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Jüdisches Echo 17-18

Seite 101 Jüdisches Echo 17-18aktiv zu werden. Aber wer fühlt sich denn heute für die
Verbrechen zuständig, die in Afghanistan, Syrien oder
anderswo begangen werden?
Das liegt außerhalb meines Bereichs. Dass es diese
Gerichte real geben sollte, kann ich nur als Wunsch
an andere Professionen weitergeben. In meinen Bereich gehört es, Patienten zu sagen, dass wir anerkennen, dass sie Wut haben. Ich kann sagen, wohin
gehört sie: Sie gehört nicht deinem Zimmernachbarn. Sie gehört nicht deiner Deutschlehrerin. Sie
richtet sich auch nicht gegen dich selbst. Viel mehr
als die Fremdaggression sehen wir ja das autoaggressive Verhalten. In meinem Bereich geht es einmal
darum, dass überhaupt bewusst wird, ich muss meine Aggression nicht per se unterdrücken. Ich habe
ein absolutes Recht auf diese Wut, auf diese Aggression. Sie gehört jemand ganz Konkretem, und für
den wäre es wünschenswert, dass es irgendein Gericht gäbe, vor das dieser Mensch gestellt wird. Und
ich darf mir auch wünschen, was ist die Strafe für
diesen Menschen durch dieses Gericht. Das ist ein
psychologischer, psychoedukativer Prozess. Wenn
die Betroffenen wissen, woher ihre Wut kommt,
kann diese auch kontrolliert werden. Im besten Fall
kommt es zur Transformation: die Energie der Wut
wird für konstruktives Engagement genutzt.
Wenn wir aber nun zu der Frage zurückkehren, was es
für eine gelungene Integration braucht, bedeutet das,
dass von der Aufnahmegesellschaft einmal anerkannt
werden müsste, welches Leid Flüchtlinge erfahren
haben? Ohne aber gleichzeitig alles zu entschuldigen?
Wir kennen in unserer Arbeit die Mitleidserschöpfung.
Das ist das Phänomen, dass sich eine Stimmung plötzlich kollektiv drehen kann.
Mitleidserschöpfung nennt man das eben. Insofern
geht es darum, den Menschen als Ganzes anzuerkennen. Wenn ich ihn nur als Opfer sehe, bin ich ganz
schnell wieder in diesen Schwarz-Weiß-Bildern drinnen, die wir ja hatten. Die 71 Toten, das tote Kind in
Griechenland, und auf einmal waren alle Flüchtlinge
gut. Es war vollkommen klar, es braucht irgend so ein
Ereignis und dann kommt der Kippeffekt und den
hatten wir mit Silvester in Köln. Jetzt sind wir aber
schon ziemlich lange in diesem Schwarzbild drinnen,
medial. Ich sagte ja, die Willkommenskultur ist nach
wie vor da. Sie ist nur medial nicht mehr präsent.
Ich denke, es geht darum, bereit zu sein, die
Menschen als Ganzes zu sehen. Ich muss nicht jeden
Flüchtling mögen, da falle ich ja wieder in positiven
Rassismus. Sondern ich habe einen Menschen vor
mir. Und mit dem Menschen gehe ich in Beziehung
oder gehe ich nicht in Beziehung. Wobei mein Cre100

do ist, dass Menschen, die durch andere Menschen
so Schlimmes erlebt haben, vor allem eines brauchen, und das sind heilsame Beziehungen, sichere
Beziehungen, Beziehungen, die halten.
Es heißt aber natürlich auch eine Auseinandersetzung mit mir selbst, wenn ich mich auf so eine
Beziehung einlasse. Auch meinen Bezug zu der viel
beschworenen hiesigen Kultur. Ich habe kürzlich
mehrere Leute gefragt, wieso haben wir im Mai die
Donnerstagsfeiertage. Kaum jemand weiß es. Kennen wir uns in unserer eigenen Kultur aus? Ich finde
das schon spannend, weil ich das immer wieder höre
von Flüchtlingen, dass sie fragen: Na gut, warum ist
jetzt Feiertag? Pfingsten ist zum Beispiel der Flüchtlingsfeiertag schlechthin. Alle verstehen alle. Die
Sprachverwirrung hört auf. Das wäre ja eigentlich
eine Vision für eine Welt, in der sich alle verstehen.
Was ich hier heraushöre: Integration ist keine Einbahnstraße.
Es wird mir meine eigene Kultur ja viel bewusster,
wenn ich solche Fragen zu beantworten habe.
Sie haben vorhin gesagt, die Willkommensgesellschaft
ist nach wie vor da. Inzwischen gab es aber mehrere
Berichte über enttäuschte Helfer, vor allem, wenn sich
Beziehungen in Richtung Mutter-Kind-Beziehung
entwickeln.
Zum einen glaube ich eben, ja, wir hätten mehr
gleich am Anfang schulen sollen. Ich habe dann
2016 das Buch (,,An ihrer Seite sein: Psychosoziale Betreuung von traumatisierten Flüchtlingen",
Anm.) geschrieben. Im Nachhinein muss ich sagen,
wir hätten vielleicht am Anfang auch massenmedientauglich viel präsenter sein müssen, um einfach
gewisse Dinge zu sagen, wie zum Beispiel: Leute,
passt auf auf eure Grenzen. Ich glaube, da ist einfach
einiges schiefgelaufen am Anfang, dieses Gefühl, die
sind so arm, also auch wieder eigentlich diese Form
von, wenn auch positivem, Rassismus. Die brauchen so viel und deshalb darf ich auf meine Grenzen
nicht mehr achten.
Und nachdem in diesen Berichten vor allem
von Frauen die Rede war, ist das so ein bisschen die
Wiederholung dessen, was Mutterschaft ist. Weil natürlich, mit meinem Baby bin ich in Symbiose. Nur
da ist es ein wirkliches Baby und hier ein 15-jähriges
oder 16-jähriges oder 23-jähriges ,,Baby", ein hilf
loser Mensch, der am Anfang genauso bedürftig ist,
aber viel schneller autonom wird, weil er oder sie
ja eigentlich schon autonom war. Hier ist wirklich
etwas übersehen worden. Da ging es um die eigenen
Grenzen ­ ich darf von vorneherein einem Menschen meine Grenzen zeigen. Ich muss nicht mitten
in der Nacht telefonisch erreichbar sein. Ich darf
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