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Jüdisches Echo 17-18

Seite 131 Jüdisches Echo 17-18rungskraft aus der Chelmer Traditionslinie unerwähnt
bleibt. Diese Volkssage, die eine literarische Fälschung
ist, wurde durch Chajim Blochs Übersetzung aus dem
Hebräischen ,,Der Prager Golem". Von seiner ,,Geburt"
bis zu seinem ,,Tod" (1919) breit rezipiert. Oscar Wiener tradierte diesen Mythos in seinen ,,Böhmischen Sagen" (1919).
Durch seine Fiktionalisierung der historischen
Überlieferung hat Judah Rosenberg für das 20. Jahrhundert einen neuen Volkshelden geschaffen. Die Belebung
eines toten Körpers hatte ja Leser von Science-Fiction
und Monster-Literatur schon immer fasziniert. Chajim
Bloch überträgt 1920 in seinem Buch ,,Israel der Gotteskämpfer. Der Baalschem von Chelm und sein Golem.
Ein ostjüdisches Legendenbuch" den Mythos von Prag
nach Polen zurück und bekräftigt erneut den Anspruch
der Legende auf historische Wahrheit. Er baut den Mythos sogar noch dadurch aus, dass er den Golem als eine
sprechfähige und mittels Amulett unsichtbare Gabe
Gottes für die verfolgte jüdische Gemeinde interpretiert.
Nach wie vor ist aber auch hier der Golem ein gefühlloser, machtvoller Roboter, der keinen freien Willen und
keine Sexualität erkennen lässt.

«Bei Celan soll Rabbi Löw nach der Offenbarung des geheimen, höheren Wortes die
vorhandene sprachliche Weltordnung zerstören
und einen neuen ,,heilbringenden Spruch"
erschaffen.»
Während Rosenberg und Bloch Sexualität und Gefühle
zu thematisieren vermeiden, wird der Golem bei Gustav
Meyrink, Halper Leivick und Abraham Rothberg vermenschlicht und als ,,Doppelgänger" psychologisiert.
Leivicks ,,Der Golem. Ein dramatisches Poem in acht
Szenen" wurde 1921 publiziert und erstmals 1925 in
Moskau auf Hebräisch aufgeführt. Die Golemschöpfung wird wie im gefälschten Volksbuch durch die
judenfeindlichen Anschläge des christlichen Jesuitenpriesters Thaddäus motiviert. Weil der Golem die Jüdin
Devorale begehrt und dadurch seinem Alter Ego Löw
klarmacht, dass sein Geschöpf nicht mehr seinen Befehlen folgt, nimmt der Rabbi mit einem Gebet und ohne
alle kabbalistischen Mysterien seiner Schöpfung wieder das Leben. Er sieht im vermeintlichen Retter somit
am Ende einen ,,falschen Messias".
Nach Meyrinks Interpretation in seinem Buch ,,Der
Golem" von 1915 tritt das Wesen alle 33 Jahre jeweils
die Lebensspanne Jesu als eine Art Ahasver am Fenster
eines unzugänglichen Zimmers im Prager Ghetto auf.
Meyrink selbst, der kein Jude war, lebte seit 1884 in Prag
und leitete dort eine Bank. Seine Existenz als Bankdirektor war 1902 allerdings völlig ruiniert. Kaum ein Fünftel
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seines in dieser turbulenten Lebenssituation entstandenen Buches handelt von der Figur des Golems. Rabbi
Löw wird überhaupt nicht erwähnt. Meyrink entlarvt
sich übrigens als in der christlichen Welt sozialisierter
Autor, wenn er den Bericht von einem Golem aus vergangenen Tagen einbaut, der beim Läuten der Kirchenglocken helfen musste. In Synagogen gibt es bekanntlich
keine Glocken. Die Reise der Hauptperson Athanasius
Pernath ins eigene Ich endet mit der Inthronisation eines
Hermaphroditen, der eine neue Einheit symbolisiert.
Im Anklang an den altägyptischen Osiris will Pernath
über den Golem-Doppelgänger, den er erstmals im Spiegel des Café Chaos wahrnimmt und dem er den kabbalistischen Namen Habal Garmin gibt, seine verlorene
Vergangenheit zurückholen, seine antagonistischen Ichs
versöhnen und einen höheren Bewusstseinsstatus erreichen. Schon der Name Pernath deutet auf Pereles, den
ersten Chronisten des Rabbi Löw, und auf Pascheles, den
Herausgeber der Prager Legendensammlung ,,Sippurim", hin. Zudem wird Pernath zum Doppelgänger des
Lustmörders Laponder und des Studenten Charousek.
Beide sind ähnlich wie der Golem Projektionsflächen
seines Unbewussten.
Auch Karel Capek hat sich in seinem 1921 uraufgeführten ,,utopistischen Kollektivdrama" ,,R.U.R." an
der Legende vom Prager Golem orientiert. Durch dieses
Schauspiel, dessen Titel eine Abkürzung des Firmennamens Rossum's Universal Robots ist, verbreitete sich das
tschechische Wort für körperliche Fronarbeit, nämlich
robota, weltweit in dem Wort Roboter. Abraham Rothbergs Roman ,,The Sword of the Golem", der 1970
in den USA erschien, stellt im Anklang an Capek die
psychologische wie moralische Frage nach Gewaltbereitschaft und Pazifismus in einer Situation der Bedrohung.
Rabbi Löw befürwortet in diesem Text als Talmud-Gelehrter die Seite der Pazifisten und erschafft dennoch den
Golem, der auf Befehl töten kann, als Retter der jüdischen Gemeinde. Der aus dem Schlamm der Moldau
geformte Golem namens Joseph, der selbst gar nicht erschaffen werden will, wird hier zum Monster, weil er die
Liebe nicht erhält, nach der er sich sehnt. Er ist also nicht
nur tellurische Macht oder dienender Roboter, sondern
verliebt sich als ,,Mensch" in das Dienstmädchen Kaethe Hoch. Dank seiner Humanisierung bekommt er zunehmend Angst vor dem eigenen Zerstörtwerden und
verweigert, nachdem er sich seiner Position als gesellschaftlicher Außenseiter bewusst wird, die gehorsame
Ausführung der Befehle.
Konträr zu dieser Vermenschlichung steht der Golem als Knecht in der Tradition der maschinellen Automaten. Dieses Motiv von der Maschine, die besser als ihr
menschlicher Schöpfer ist, greifen Stanislaw Lem in seinem Science-Fiction-Roman ,,Golem XIV" (1981) und
Norbert Wiener in ,,God and Golem, Inc. A Comment
on Certain Points where Cybernetics Impinges on ReliDASJÜDISCHEECHO

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