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Jüdisches Echo 17-18

Seite 120 Jüdisches Echo 17-18 die arbeitsbezogene Leistung (vgl. Neckel 2008). In
den Fokus rücken in der Selbstdarstellungsgesellschaft
merkantile Taktiken der Selbstvermarktung. Wer es
nicht versteht, mit kommunikativen Praktiken und
Fertigkeiten die Öffentlichkeit zu beeindrucken, dessen
Leistung wird nicht gewürdigt werden, so überragend
diese auch sein mag.
Die Vermittlung der individuellen Selbstdarstellung
ist auf Medien angewiesen, will sie nicht auf das unmittelbare persönliche soziale Umfeld beschränkt bleiben.
Durch Medien kann Reichweite und damit Bedeutung
generiert werden. Die performative Ökonomie ist eng
verbunden mit einem zweiten gegenwartsrelevanten Begriff, der auch die Verschiebung vom materiellen zum
symbolischen Tausch beschreibt, dem Begriff der ,,Ökonomie der Aufmerksamkeit" (vgl. Franck 2007). Das
wichtigste Tauschgut in einer Aufmerksamkeitsökonomie ist die Beachtung, die in der Öffentlichkeit für eine
narzisstische Aktion der Selbstpräsentation erreicht werden kann. Beachtung wird durch situations- und medienadäquate strategische Kommunikation erworben,
kann als Aufmerksamkeitskapital akkumuliert und am
Ende in ökonomisches Kapital getauscht werden.

«Die Hoffnung auf die Karriere mithilfe eines
Castingformats ist für ein Milieu ohne Vertrauen
in das Prinzip Aufstieg durch Bildung ein
typischer Zukunftsentwurf.»
Als Beispiel für die Funktionsweise der Ökonomie der
Aufmerksamkeit kann die Castingshow genannt werden. In den vielen Castingformaten bemühen sich in
der Regel Menschen, die fern vom Fokus der Medien
ein durchschnittliches Leben führen und über keine
besonderen substanziellen Vorzüge verfügen, durch
performative Leistungen öffentliche Beachtung zu finden. Gelingt es ihnen, durch eine spektakuläre Selbstpräsentation eine Fachjury und das Massenpublikum
durch mehrere Folgen eines Castingformates hindurch
zu begeistern, dann akkumulieren sie durch ihre häufige
Bildschirmpräsenz eine relevante Menge an Aufmerksamkeitskapital, das nun als Startkapital für eine Karriere im Musik- oder Schauspielbusiness investiert werden
kann.
Eine Karriere im Showbusiness ist für viele Jugendliche, vor allem für solche aus bildungsfernen und einkommensschwachen Milieus, die große Zukunftshoffnung. Zum Ausbruch aus einem Milieu ohne Hoffnung
auf sozialen Aufstieg und mit dystopischer Zukunftssicht soll das spontane Entdecktwerden durch die Jury
einer Castingshow verhelfen. Die Hoffnung auf die
Karriere mithilfe eines Castingformats ist für ein gegenwartsorientiertes, hedonistisches Milieu ohne Vertrauen
Vol.66: WOHIN UNSERE WELT TREIBT

in das Prinzip Aufstieg durch Bildung ein typischer Zukunftsentwurf. In demoralisierten Milieus ohne Zutrauen in die eigene Selbstwirksamkeit und mit geringem
Vertrauen in die gesellschaftlichen Aufstiegsnarrative,
regieren Phantasmagorien und illusionäre Spekulationen das Bild der Zukunftserwartungen. Es ist eine Erfolgsfantasie, genauso illusionär und wirklichkeitsfremd
wie die Inhalte und die Gestaltung der Produkte der
Kulturindustrie, von denen die untere Hälfte der Sozialstruktur sich geistig ausschließlich zu ernähren gezwungen ist. Die Jugend der unteren Sozialmilieus versucht
einer Lebenswelt zu entfliehen, die ihnen weder Resonanz noch adäquate Lebenschancen zugesteht, in eine
Scheinwelt des Glitzers und des Glamours, in der es für
sie aber genauso wenig einen privilegierten Platz gibt wie
in der ganz realen Arbeitswelt. Wie die warenästhetisch
aufgehübschte Sinnleere der Produkte der Kulturindustrie sind auch die Versprechen der Castingshows leere
Versprechen, die einzig den Zweck haben, überwiegend
junge Menschen aus bildungsfernen Milieus zum Gaudium der Massen in die TV-Arena zu treiben.
Die Dominanz des außenorientierten Charakters
Der Kulturwissenschaftler Josef Früchtl konstatiert, dass
die Jugend erwachsen, nüchtern und müde geworden ist
und ein Leben abseits von Überzeugungen und Idealen
führt (vgl. Früchtl 2004). Diese Klassifizierung trifft
unserer Ansicht nach aber nur auf die Jugendlichen der
mittleren und der oberen Sozialschichten zu. Während
die Unterschicht in ihren Hoffnungen illusionär, im Alltag aber down-to-earth und im Freizeitleben aktiv und
vital ist, lebt die Jugend der oberen Gesellschaftshälfte
ein eher nüchternes, angepasstes und seltsam ,,frühreifes" Leben, so als stünden sie unter dem ständigen Einfluss einer neuartigen Vernunfts- und Benehmenspille,
die man ihnen insgeheim täglich mit dem Frühstück
verabreicht.
Während die unteren Sozialschichten noch abseits
ihrer Castingrollen ihr ,,wahres Gesicht" zeigen und zu
spontanen und ungezügelten emotionalen Ausbrüchen
neigen, sind die Jungen von der Mitte aufwärts durchgehend ,,cool". Sie spielen immer die von ihnen erwartete
Rolle und diese Rolle verlangt durchgehend die Selbstverleugnung und Selbstunterdrückung ihres inneren
Seins. Der durchschnittliche junge Mensch, der eine
höhere Ausbildung durchlaufen hat, ist heute, was seine Selbstdarstellung in Freizeit, Ausbildung und Beruf
betrifft, übertrainiert und im höchsten Maße selbstkontrolliert. Ihm ist nichts mehr wichtig außer der situative
Erfolg. Er ist sozusagen nur mehr ein Schauspieler, der
je nach Rollenerfordernis den adäquaten Auftritt ohne
viel zu fragen hinlegt, wenn die Bezahlung oder die Anerkennung stimmt.
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