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Jüdisches Echo 17-18

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lager in rund 500 Metern betrachtet, in den Gesteinen
Ton, Granit oder Salz, weil diese Radioaktivität am besten abschirmen.
Vor dem Tor zum Endlager also stehen unsere fernen Verwandten und sind drauf und dran, die Pforte zu
öffnen. Um ihnen mitzuteilen, dass an einer bestimmten Stelle gefährliche Stoffe lagern und welcher Art diese
Stoffe sind, müsste zunächst die Frage geklärt werden,
wie mitgeteilt werden kann, dass es sich um eine Mitteilung handelt. So der Ansatz des amerikanischen Semiotikers und Linguisten Thomas Sebeok, der als Begründer
der ,,Atomsemiotik" gilt.
1987 wurde Yucca Mountain im Bundesstaat Nevada, rund 160 Kilometer von Las Vegas entfernt, als amerikanisches Tiefen-Endlager für hochradioaktive Abfälle aus
Atomkraftwerken und aus militärischer Nutzung designiert. (Das Projekt ist seit 2010 auf Eis, seit Barack Obama
die Genehmigung für den Bau ausgesetzt und die Mittel
eingefroren hat. Donald Trump will das Projekt wieder
aufnehmen und hat im März 2017 im Kongress die Freigabe von 120 Millionen US-Dollar dafür beantragt.) Zu
Projektbeginn, Anfang der 1980er-Jahre, wurde im Auftrag der Regierung Reagan und des Bechtel-Konzerns eine
Arbeitsgruppe zur dauerhaften Sicherheit von Atommüll
eingerichtet. Bechtel wurde die Verantwortung für die Reduzierung der Wahrscheinlichkeit menschlicher Aktivitäten,
die geologische Lagerstätten mit High-Level-Abfällen radioaktiver Art beeinflussen könnten, übertragen.
Thomas Sebeok wurde in diese Human Interference
Task Force berufen. Er schrieb im Abschlussbericht das
Kapitel ,,Communication Measures to Bridge Ten Millennia". Sebeoks Grundidee besteht darin, dass Nachrichten
immer wieder neu kodiert werden müssen, damit sie ihren Zweck erfüllen können. Das notwendige Wissen soll
durch ein künstlich geschaffenes Ritual mit zugehöriger
Legende, die von Generation zu Generation tradiert wird,
übermittelt werden. Dazu empfiehlt er die Ernennung
einer ,,Atompriesterschaft". Diese Kommission sollte relativ unabhängig von künftigen politischen Entwicklungen sein, ihre Mitglieder selbst auswählen und alle Mittel,
die ihr zur Verfügung stehen, ausnützen und einsetzen, einschließlich Mittel, die einen folkloristischen Charakter haben.
Die ,,Atompriester" überwachen die Übersetzung der Nachricht in die jeweils geltenden Zeichensysteme.
Im deutschsprachigen Raum wurde die Atomsemiotik Anfang der 1980er bekannt, als der Semiotik-Professor
Roland Posner von der TU Berlin für die Zeitschrift ,,Semiotik" eine Umfrage unter Wissenschaftlern durchführen ließ. Die Fragestellung war: Welches Wissen kann die
Semiotik zur Verfügung stellen, um zu gewährleisten, dass
die erforderlichen Mitteilungen auch in den nächsten Jahrtausenden ihre Adressaten erreichen? Die Beiträge reichten
von der erwähnten Atompriesterschaft über äußere Zeichen wie Obelisken und konzentrisch angeordnete Warntafeln bis hin zur ,,Strahlenkatze", wie sie Françoise Bastide
Vol.66: WOHIN UNSERE WELT TREIBT

und Paolo Fabbri erfanden. Bastide/Fabbri schlugen vor,
den genauen Ort der Atommülllager in Vergessenheit geraten zu lassen und nur das Wissen über deren Existenz
sowie Methoden zur Strahlenmessung zu tradieren. So
könne nach Ansicht der Autoren verhindert werden, dass
ein Teil der Gesellschaft dem anderen politisch instrumentalisierbares Wissen voraus habe und ihn damit erpresse.
Die ,,Strahlenkatze" ­ als knackiger Begriff später
gerne von den Medien aufgegriffen ­ ist sozusagen die
biologische Option, mit der Strahlung sichtbar gemacht
werden soll. Die eigens dafür gezüchteten Tiere sollen auf
Radioaktivität mit einer Verfärbung ihres Fells reagieren.
Auch der polnische Philosoph und Science-Fiction-Autor
Stanislaw Lem hatte die Idee, lebendes Trägermaterial für
eine mathematische Kodierung zu verwenden. Um die
Zeichenträger vor Korrosion zu schützen, könnten einerseits Edelmetalle und andrerseits lebende, sich selbst regenerierende Zeichenmaterie verwendet werden, meinte er.
Lem schlägt vor, die Nachricht in zwei Teile zu zerlegen,
von denen der erste in die verwendeten Kodes einführt
und der zweite die eigentliche Mitteilung enthält.
Ein weiterer Beitrag schlägt einen künstlichen Mond
am Himmel und eine Datenbank im Keller vor. An diesen
Orten könnten Informationen sicher sein, vor allem angesichts der auf der Erde zu erwartenden Katastrophen,
die die Kontinuität der kulturellen und biologischen
Entwicklung stören könnten. Einige Vorschläge gingen
in eine durchaus fragwürdige Richtung ­ was Marshall
Blonksy von der State University of New York zur Frage
brachte: Wes Geistes Kind ist die Atomsemiotik? Die Frage
nach den Möglichkeiten, Menschen über Jahrtausende
vom Eindringen in Atommülllager abzuhalten, mache
nur Sinn, argumentierte er, wenn man sie auf die gegenwärtige Lage der Menschheit beziehe, die er vor allem
im Zustand der USA verkörpert sah: ,,Die Elite einer in
Auflösung begriffenen spätkapitalistischen Gesellschafts-

,,No more Fukushimas" ­ ein Holzschnitt des bekannten
japanischen Illustrators Takashi Ohno

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