Gegnern einen siebentägigen Waffenstillstand zu Tet.
In Südvietnam freuten sich die Menschen, das Jahr
des Affen feiernd begrüßen zu können. Der Affe verhieß
Wandel.
,,Tet" ist die Abkürzung für Tet Nguyen Dan, wörtlich ,,Das Fest des ersten Morgens". Tet ist Neujahr, Tet
ist Frühlingsanfang, Tet ist Geburtstag.
Am 30. Januar 1968 begann die Tet-Offensive.
Völlig überraschend griffen 80.000 nordvietnamesische
Soldaten und Vietcong zeitgleich in über hundert südvietnamesischen Städten und Dörfern an. Scharfschützen verschanzten sich in den Häusern und schossen auf
alles, was sich auf der Straße bewegte. In der Hauptstadt
wurden vor allem strategische Ziele schwer angegriffen.
Heftig waren die Gefechte auch im fünften Bezirk Cholon, dem Chinesenviertel Saigons.
Kleine Vietcong-Einheiten zogen mit schwarzen
Listen durch die südvietnamesischen Städte und suchten Häuser von Soldaten, Polizisten, Beamten und Intellektuellen auf. Ganze Familien wurden während des
Tet-Festes zu Hause liquidiert.
Raketen steigen in den Himmel. Sie sind wie meine
Gedanken, die hochsteigen, zersplittern und wieder vergehen. Eine einzelne Rakete hat sich verirrt. Sie nimmt
einen anderen Weg. Sie fliegt dicht über das weiße Feld
und entlädt sich nicht weit weg von uns. Es funkelt blau,
grün, orange ­ bis alles erlischt.
Mutter schüttelt sich vor Heulkrämpfen. Ein deutscher Mann würde jetzt seine Frau in den Arm nehmen.
Ein deutscher Vater würde seinem Kind jetzt über den
Kopf streichen. Aber wir? Wir berühren uns nicht.
Vaters Gesicht ist starr. Man merkt nur, dass er noch
lebt, wenn er die Zigarette zum Mund führt und den weißen Rauch wieder ausbläst. Er bläst ihn nicht nach oben
in den Himmel, sondern hinab in den Schnee. Ich sehe
dem Rauch nach. Wenn der Küchengott in den Schnee
gefallen wäre, dann hätte man ihn wieder aufheben und
hinstellen können. Er hätte immer noch vor Tet in den
Himmel hinaufsteigen können. Er wäre nicht für immer
zerbrochen.
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