< Seite 136
Seite 138 >

Seite 137

Jüdisches Echo 17-18

Seite 137 Jüdisches Echo 17-18lichen Missverständnissen vorzubeugen", während Bruno betont, er sei ein ,,Bauernopfer" auf dem Altar der
politischen Korrektheit, zu deren Sklaven leider auch die
Führungsmannschaft der AfD degeneriert sei. ,,Ich bin
ein Mann der klaren Worte", erklärt er. ,,Gerade deshalb
vermute ich hinter der ganzen Geschichte eine Intrige innerhalb der Partei."
,,Was denn für eine Intrige?", brüllt Doktor Schaffka, der nun völlig die Fassung verliert. ,,Mensch, Bruno,
was is'n das für'n Quatsch?! Du hast Scheiße gebaut, also
musst du sie auch ausbaden."
,,Und du musst natürlich nachtreten! Drehst dich
mit dem Wind. Die Worte Treue und Loyalität kannst
du wohl nicht einmal buchstabieren."
Inzwischen hat Viktor einen Freiraum zwischen einem der Kerle mit Bürstenhaarschnitt und der jungen
Frau in Motorradkluft ausgemacht. In diesen schmalen
Raum könnte er sich seitlich hinein-, hindurch- und hinauszwängen. Die Frage eines Journalisten, der bis jetzt geschwiegen hatte, lässt ihn jedoch noch einmal innehalten:
,,Benedikt Fürst, Herausgeber der Zeitschrift ,Gigricht
Andersrum`. Herr Beck! In Ihrer Rede kam neben anderen menschenverachtenden Äußerungen auch ein homophober Satz vor. Was stört Sie an schwulen oder lesbischen
Menschen, und wieso machen Sie sich über Maßnahmen
lustig, die der Gleichstellung dieser Menschen dienen?"
Viktor kann Benedikt Fürsts breiten Rücken und
sein blondes Haar erkennen, sein Gesicht bleibt für ihn
im Verborgenen. Brunos Reaktion auf die Frage ist für
ihn aber weder zu überhören noch zu übersehen. Bruno
wirft sich in Pose und schreit so laut, dass es sicher auf der
ganzen Straße zu hören ist: ,,Böswillige Unterstellungen
dieser Art weise ich auf das Schärfste zurück! Ich wollte
nur auf die verfehlte Minderheitenpolitik einschließlich
der völlig sinnlosen Quotenregelungen aufmerksam machen. Schwule und Lesben, Quotenfrauen und Moslems
haben starke Lobbys in diesem Land, Alleinerzieherinnen und Hartz-IV-Empfänger nicht. Die sozial Schwachen haben weder die Möglichkeit noch die Zeit, um
Networking zu betreiben, Mainstream-Journalisten
zu hofieren, auf Regenbogenparaden zu balzen oder in
Moschee-Vereinen herumzuallahuakbarisieren. Unsere
Politik sollte ihre Schwerpunkte an der richtigen Stelle
setzten und für die wirklich Bedürftigen da sein, statt für
jene, die am lautesten schreien ..."
,,Sie haben Ausdrücke wie die Wärmsten der Warmen verwendet", unterbricht ihn Benedikt Fürst. ,,Das
ist Hetze."
,,Hetze ist eine Erfindung der Linken. So etwas gibt
es nicht. Wir haben Meinungsfreiheit. Jeder soll sagen
können, was er will!"
,,Sie haben H.-C. Strache zitiert", sagt der Reporter
empört. ,,H.-C. Strache! Wissen Sie, wer Strache ist?"
,,Ja, ich habe den von mir sehr geschätzten österreichischen Politiker H.-C. Strache zitiert. Na und? Stra136

che hat nichts gegen homosexuelle Menschen. Ich auch
nicht. Ich habe selbst einige schwule Freunde."
,,Freunde?", fragt Benedikt Fürst höhnisch. ,,Freunde oder Partner? Liebhaber?"
Kichern. Gelächter. Jemand klatscht in die Hände.
,,Ich bin glücklich verheiratet", entgegnet Bruno
empört.
,,Mit einem Mann?"
Das Lachen wird lauter.
,,Mit einer Frau! Mit meiner Frau!", protestiert
Bruno. ,,Wir haben einen Sohn. Doch völlig unabhängig davon: Wir von der AfD sind nicht homophob. Wir
sind offen nach allen Seiten. Einige unserer Funktionäre
sind ..." Im allgemeinen Gelächter und Geschrei ist er
kaum noch zu hören. Er holt tief Luft. ,,Unser Kreisvorsitzender, mein guter Freund Florian Schaffka, der jetzt
neben mir steht, ist doch selbst schwul!"
Auf einmal herrscht Stille.
,,Schwul und heimatverbunden schließt sich nicht
aus. Haben Sie sich übrigens schon überlegt, was die vielen so genannten Flüchtlinge, die zu uns kommen, über
homosexuelle Menschen und über Juden denken?"
Alle Augen sind auf Doktor Schaffka gerichtet. Dieser starrt Bruno fassungslos an. Dann schüttelt er einige
Male den Kopf und beginnt auf einmal zu schrumpfen.
Jedenfalls kommt es Viktor so vor. Der Hals des Mannes
wird kürzer, der Kopf ­ feuerrot verschmilzt mit dem
Oberkörper, die Ohren berühren die Schultern, und
dann bricht aus der Tiefe seiner Kehle etwas hervor, das
mehr wie ein Bellen als wie ein Schreien, ein Schimpfen oder Lamentieren klingt: ,,Wie, wie, wie kommst du
dazu, mich hier vor allen Leuten zu outen, du Arsch!?"
,,Wie kommst du dazu, mich fallen zu lassen wie
eine heiße Kartoffel, du Schwuchtel!?", knurrt Bruno.
,,Ich habe dich erst zu dem gemacht, was du bist, du undankbarer Hund!"
,,Was? Wie hast du mich genannt? Wiederhol das!"
,,Herr Doktor Schaffka, sind Sie schwul?", fragt Benedikt Fürst schnell, bevor Bruno die Gelegenheit hat,
das Gesagte zu wiederholen.
,,Ja. Jawohl! Ja, das bin ich, und ich bin stolz darauf!
Was dagegen?"
,,Also, ich sicher nicht", sagt Benedikt Fürst, und
plötzlich, genau in diesem Moment, endet die Stille, die
kurz zuvor so jäh eingesetzt hatte, und aus dem Hintergrund ertönt eine laute, sonore männliche Stimme: ,,Was
mich trotzdem sehr interessieren würde: Ist Angela Merkel wirklich Jüdin?"
2

Auszug aus dem neuen Roman von Vladimir Vertlib, der
voraussichtlich 2018 unter dem Titel ,,Die ngutmenschen"
U
bei Deuticke erscheinen wird.
© Deuticke im Paul Zsolnay Verlag
DASJÜDISCHEECHO

zurück zum Anfang von "Jüdisches Echo 17-18"