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VESTIVALplus

Seite 21 VESTIVALplusso unterschiedlichen Kulturen? Und welche Rolle spielt die
Religion dabei für Sie?
Zur ersten Frage: Unheimlicher Spagat? Nein. Ich
kenne es ja nicht anders. Ich habe einen iranischen
Vater und eine deutsche Mutter. Für mich ist das
normal. Das kann man als Kind auch glasklar unterscheiden. Das sind Iraner, das sind Deutsche, da ist
es soundso, da ist es soundso, meine deutsche Oma
legt Wert auf dies und das. Für mich ist es normal,
zwischen zwei Kulturen geboren zu sein. Ich habe
das immer eher als Bereicherung denn als Spagat
oder Problem gesehen.
Zur zweiten Frage: Religion hat eigentlich gar keine
Bedeutung für mich. Ich bin ein nicht-religiöser
Mensch. Das heißt nicht, dass ich nicht an Gott oder
an etwas Höheres glaube ­ wie auch immer man das
bezeichnen will. Aber für mich haben die Religionen,
die bei uns sozusagen das Sagen haben, extrem
patriarchalische Strukturen und sind somit Teil des
großen Problems, das wir in der Welt haben. Und als
Frau, das sage ich Ihnen ganz ehrlich, kommt keine
dieser drei abrahamitischen Religionen ­ ob Islam,
Christentum oder Judentum ­ für mich infrage. Sie
sind alle für uns Frauen nicht gerecht. Natürlich soll
jeder seinen Glauben haben. Aber ich bin ganz klar
für eine strenge Trennung von Kirche und Staat.
Religion ist gut und wichtig als moralische Instanz.
Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass es noch etwas
Höheres als zum Beispiel Geld gibt. Aber wenn sich
Religion mit Politik vermischt, dann ist das katastrophal. Da bin ich natürlich ein gebranntes Kind.
Wenn man denn das Klischee bedienen wollte: Welche
Charaktereigenschaften an Ihnen sind sogenannt typisch
deutsch oder sogenannt typisch iranisch?
Ich hab' die Frage mal meinem Mann gestellt, der
Deutscher ist. Der sagte gleich: ,,Dein ausgeprägter
Stolz ist sehr iranisch". Es gibt so ein bestimmtes
Temperament, das sehr iranisch ist. Oder, dass ich
vielleicht emotionaler an viele Sachen rangehe,
dass mir Begriffe wie Familie oder Loyalität extrem
wichtig sind.
Deutsch ist vielleicht eher, dass ich extrem genervt
bin, wenn Leute nicht pünktlich sind. Auch, weil das
was mit Respekt zu tun hat. Hier wird außerdem
nicht so wahnsinnig viel gelabert ­ und dann ist
nichts dahinter. Erst mal sind die Leute hier etwas zurückhaltender. Aber wenn etwas versprochen wird,
kann man sich in der Regel auch drauf verlassen.
Die Flüchtlingsdiskussion kocht heutzutage hoch, der Fremdenhass eskaliert. Was würden Sie deutschen Politikern gerne
mal klar sagen oder klarmachen?
Die Flüchtlingsdebatte ist natürlich ein großes Thema.
Das kann man nicht in zwei Sätzen abhandeln. Aber
ich fand es auf jeden Fall richtig, wie Merkel sich verhalten hat. Ich freue mich sehr, dass sie jetzt noch mal
vier Jahre unsere Kanzlerin ist. Ich sehe im Moment
überhaupt keine Alternative zu ihr. Etwa Jens Spahn
oder Christian Lindner? Es hat ja keiner ihr Format.
Es ist ganz sicher nicht unproblematisch, so viele
Menschen im Land zu haben. Die Vorwürfe, vieles
würde zu lax gehandhabt, man müsse stärker gegen
Leute vorgehen, die hierherkommen und sich nicht
benehmen... Ich denke, das wird alles passieren. Man
wird lernen, damit umzugehen. Andererseits finde
ich auch so manch anderes traurig. Wie viele Straftaten gegen Asylbewerber gab es zuletzt? So etwas
passiert jeden Tag. Dagegen muss man genauso

stark vorgehen. Das ist genauso eine Bedrohung
unserer Freiheit und unseres Landes. Es ist sicher
eine große Herausforderung. Aber eine in beide
Richtungen.
Nach dem einen wirklich großen Thema, das nächste wirklich
große Thema: Auch in der Kultur spielt die #MeToo-Diskussion
eine große und immer größere Rolle. Ihre Position?
Ich finde die MeToo-Debatte sehr wichtig. Sehr wertvoll. Es ist das erste Mal, dass ich mich erinnern kann,
dass Frauen überall auf der Welt angefangen haben,
darüber zu reden, was ihnen im Leben ­ und nicht
nur im Beruf ­ alles passiert ist. Das ist ja nicht nur ein
Hashtag, der aus Hollywood kommt. In Pakistan zum
Beispiel fangen Frauen plötzlich an, zu erzählen, wie
sie als Kinder missbraucht wurden... Das sind alles
Sachen, über die man noch nie so geredet hat. Und
es ist auch das erste Mal, dass Frauen darüber reden,
was es bedeutet, eine Frau in einer durch und durch
sexistischen und patriarchalischen Gesellschaft
zu sein. Gleichzeitig wäre es aber auch eine tolle
Gelegenheit, dass auch Männer darüber nachdenken
und darüber reden, was es bedeutet, ein Mann zu
sein. Durch Selbstreflexion gäbe es sicher auch ein
anderes Verständnis für das andere Geschlecht.
In der Filmbranche warnen viele ja vor Hysterie. Das
kann ich gar nicht verstehen. ,,Kann ich einer Frau
überhaupt noch Komplimente machen?" Die Frage
ist albern. Es wäre schön, wenn man über diese
Kindergarten-Nummer mal hinauskäme. Es ist an der
Zeit, gerade in der Filmbranche, über den tief sitzenden strukturellen Sexismus zu diskutieren. Da gibt es
zum Beispiel die Initiative Pro Quote Film, für die ich
mich auch einsetze, die ein paar Studien angeleiert
hat, wie denn der Status Quo aussieht. Und da schlackern einem die Ohren. Jeder deutsche Film wird
mit Fördergeldern gemacht. Das ist ja keine Privatwirtschaft. Und wenn ich Zahlen sehe, die belegen,
dass 85% dieser Gelder in Filme fließen, die Männer
machen. Dass nur 22% der Regisseure im deutschen
Fernsehen weiblich sind. Dass die Frauen ab 35 auf
der Leinwand verschwinden, im Kino sogar schon
ab 25. Im deutschen Film und Fernsehen kriegst du
Frauen vorgesetzt, die nur zu 20% in einem Beruf
sind. Die restlichen 80% definieren sich über die Beziehung zu ihrem Mann. Sie sind die Freundin von...,
die Geliebte von..., die Ehefrau von..., die Mutter
von... Das ist eine Schieflage, eine Verzerrung des
Gesellschaftsbildes. Freiwillige Selbstkontrolle bringt
da gar nichts. Wir müssen da politisch rangehen und
wir brauchen eine Quote.
Zum Schluss noch eine ganz einfache persönliche Frage:
Was landet bei Ihnen zurzeit besonders gerne auf dem Teller,
auf dem Plattenteller und im Buch-Regal?
Auf dem Teller? Wir haben kleine Kinder. Also das,
was die auch gerne essen. Nudeln. Also: Pasta!
Plattenteller oder eher Streaming? Ich höre, wie
gesagt, gerne populäre Musik und habe mich jetzt
wirklich eine Zeit lang mit Taylor Swift beschäftigt, die
eine hervorragende Songwriterin ist. Übrigens ist es
auch da wieder typisch: Sie wird oft nicht wirklich ernst
genommen, weil sie eine Frau, eine junge Frau ist.
Im Bücherregal? Ich lese gerade von Philippe Sands,
das ist dieser tolle Menschenrechtler, ,,East West
Street". Das Thema sind die Nürnberger Prozesse
­ und die Biographie seines Großvaters. Ein sehr
spannendes Buch ­ ist halt Geschichte.
Jan Mühldorfer

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