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Seite 24 VESTIVALplusINTERVIEW: THOMAS THIEME

,,ROLLEN LEBENDIG MACHEN"
Er spielte Helmut Kohl und Uli Hoeneß. Im Oscar-prämierten Stasi-Drama ,,Das Leben der Anderen" verkörperte er den
Kulturminister Bruno Hempf. Und sein Richard III. brachte ihm 2000 den Titel ,,Schauspieler des Jahres" ein: Thomas Thieme
ist wohl einer der besten deutschen Mimen ­ ausgestattet mit einer beeindruckenden Leinwand- und Bühnenpräsenz.
Bei den Ruhrfestspielen bringt der 69-Jährige mit seinem Sohn, dem Musiker Arthur Thieme, den ,,Baal" von Bertolt Brecht als
konzertante Aufführung auf die Bühne. In unserem Interview sagt Thomas Thieme, wieso er Anfang der 80er-Jahre die DDR
verließ, weshalb er kein Verwandlungskünstler sein will, warum er sich selbst eigentlich ,,ganz durchschnittlich sympathisch"
findet ­ und erzählt von seinen Auftritten als Fußballtrainer.

Sie treten im Theaterzelt auf. Haben Sie schon von den heimlichen Regiestars dort gehört, den Pfauen im Stadtgarten, die
den Künstlern mit ihren Zwischenrufen manchmal das Leben
schwer machen?
Nein, jetzt das erste Mal.
Wie gehen Sie denn sonst mit unerwarteten Störungen auf der
Bühne um?
Es kommt ein bisschen auf die Störung an. Wenn jemand mit mir ins Gespräch kommen oder mitspielen
will, das würde ich nicht als Störung empfinden. Das
macht das Ganze lebendig. Aber die anderen Sachen,
die auch Kinski nicht so geschätzt hat, das Husten
und Dazwischen-Sprechen, das mag ich nicht.

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Und was denken Sie jetzt, wie würden Sie auf die Pfauen
reagieren?
So etwas zu ignorieren, ist jedenfalls immer die unlebendigste Möglichkeit. Ignorieren würde bedeuten:
Man hat sich zu Hause sein Zeug ausgedacht, alles
schön eingeübt, fährt dann nach Recklinghausen,
sagt seinen Kram auf ­ und tut so, als ob das Leben
draußen für diese Stunde ausgegrenzt, lahmgelegt
wäre. Das finde ich nicht gut. Ich würde definitiv
darauf eingehen.
Die Ruhrfestspiele laufen in diesem Jahr unter der Überschrift
,,Heimat". Können Sie damit etwas anfangen?
Nur ganz privat. Mit dem großen Begriff kann ich als

Schlagwort nichts anfangen, mit dem kleinen, der
mich als eingefleischten Thüringer persönlich und
individuell betrifft, hingegen sehr viel.
Sie sind in Weimar geboren, leben dort auch jetzt wieder. Also
ist Weimar Ihre Heimat?
Das ist meine kleine, persönliche Heimat, ja.
Obwohl Sie sich dort als junger Mann nicht wohlgefühlt haben
und unbedingt wegwollten ­ nach Berlin.
Ich weiß ja nicht, ob Sie in Recklinghausen geboren
sind. Solche Städte wie Recklinghausen und Weimar
sind da ja nicht so grundverschieden. Ich befürchte,
dass Recklinghausen sogar noch ein bisschen größer ist.
Wir haben knapp 115.000 Einwohner.

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