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Jüdisches Echo 17-18

Seite 140 Jüdisches Echo 17-18Aufjaulen des Grauens. Das unbeschreibliche, undenkbare
Entsetzen bewirkte, dass seine Augen, als er sie erblickte,
klar wurden. Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Sie war groß und ihre langen rostroten Haare trug sie
offen. Über dem fein geschnittenen Gesicht wölbte sich
eine breite, weiße Stirn. Das kleine, scharfe Kinn bildete
eine gerade Linie mit den leicht vortretenden Wangenknochen. Auf der kurzen, schlanken Nase brach sich ein
schimmernder Schatten. Hinter den farblosen Wimpern
waren grüne Augen zu sehen. Auf der glatten Haut ihrer
sommersprossigen Wangen taute der Schnee.
Die zur Faust geballte weiße Hand des Mädchens
öffnete sich plötzlich, enthüllte vier lange, schlanke Finger und hielt reglos inne. Eisner erstarrte. Er brachte kein
Wort hervor. Der Schnee bildete nach einer Weile auf dem
Gesicht des Mädchens eine dünne, weiße, fast durchsichtige Schicht. Er bemerkte, wie schön sie war. Dann überwand er seine Angst, zog seine Lederhandschuhe aus und
berührte endlich den auf den Boden geworfenen Körper.
Er konnte keinen Puls mehr fühlen. Er hob ihre Lider
an und sah nur den weißen Augapfel. Danach hetzte er
kopflos zurück aufs Kommissariat, um Hilfe zu holen.
[In der Polizeizentrale bekommt Leutnant Eisner dann einen
Unterstützer, mit dem er nicht gerechnet hatte: einen eleganten Herrn mit stahlgrauem Bart, der sich als Aaron Food vorstellt, Sonderagent des amerikanischen FBI und von diesem
zur Unterstützung der Wilsonstädter Kollegen entsandt. Food
überbringt ,,wärmste Grüße" von US-Präsident Woodrow
Wilson, der sich ja für das Selbstbestimmungsrecht der Nationalitäten von Österreich-Ungarn eingesetzt hatte. Der etwas
barsche US-Detektiv beginnt gleich, einen belehrenden Vortrag über die Vorteile wissenschaftlicher Ermittlungsmethoden
zu halten, etwa durch die daktyloskopische Identitätsfeststellung mittels Fingerabdrücken. Er wird von einem jungen
Beamten mit der Nachricht unterbrochen, dass in der Franziskanergasse eine weitere Leiche, dieses Mal eine männliche,
gefunden worden sei. Spontan beschließt Food, zusammen
mit Eisner den Tatort selbst zu inspizieren.]
Die Donau strahlte blau unter der aufgerissenen Wolkendecke. Die Wellenbewegung an der Oberfläche war kaum
wahrzunehmen. An beiden Ufern saßen Fischer. Die
Wellen wurden nur dann stärker, wenn von Zeit zu Zeit
die Propellerfähre den Fluss überquerte, die vor dem ehemaligen Krönungshügel anlegte. Ab und zu kam ein zur
Wilsonstädter Dampfschifffahrtsgesellschaft gehörendes
Schiff vorbei, das auf der regelmäßigen Linie Wien­Buda
und zurück unterwegs war. Der neue Handelshafen wurde
bisher noch nicht gut angenommen, nur zwei eiserne
Schlepper lagen darin vor Anker.
Auf der Engerauer Seite herrschte reges Treiben,
obwohl das Aucafé geschlossen hatte. Die Markthändler hatten sich neben dem Zollgebäude am Ende der
Pontonbrücke versammelt. Links konnte man bis zum
Vol.66: WOHIN UNSERE WELT TREIBT

menschenleeren Lunapark und zum Irrgarten, einem aus
Hecken bestehenden Labyrinth, hinübersehen. Die Dächer der Gondeln am bewegungslosen Riesenrad waren
schneebedeckt. Ein Stück weiter standen die weithin berühmten Wilsonstädter Restaurants Augasthaus, Leberfinger und die beliebte Mysliva, das Jägerhaus, bekannt
durch die alljährliche Kirmes des Kreuzes der Napoleonischen Kriege. Im Hafen traf gerade die Dampfeisenbahn
ein, die aus Wien frisches Obst und Gemüse brachte.
Zum Burgberg hinauf drang der Lärm von der Baustelle vor dem südlichen Festungsgürtel, aus den Straßen,
die entstanden waren, nachdem die Nebenarme der Donau zugeschüttet worden waren. Der starke Anstieg der
Einwohnerzahl von Wilsonstadt hatte einen gewaltigen
Bauboom verursacht. Der letzten amtlichen Volkszählung zufolge lebten hier ungefähr 124.000 Menschen in
35.500 Wohnungen. Und es kamen immer mehr Emigranten aus der Tschechoslowakei dazu.
,,Es stimmt!", riss Food Eisner mit einem begeisterten
Ausruf aus seinen Gedanken. ,,Genau so, wie ich es erwartet habe. Komm sofort hierher, Jozef!"
Einen Moment später stand Eisner bei Food, der eine
seltsame Vorrichtung in der Hand hielt. Als er näher kam,
sah er, dass es ein Ultramikroskop war, ein Anfang des
Jahrhunderts von Siedentopf und Zsigmondy erfundenes
Gerät, das auf Basis des Dunkelfeldprinzips funktionierte.
,,Wie du siehst, haben wir am Tatort doch noch einen
Beweis gefunden", sagte Food.
,,Tut mir leid, aber ich sehe nichts."
,,Natürlich siehst du es. Du weißt nur nicht, was.
Du guckst nämlich nur und ermittelst nicht. Wenn du
dich zu einem erstklassigen Detektiv emporarbeiten
willst, musst du dir klar darüber sein, dass von allen kriminalistischen Methoden gerade das Auffinden von Spuren am Tatort die geachtetste ist. Ein weiter Blick gehört
zu den grundlegenden Anforderungen unseres Berufes.
Beschreib mir genau, was du gerade anschaust", befahl
Food.
,,Da sind helle und dunkle Steine und dazwischen
Mörtel", antwortete Eisner begriffsstutzig. ,,Habe ich etwas nicht gesehen? Ich glaube, da ist nichts Wichtiges
mehr, was ich nicht bemerkt hätte."
,,Also hast du's doch gesehen!", sagte Food erfreut.
,,Du siehst einen Beweis, aber du weißt nichts davon.
Du hast den Unterschied zwischen einem dunklen und
einem hellen Teil der Mauer festgestellt. Das genau ist
es! Es besteht kein Zweifel mehr daran, mit wem wir es
zu tun haben. Der Teufel war hier. Er ist groß, hat eine
robuste Statur. Und an dieser Wand ist sein Schatten zurückgeblieben!"
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Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch.
Michal Hvorecky, Das allerschlimmste Verbrechen
in Wilsonstadt (Klett Cotta)
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