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DIE SPIELKINDER

RONALD ZEHRFELD

DIE LESUNGEN

UNERHÖRT GUTE STIMMEN
Für viele sind es die schönsten Sonntagvormittage des Festivals: Die traditionell vom
Medienhaus Bauer präsentierten Lesungen mit den dazugehörigen hochkarätigen
Schauspielern. In diesem Jahr dürfen sich die Fans auf sechs ganz unterschiedliche Veranstaltungen freuen, die doch allesamt dem Thema Heimat irgendwie verbunden sind.
Mit dabei: Wiederholungstäter, aber auch viele neue Gesichter.
CHRISTIAN BRÜCKNER
ODYSSEE VON HOMER
6. MAI 2018
11.00 UHR



Er ist der Pate. Und der Taxi-Driver. Zumindest
seine Stimme ist es. Und längst ist Synchronsprecher Christian Brückner, der seit rund 50
Jahren im Geschäft ist, auch eine feste Bank bei
den Ruhrfestspielen.
Nach Novalis, Casanova und der ,,Reise nach
Petuschki" mit Sohn Kai in 2012 ist er nach
einigen Jahren Pause nun wieder zurück am
Grünen Hügel ­ mit Homers ,,Odyssee", der
größten Heimkehrergeschichte der Menschheit,
die vor über 2000 Jahren entstand: Nicht nach
Hause zurückzukönnen, obwohl genau das der
sehnlichste Wunsch ist, das ist ein Alptraum von
erschreckender Aktualität, dem Brückner sich da
widmet.
Für seine herausragenden Sprecherleistungen
bekam der heute 74-Jährige, der bereits Warren
Beatty in ,,Bonnie und Clyde" und auch mehrfach Robert De Niro seine unverwechselbare
Stimme lieh, bereits 1990 den Adolf-GrimmePreis. Für seine Arbeit in mehr als 60 Filmen
kassierte er den Titel ,,The Voice" und könnte in
Recklinghausen wahrscheinlich auch aus dem
Telefonbuch vorlesen ­ und trotzdem den Saal
füllen.
Mindestens genauso wie die großen Auftritte
aber liebt Brückner die Arbeit im Stillen, als
Off-Stimme in Dokumentarfilmen sowie als
Rezitator und Interpret von Hörbüchern. So betreibt er gemeinsam mit seiner Ehefrau Waltraut
seit Beginn des Millennium-Jahres 2000 seinen
eigenen Hörbuchverlag ,,Parlando", der in 2005
mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet wurde.

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DIE SPIELKINDER ,,BECKMANN" & GÄSTE
LESE-, SPIEL- UND MUSIKREVUE
ÜBER TEXTE VON RALF ROTHMANN
13. MAI 2018
11.00 UHR



,,Geschwister, die sich immer super verstehen
und alles immer zusammen machen, sind
komisch. Aber sich so gar nicht untereinander
verstehen, ist auch kacke." Und so haben sich
die Beckmanns aus Herne nach eigenen Aussagen für einen sehr durchlässigen Mittelweg entschieden: für das Künstlerkollektiv ,,Spielkinder".
Maja, Lina, Nils und Till ­ alle dem Theater
verbunden, alle als Schauspieler auf der Bühne,
alle miteinander aufgewachsen, realisieren in
diesem Künstlerquartett seit 2009 Herzensangelegenheiten, für die im normalen Alltag kein
Platz ist.
Eine Herzensangelegenheit ist der Schriftsteller
Ralf Rothmann. In dessen Romanen geht es
um einen sehr sensiblen jugendlichen Blick auf
das Ruhrgebiet der 60er Jahre: Brathähnchen,
erwachsen werden, erste Liebe, LSD, alt werden,
abtreten. Als Ruhrgebietskindern war den
Beckmanns klar: diese Geschichten rund um
Baggersee und Zechentor müssen sie in einer
Lese-, Spiel- und Musikrevue verwursten. Seit
2013 haben sie dafür Unterstützung. Zusammen
mit ihren Gästen Charly Hübner (Rostocker
Polizeiruf-Kommissar), Jennifer Ewert und Sebastian Maier bringen sie die Rothmann-Figuren
und Texte neben Selbstgeschriebenem gerne
mal etwas anders, wie etwa bei der Ruhrtriennale, auf die Bühne: Bier anstatt Mineralwasser und
Spielkinder auf Barhockern anstatt Autoren mit
kleinen Leselampen. So könnte die Hommage
an das Leben im Pott auch am Grünen Hügel
ausfallen.

RONALD ZEHRFELD
GERMINAL VON ÉMILE ZOLA
20. MAI 2018
11.00 UHR



Noch im Kindergarten wählte ihn ein Sportkader für eine Leistungssportkarriere im Judo aus,
sein größter Erfolg war der Gewinn der DDRJugendmeisterschaft mit elf Jahren ­ doch dann
kam die Wende und für Ronald Zehrfeld, damals
zwölf Lenze alt, wurde alles ganz anders. Statt
Spitzensportler wurde der 1,90-Meter-Riese
Schauspieler. Der ,,deutsche Russell Crowe",
wie er gerne mal genannt wird, spielt bis heute
vorrangig Polizisten-Rollen, etwa als Ex-BKABeamter im ZDF-Krimi ,,Dengler" oder dem
Kino-Film ,,Finsterworld".
Großer Erfolg war Zehrfeld auch mit Dominik
Grafs Krimiserie ,,Im Angesicht des Verbrechens"
(2010) beschieden. Zusammen mit Max Riemelt
agierte er als Berliner Polizist, der im Milieu der
Russenmafia ermittelt. Der Part des Sven Lottner
brachte Zehrfeld gemeinsam mit dem übrigen
Schauspielensemble den Deutschen Fernsehpreis und den Grimme-Preis ein.
Ein zweites Mal Grimme-Gold gab es dann 2014
für ,,Mord in Eberswalde" an der Seite von Florian Panzner. Um von der ewigen Polizisten-Rolle
wegzukommen, ist die sonntägliche Lesung am
Grünen Hügel für ,,Ronny" Zehrfeld allerdings
eine gute Gelegenheit ­ weg vom SaubermannImage kann der 41-Jährige Zolas ,,Germinal"
vortragen und sich in die Rolle des wirklich
Gehassten einfühlen.
Denn dafür, dass Zola den Elfenbeinturm des
Dichters verließ, um für ,,Germinal" das Leben
der Bergleute, der unterdrückten Arbeiterklasse zu teilen und zu beschreiben, galt er als
Abschaum.

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