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Jüdisches Echo 17-18

Seite 121 Jüdisches Echo 17-18Georg Simmel beschreibt in seinem Aufsatz ,,Die Mode"
die zentrale Dynamik des gesellschaftlichen Lebens in
der Moderne als einen dialektischen Prozess, in dem
das Individuum um einen Ausgleich zwischen seinem
Bedürfnis nach der Verschmelzung mit der Gruppe
und seinem Wunsch nach dem Heraustreten aus der
Homogenität der Masse ringt. Der Einzelne möchte
also leichzeitig in der Gemeinschaft aufgehen und eing
zigartig und unverwechselbar sein. Adorno meint nun,
dass der dominierende Menschentypus unserer Zeit der
,,außengesteuerte Charakter" ist, dem es nicht mehr
gelingt, zwischen den Bedürfnissen seines Ichs und den
von außen auf ihn einwirkenden Kräften einen Ausgleich
herzustellen. Das Individuum kippt quasi auf die äußere
Seite des Gegensatzes, d. h. es löst den bestehenden
Spannungskonflikt dadurch, dass es sich an die Außenwelt anpasst und seine individuellen Ansprüche aufgibt
(vgl. auch Riesman 1986).
Jugend in der Marktgesellschaft:
Schauspieler und Imitatoren
Während man in der Kreativwirtschaft noch einen Diskurs der Subjektivität pflegt und an der Illusion der Individualität zumindest kommunikativ festhält (den Glauben daran hat sie verloren), ist die Businesswelt längst
im stilistischen Kollektivismus heimisch geworden. Die
Businesswelt zelebriert seit Jahrzehnten auch auf der Stil
ebene die Zertrümmerung des Individuellen. Übrigens
auch die Politik, wie das vestimentäre Erscheinen der
Staats- und Regierungschefs der EU deutlich macht.

«In den kreativen Milieus will man zumindest
noch die ästhetische Differenz, unter den
Wirtschaftseliten ist die perfekte Imitation auf
allen Ebenen gefragt.»
Der coole Typ der Wirtschaft ist eine Imitation ohne
Überzeugung. Er ist Adornos außengesteuerter Charakter, der sich von sich selbst abwendet und auf die äußere
Seite seiner Existenz kippt. Vor allem die Wirtschaft
belohnt die Außengesteuerten, die, die sich geistig und
ästhetisch am besten an ihre Rollenklischees anpassen.
In den kreativen Milieus will man zumindest noch
die ästhetische Differenz, unter den Wirtschaftseliten ist
die perfekte Imitation auf allen Ebenen der Existenz gefragt. Aus diesem Grund gilt dort schon der als unangepasster Querdenker, der eine bunte Krawatte oder gar
eine Fliege trägt. Der Manager ist uniformiert. Er ist ein
Soldat der Wirtschaft. Die Kaufpreisklasse der Armbanduhr, des Anzugs, des Lieblingsweins oder des Dienstautos
ersetzt die Rangabzeichen des Militärs.
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Der junge Nachwuchsmanager aus den gehobenen Bildungsschichten wird in Managementschulen und an
Wirtschaftsuniversitäten ausgebildet. Dort wird ihm der
richtige Korpsgeist, Lifestyle, Denkweise und Kommunikationsstil anerzogen. Wer die angebotene Rolle am besten
internalisiert und alles, was nicht zu ihr gehört, am besten
zu unterdrücken versteht, der kommt an die Spitze der
Machtpyramide des Management-Konformismus.
Wer bereit ist, seine Vorleben abzuwerfen, und sich
willfährig in einen ,,anderen" umbauen lässt, der hat in
der Regel das, was er vor seiner Aus- und Umbildung
war, niemals geliebt. Der Jungmanager ist also auf der
Flucht vor seiner ,,unwürdigen" Vergangenheit, die entweder in seiner Herkunft aus einer unteren Sozialschicht
besteht, die als peinlich und inadäquat empfunden wird,
oder in seiner spontanen und spielerischen Kindheit und
Jugend, die ihm schon in seiner elitären Herkunftsfamilie zum Vorwurf gereicht hat und als nicht standesgemäß
verächtlich gemacht wurde. Er flüchtet in die perfekte
Rolle des Managerimitators, weil er das nicht lieben und
anerkennen darf, was er einmal war. Und je perfekter er
die Businessrolle spielt, desto weniger fühlt er sich von
dem berührt, was er einmal war, nun aber nicht mehr
sein darf.
Die Zukunft als Zeitalter der Ironie
Die Ironie ist heute weit verbreitet. Vor allem die Jugend
wird als die ironische Generation bezeichnet. Mit Hilfe
der Ironie bewältigt der junge Mensch seine Gefühle der
Überforderung und kann auf wohldosierte und sozial
akzeptierte Art und Weise seine Distanz zum System,
das ihn umfängt, zum Ausdruck bringen.
Die Ironie meint immer das Gegenteil von dem,
was sie sagt. Wenn der Ironiker sagt: ,,I am the greatest",
dann gibt er zu verstehen, dass auch das Gegenteil davon
möglich ist: ,,I am the greatest loser." Der Ironiker flüchtet sich in die Ambivalenz, indem er signalisiert, dass er
sein ,,aufgeblasenes ICH" nicht ganz ernst nimmt. Vladimir Jankélévitch charakterisiert die Ironie als Spiel mit
dem Unvermeidlichen. Der Ironiker entzieht sich der
Erbarmungslosigkeit einer ,,coolen" und nicht kontrollierbaren Realität, indem er das ganze Leben in ein oberflächliches Spiel umdefiniert (vgl. Jankélévitch 2012).
Dies tut er, indem er jeden Tiefsinn vermeidet, genauso wie jede Dauerhaftigkeit und Verbindlichkeit. Er
versucht, Menschen und Dinge nur zu streifen, sie quasi
nur ,,du bout des yeux" (wörtl. ,,mit der Spitze der Augen") ganz leicht zu berühren. Wenn er liebt, dann liebt
er nur mit einem Teil seiner Seele. Was seine Gefühle
betrifft, behält er sich immer Reserven zurück. Und so
bleibt auch die Liebe nur ein distanziertes Spiel, oder,
wie Jankélévitch es beschreibt: ,,Die ironische Liebe
ist zum Beispiel ein ewiges Vorwort, die mit dem VorDASJÜDISCHEECHO

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