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Seite 25 VESTIVALplusSehen Sie. Ich will es mal so sagen: Wer mit 18 Jahren
nicht raus will aus einer 60.000-Einwohner-Stadt wie
Weimar, mit dem stimmt etwas nicht. Das wäre zu
früh, um sich niederzulassen.
Anfang der 80er-Jahre haben Sie dann die DDR ganz verlassen.
In diesem Zusammenhang werden Sie immer wieder mit einem
Zitat konfrontiert: ,,Ich bin nicht vor Repressionen abgehauen,
sondern vor der Bevölkerung." Würden Sie das heute immer
noch so sehen und sagen?
Na ja, ich kann es ja nicht ändern. Sie haben recht,
ich werde oft damit konfrontiert. Ich kann mich gar
nicht mehr so genau erinnern, das ist ja nun 35 Jahre
her, dass ich aus der DDR wegging. Aber irgendwas,
das wird wohl stimmen, irgendwas muss mir damals
schwer auf die Nerven gegangen sein. Sonst hätte
ich diesen Schritt nicht getan. Man verlässt ja nicht
ohne Not sein Zuhause und gibt seine Existenz auf.
Ich wusste ja nicht, wo ich hinkomme. Ich kannte den
Westen nicht. Und die politischen Verhältnisse, die
waren, wie sie waren, die waren für alle gleich. Aber
ich glaube schon, dass diese seltsame, menschgemachte Atmosphäre, die im Osten herrschte, mich
sehr gestört hat.
Wo kam die her?
Wir haben ja im Nachhinein erfahren, wie viele Leute
Stasi waren. Wenn man davon ausgeht, dass jeder
Dritte, Vierte bei der Stasi war, dann können Sie sich
ja vorstellen, mit wie vielen Stasi-Leuten man umgeben war. Und irgendwie spürt man so etwas, ohne
dass man es weiß. Das ergibt eine Atmosphäre.
Verstehe, Sie führen diese Atmosphäre also auf die Stasi zurück
und nicht etwa auf eine kulturelle Rückständigkeit oder so.
Nein, im Gegenteil. Kulturell, was den Theaterbereich
betrifft, wart ja eher Ihr ein bisschen hintendran.
Das lasse ich jetzt mal so stehen.
Nützt ja nichts. Das ist doch klar! Das ist doch auch
ein Ergebnis der atmosphärischen Störung, die ich
gerade beschrieben habe. Die Kunst reagiert ja
immer auf so etwas. Und je unangenehmer möglicherweise das Leben ist, umso großartiger sind die
Ergebnisse der Kunst.
Kritiker würdigen völlig zu Recht die Kraft, die Wucht, die
Energie, die Leidenschaft, die von Ihrem Spiel ausgeht. Gerade
auch im Zusammenhang mit den Baal-Aufführungen. Nun ist
es kein Geheimnis, dass Sie in diesem Jahr 70 Jahre alt werden.
Schlicht gefragt: Wie machen Sie das?
Die Kraft kriege ich auf die Bühne, weil ich sie noch
habe. Weil ich noch nicht so richtig klapprig bin. Aber
ich gehe sicher davon aus, dass das Alter sich irgendwann auch auf die Performance auswirkt. Das heißt:
Ich muss Wege finden, die Kraft, die dann nachlässt,
mit anderen Dingen zu kompensieren. Aber wenn
man Glück hat, gibt es trotzdem wunderbare Rollen.
Ich habe unlängst einen pensionierten Kommissar
gespielt im Fernsehen (,,Der namenlose Tag", die
Red.). Das sind so Rollen, die man nicht nur mit Kraft,
sondern auch mit einer gewissen Altersweisheit
bewältigen kann. Wenn man sie hat.
Bei Ihnen spielt auch die Stimme eine wichtige Rolle. Wie
verhält sich das mit der?
Ach, die Stimme ist wie sie ist, ich habe mich nie
so damit beschäftigt. Ich habe früher teilweise bis
zu fünf, sechs Stunden Theater gespielt, hatte nie
Probleme. Inzwischen habe ich ja mit dem Theater
aufgehört. Und ich denke mal, für die paar Lesungen
und Filme, die ich noch machen werde, wird das
schon gehen.

Das war mir nicht klar: Die konzertante Aufführung, so wird Ihr
Baal ja betitelt, würden Sie nicht als Theater begreifen?
Doch, doch. Unbedingt. Was sonst? Aber es ist nicht
mehr das klassische Theater. Das hieße ja: Ich habe
Kollegen, ich habe Dialoge, ich bin in ein Ensemble
eingebunden, ich ziehe ein Kostüm an, setze mir eine
Nase auf... Das ist vorbei.
Die Augsburger Allgemeine hat gerade erst wieder geschrieben: Thomas Thieme gehört zu den wandlungsfähigsten
Schauspielern Deutschlands. Sie selbst betonen, dass Sie immer nur den Thieme spielen würden. Wer hat denn jetzt recht?
Na ich. Die meinen das ja wahrscheinlich nett. Aber
die Wahrheit ist, dass ich überhaupt nicht wandlungsfähig bin. Also es mag noch ein paar Schauspieler geben, die man praktisch sofort identifiziert.
Aber ich gehöre dazu. Das ist auch gar nicht mein
Talent: Die Stimme zu verstellen oder äußerlich zu
versuchen, ein anderer zu sein. Oder falsche Gefühle
zu zelebrieren, was auch in Berlin passiert. Das ist
erstens nicht mein Talent und zweitens ist das auch
gar nicht meine Vorstellung von Schauspielerei.
Wie sieht denn Ihre Vorstellung aus?
Ich denke, dass es extrem wichtig ist, dass die Sätze
der Autoren mit einer großen persönlichen Authentizität herüberkommen. Es geht nicht darum, dem
Zuschauer zu zeigen, was ich für ein toller Artist bin
und wie toll ich mich verstellen kann und was ich für
eine tolle Perücke aufhabe. Sondern darum, meine
Emotionen, meine Leidenschaften, auch meine
Ängste und Traurigkeit, also die von mir, von Herrn
Thieme, in die Rolle zu geben ­ und die Rolle damit
quasi lebendig zu machen.
Heißt das denn, dass Sie vor allem Leute und Rollen spielen
und auch spielen wollen, die tatsächlich schon ein bisschen
Thieme in sich haben? Das wäre ja insofern spannend, als dass
Sie häufig die Bösewichter geben.
Ich weiß bis heute nicht so recht, warum sie sich
ausgerechnet mich ausgesucht haben, um diese
ganzen Ekelpakete zu spielen. Irgendwie müssen sie
mich damit ja in Verbindung bringen. Aber mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Ich bin das
nun mal eben, was soll ich machen? Im Theater ist
es ja auch großartig, Richard III. zu sein. Es gibt auch
im Film ab und zu mal Rollen, die wirklich großartig
böse sind. Mir hat das auch geholfen, Sie kennen
ja sicher den Begriff der Katharsis. Wenn du solche
schrecklichen Menschen spielst wie den Kulturminister in ,,Das Leben der Anderen", dann geht was
mit dir vor. Natürlich gibst du den Thieme rein und
dadurch, dass Thieme nicht so ist, vermenschlichst
du die auch. Und es sind ja auch nicht immer nur
Verbrecher gewesen: Kohl und Hoeneß zum Beispiel
sind ja keine Verbrecher.
Sondern was genau?
Das sind Leute, die im Mittelpunkt standen, und
dann haben sie Dinge gemacht, die möglicherweise
nicht immer korrekt waren. Aber gerade bei solchen
Figuren, die so im Mittelpunkt stehen und so eine
Bedeutung haben, ist es extrem wichtig, zu prüfen:
Was sind das eigentlich für Leute? Wer ist dieser
Nachkriegsmann aus der Pfalz und dieser FleischersSohn aus Ulm? Das sind doch eigentlich ganz normale Jungs gewesen. Und plötzlich sind sie irgendwie
im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses und
machen entsprechende Fehler. Das ist erstens hochinteressant für einen Schauspieler und zweitens kann
man viel von sich da reinbringen. Praktisch um die

Figuren zu normalisieren, sie auf die Erde zu stellen,
herunterzuholen vom Thron.
Machen Sie sich eigentlich Gedanken darüber, wie Sie als
Person herüberkommen?
Ich will nicht sagen, dass mir das egal ist. Das wäre
zu schnodderig. Ich hoffe, dass mich nicht alle so zu
100 Prozent mit meinen Rollen identifizieren, dass sie
denken: Ich bin ein Arschloch. Aber was wollen Sie
denn machen? Ich kann doch nicht jeden Tag ein Interview geben und sagen: Ich bin eigentlich ein ganz
lieber Kerl. Das wäre ja auch albern. Aber eigentlich
finde ich schon, dass ich ganz durchschnittlich sympathisch bin.
Womit Sie im Ruhrgebiet immer punkten können, ist Ihre
Liebe zum Fußball. Wie leben Sie diese Leidenschaft?
Das Wichtigste war meine Tätigkeit als Coach bei der
Mannschaft von der Schaubühne in Berlin. Die nun,
weil ein paar wichtige Leute Karriere gemacht haben
­ als Schauspieler, nicht als Fußballer ­, ein bisschen
eingeschlafen ist. Die ruht im Moment. Aber mit mir
als Coach haben wir fünfmal die Hallenmeisterschaft
der Theatermannschaften in Berlin gewonnen. Ansonsten: Eintracht Frankfurt. Ich bin nach dem Osten
in Frankfurt gelandet und mein Sohn hat bei der
F-Jugend von Eintracht gespielt. Seitdem ist Eintracht
mein Verein.
Stimmt es, dass Sie als Kind sogar davon geträumt haben,
Fußballer zu werden?
In Weimar konntest du in den 50er- und frühen 60erJahren vors Haus treten und anfangen zu kicken. Da
fuhr kein Auto, nix. Da war nichts los, das war paradiesisch. Da hat man Fußball gespielt, Straßenfußball. Und
natürlich, ich war damals ziemlich sportlich, hat mich
das als junger Kerl gereizt. Aber jetzt muss ich Ihnen
etwas ganz Schreckliches anvertrauen, was möglicherweise das einzige Trauma in meinem Leben ist.
Nur zu...
Ich bin ziemlich talentfrei. Das war damals ein richtiges Problem für mich, dass ich das so wollte und
nicht konnte. Und das, was ich gar nicht wollte ­ Gedichte aufsagen ­ das konnte ich. Und zwar von allen
am besten. Da bin ich mit elf, zwölf, 13, 14 Jahren
immer zu Wettbewerben geschickt worden, die ich
dann auch noch gewonnen habe.
Wie haben Sie denn dann die Schauspielerei doch noch für sich
entdeckt?
Irgendwann habe ich einfach gemerkt, dass das alles
Quatsch ist mit Fußball. Und obwohl ich dann eigentlich den Berufswunsch Architekt hatte, bin ich über
mehrere Zufälle als Kulissenschieber beim Theater
gelandet. Und dort bin ich dann infiziert worden.
Mit welcher Rolle, denken Sie, bringt die Öffentlichkeit Sie am
ehesten in Verbindung?
Mit ,,Das Leben der Anderen". Dieser Film hat einfach
einen solch ungeheuren Weg genommen. Ich bin in
Paris darauf angesprochen worden, in Südkorea: ,,Sie
sind doch dieser Minister." Das ist wohl einmalig.
Würden Sie lieber für eine andere Rolle stehen?
Jein. Gegen ,,Das Leben der Anderen" ist ja nichts
einzuwenden. Und diesen Typen, das habe ich ja
wirklich ganz gut gemacht. Nur: Shakespeare ist
Shakespeare ist Shakespeare. Wenn man so wunderbare Theaterrollen gespielt hat wie Richard III., König
Lear und Othello oder auch Goethes Faust, dann
wünschte man sich natürlich, dass die ganze Welt
Kenntnis davon hätte. Hat sie aber nicht.

Markus Geling

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