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VESTIVALplus

Seite 7 VESTIVALplusSie nehmen sich auch regelmäßig die Zeit, Theater zu spielen.
Warum ist Ihnen dieses Medium so wichtig?
Das Theaterspielen ist ja der Grund, warum ich mich
für den Beruf entschieden habe. Das ist einfach
die Basis. Und die Gruppe, mit der ich jetzt bei den
Ruhrfestspielen bin, besteht aus hervorragenden
Kollegen, mit denen ich spielen möchte. Auch der
Regisseur ist jemand, der mir Dinge sagen kann, die
ich akzeptiere, der eine ähnliche Sicht auf die Welt
hat wie ich. Wir treffen uns ca. alle zwei Jahre und
arbeiten an einem Text, auf den wir alle Lust haben.
Warum macht es solchen Spaß, mit Thorsten Lensing Theater
zu spielen? Was zeichnet seine Regiehandschrift aus?
Der Thorsten nimmt sich einen Text, auf den er Lust
hat. Und das hat sich in der letzten Zeit auf die Spitze
bewegt: von den Tschechow-Stücken ,,Onkel Wanja"
oder ,,Der Kirschgarten" zu Romanbearbeitungen für
die Bühne von Dostojewskis ,,Die Brüder Karamasow"
bis jetzt zu David Foster Wallace. Ehrlich gesagt, weiß
ich momentan gar nicht, wo man das nächste Mal
anknüpfen soll, weil die Texte sich bisher alle auf eine
hohe Komplexität zubewegt haben. Es ist schwierig,
danach noch etwas zu finden, das weiterführt als
Wallace. Der ,,Unendliche Spaß" beschreibt eine so
unglaubliche Welt mit solchen fantastischen Figuren.
Da fällt mir gerade nicht mehr viel Bedeutenderes
ein.
Warum sollte sich das Ruhrfestspiel-Publikum diesen VierStunden-Spaß nicht entgehen lassen?
Weil unser Abend Figuren auf die Bühne bringt, die
in ihren Ängsten und Abhängigkeiten die großen
Kämpfe mit sich und ihrer Umwelt ausfechten müssen und man mit ihnen die skurrilsten und tiefsten
Momente erlebt. Das ist ein Stück, das das Leben zu
zeigen versucht, wie es ist ­ nicht wie es sein könnte.
Und das ist über weite Strecken ein unendlicher
Spaß. Für alle Beteiligten. Das Publikum in Hamburg,
Münster und Berlin hat sehr positiv reagiert.
Sie spielen den Footballstar Orin. Was ist das für eine Figur?
Ich kann nicht über die Rollen oder Charaktere
reden, die ich spiele. Das kann mir jemand hinterher beschreiben. Am Ende geht es darum, wie der
Zuschauer die Figur sieht, die ich spiele. Jeder erlebt
den Abend und die Figuren auf seine Art.

Dann vielleicht anders: Sie spielen immer wieder gerne
schräge Typen. Das beste Beispiel ist Ihr Tatort-Kommissar Jens
Stellbrink, der sich ja leider bald verabschiedet. Ein leicht ­
vorsichtig formuliert ­ sonderbarer, dabei unheimlich liebenswerter Mensch. Wieviel Autobiografisches steckt eigentlich in
dieser Figur?
Nichts. Das ist auch nicht meine Motivation, eine
Rolle zu spielen. Wir haben mit dem Stellbrink eine
Figur für eine Reihe entwickelt. Er wurde mit der Zeit
immer stringenter, immer klarer, ein immer mehr
vom Polizeidienst Gebeutelter. Insofern hat er eine
Entwicklung erfahren, obwohl mir persönlich die
beiden ersten Folgen am besten gefallen haben.
Richtig ist, dass ich die Möglichkeit hatte, viele Ideen
einzubringen, um der Figur Kontur zu geben.
Eine andere Figur, die Sie gespielt haben, ist Hape Kerkeling,
der aus Recklinghausen kommt. Wie wichtig war diese Rolle in
,,Ich bin dann mal weg"?
Diese Rolle war mir sehr wichtig, weil mich Hape als
Künstler immer sehr beeindruckt hat. Er ist sehr kreativ, intelligent, schnell, gefühlvoll ­ so wandelbar, wie
ich mir das wünsche. Ein ganz großartiger Jahrhundertkünstler. Das Buch habe ich früh gelesen, fand es
großartig und dachte sofort: Das schreit nach einer
Verfilmung. Als ich Hape dann am Tag der Premiere
kennengelernt habe, haben wir uns ad hoc sehr gut
verstanden, mochten uns auf Anhieb sehr.
Aktuell ist Ihr neuer Film ,,Die Wunderübung" in Österreich in
den Kinos. Ab 28. Juni wird er auch in Deutschland zu sehen
sein. Der Trailer ist schon höchst amüsant. Autor Daniel
Glattauer lotet in diesem Kammerspiel das komödiantische
Potenzial von Paartherapien aus...
Ja, das Ganze ist ursprünglich ein Theaterstück und
wurde schon auf der Bühne gefeiert. Meine Filmpartnerin Aglaia Szyszkowitz hat die Rolle auch in Wien
gespielt. Michael Kreihsl ist auch bei uns Regisseur,
Erwin Steinhauer spielt den Paartherapeuten. Wir
haben das Ganze im letzten Sommer bei gefühlten
40 Grad in einem Raum gedreht, es war mörderisch
heiß, ich hab' mich totgeschwitzt, mir ist fast der
Schädel weggeflogen. Und ich hatte so viel Text, das
war eine der anstrengendsten Arbeiten in meinem
Leben. Ich hab' alles gegeben, und meine Kollegen
natürlich auch.

,,Kunst muss Visionen haben und sich was trauen." Ein Leitspruch, den Devid Striesow selbst
seit Jahren lebt. Der 44-Jährige verblüfft nicht
nur mit einer schier unendlichen Bandbreite,
er traut sich immer wieder an gewagte Filme
und Rollen, steht öffentlich zu seiner ADHSErkrankung. In Rügen geboren und in Rostock
aufgewachsen, schmeißt sich der Schauspieler
nach dem Abschluss der renommierten ErnstBusch-Schule in Berlin mit Volldampf in den
Beruf, lässt kein Genre aus: Er dreht Filme für
TV und Kino, steht auf Theaterbühnen, liest
Hörbücher, spielt Psychopathen, Familienväter, Frauenhelden, Piratenjäger, zuletzt einen
Wunderheiler im Rokoko, im Tatort, bei Bella
Block... Devid Striesow brennt sich mit jeder
Rolle ins Gedächtnis, gewinnt Preise in Serie.
Seit seiner Hauptrolle in der Verfilmung des
Hape-Kerkeling-Bestsellers ,,Ich bin dann mal
weg", gibt es wenige, die ihn nicht kennen.

Obwohl Sie ja dafür bekannt sind, immer alles zu geben.
Sie haben sogar schon 20 Kilo für eine Rolle zugenommen...
In dieser Hinsicht scheinen Sie hart im Nehmen zu sein.
Ja, so ist das halt, wenn man den Luther spielt, kann
man nicht aussehen wie ein Hungerhaken. Für gewisse Rollen muss man Kompromisse eingehen.
In welchen Rollen können Ihre Fans Sie demnächst erleben?
Es gibt eine neue Reihe, auf die ich sehr stolz bin.
Der erste Teil läuft im Herbst. ,,Schwartz & Schwartz"
wird dieser ZDF-Samstagskrimi heißen. Es geht um
die Brüder Andi, das bin ich, und Mads Schwartz, den
Golo Euler spielt, der eine ein unzuverlässiger Detektiv, der andere ein hochanständiger Polizist.
Was sagt denn Ihr Zeitplan noch für heute, Herr Striesow?
Ich habe heute Abend eine Vier-Stunden-Vorstellung
im Kampnagel vor der Brust. Da ist der Zeitplan genau vorgegeben: Man geht noch einmal durch den
Text, man isst am frühen Nachmittag, man legt sich
noch einmal hin, geht dann in die Konzentration...
Und das Schlimme: Ich bin immer noch aufgeregt,
vor jeder Vorstellung, denn jeder Abend ist anders.
Tina Brambrink

SCHRAG GEGENUBER
VOM RATHAUS:
DAS GUTER-RAT-HAUS.
Alles von ,,Will ich" bis ,,Brauch ich" auf drei Etagen.

IN DER ALTSTADT VON RECKLINGHAUSEN.

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