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Seite 20 VESTIVALplusINTERVIEW: JASMIN TABATABAI

EINE FRAU MIT HALTUNG
Geboren wurde Jasmin Tabatabai 1967 in Teheran. Ihr Vater war Iraner, ihre Mutter Deutsche. Doch als die Mullahs an die Macht
kamen, floh die Familie. Nach Bayern. Die Schauspielerin und Musikerin weiß genau, was Flucht bedeutet. Und sie weiß, was der
Begriff ,,Heimat" heißen kann ­ das Motto der diesjährigen Ruhrfestspiele. Auf dem Grünen Hügel in Recklinghausen präsentiert
die mit dem Echo Jazz ausgezeichnete Sängerin zusammen mit dem David Klein Quartett ihr Programm ,,Was sagt man zu den
Menschen, wenn man traurig ist?". Wir haben uns vorab mit ihr unterhalten. Über den Begriff Heimat und die aktuelle Flüchtlingspolitik, über Frauenrechte und #MeToo, über Entwicklungen in der Musikszene, Quoten-Probleme beim Film ­ und Pasta!

Es gibt heute viele Schauspieler, die zusätzlich auch singen
­ oder Musik machen. Sie nicht. Sie sind Schauspielerin und
Musikerin. Unter anderem eine mit dem Echo preisgekrönte.
Was sehen Sie als Beruf, was als Berufung an? Und: Könnten Sie
auf eines von beiden verzichten?
Es ist tatsächlich, so glaube ich, beides meine Berufung. Man kann das vielleicht insofern unterscheiden, als dass die Schauspielerei der Beruf ist, den ich
erlernt habe. Ich war ja auf einer Schauspielschule,
am Theater... Der klassische Werdegang. Bei der
Musik bin ich Autodidaktin. Da ist mein Ansatz, mein
Zugang, ein rein emotionaler und intuitiver. Nichtsdestotrotz mach' ich das ja auch schon seit 25 Jahren
auf relativ professionellem Niveau.
Sie haben mal gesagt, an der Art von Musik, wie Sie sie mit
dem David Klein Quartett präsentieren ­ damals ging es um
das Programm ,,Eine Frau" ­, würde Ihnen gefallen, dass diese
Musik ,,eine Zeitlosigkeit" hat. Gibt es solche Songs auch heute
noch? Oder findet man das inzwischen doch nur in den kleinen
und großen Hits vergangener Zeiten?
Doch. Es gibt auch heute noch gute Songwriter. Aber
diese Kunstform wird nicht mehr so oft ausgeübt.
Das hat mehrere Gründe. Zum einen war Musik
früher wertvoller. Ich zum Beispiel komme ja noch
aus der Generation, wo man sein Taschengeld für
Musik ausgegeben hat. Ich habe gespart, um mir die
neueste Single, auf die ich stand, kaufen zu können.
Und die hat damals eben sechs Mark gekostet. Eine
LP sogar 20 Mark. Und weil ich als Heranwachsende
relativ wenig Geld hatte, hing ich mit meinem Ohr
immer am Radio ­ mit meinem Kassettenrekorder ­,

und habe gebetet, dass der Moderator aufhört, zu
reden, damit ich endlich das Lied, das ich unbedingt
haben wollte, ohne Gelaber komplett mitschneiden
kann.
Als ich dann anfing, Musik zu machen, und eine
Band hatte wie die Cowgirls in Berlin, haben wir bei
Liedern erst einmal versucht, den Text zu entziffern,
dann die Akkorde rausgehört. Wie das geht, hatte
mir ein WG-Genosse auf der Gitarre gezeigt. Erst
mal den Bass-Ton suchen, dann gucken, ob Dur oder
Moll...
Heute aber ist es so: Ich höre mir etwas an und hab'
sofort den Text in meinem itunes. Ich muss mich gar
nicht anstrengen. Auch die Akkorde gibt es ganz
schnell. Musik ist überall erhältlich und verfügbar
und hat vielleicht auch dadurch ein bisschen diesen
Reiz verloren, dieses Ding, dass man sich dafür
anstrengen muss. Wenn etwas einmal die Woche
kommt, ist es natürlich wertvoller, als wenn ich es
jederzeit und überall haben kann.
Ich liebe Hits und war immer ein Fan populärer Musik. Aber wenn ich mir jetzt die Charts angucke, dann
war der durchschnittliche Pop-Song in den 60ern, ja
sogar den 80ern von der Melodieführung her weitaus komplizierter. Nehmen Sie mal ,,Under Pressure"
von Queen und David Bowie. Ich weiß nicht, ob so
ein Song heute überhaupt noch irgendeine Chance
hätte, ins Format-Radion zu kommen. Heute ist fast
jeder Refrain sehr einfach gehalten. Das heißt nicht,
dass es zwischendurch nicht auch mal einen tollen
Song gibt. Aber es gibt halt auch den Einheitsbrei.

Ich habe das Gefühl, das Ohr ist ungeduldig geworden ­ und unsere Zeit schneller. Es soll nicht zu sehr
beanspruchen, es darf nicht zu sehr nerven, was das
normale Charts-Radio angeht. Die guten Sachen
schaffen es nicht mehr in den Mainstream.
Wo ist für Sie bei Songs eigentlich die Grenze zwischen Schlager und Jazz? Das verschwimmt ja heute durchaus oft. In der
Komposition, im Arrangement, in der Performance...?
Auf jeden Fall hat Schlager nicht die Raffinesse, die
Jazz sehr oft ausmacht, ist viel einfacher. Ich liebe
Einfachheit. Aber ich habe oft ein Problem mit den
Texten. Ich habe das Gefühl, dass fast alle Texte, die
ich im Radio höre ­ also Deutsch-Pop nonstop, ich
habe ja Kinder ­ die Message haben: ,,Glaub' an Dich,
dann wirst du es schaffen". Und das ist so unfassbar
banal.
Der Titel Ihres Albums und Ihres Ruhrfestspiel-Programms lautet: ,,Was sagt man zu den Menschen, wenn man traurig ist?".
Warum dieser Titel? Was dürfen die Zuschauer da erwarten?
Ja, das ist eine Art Gegenprogramm. Aber es gibt natürlich nicht nur traurige Musik. Es gibt auch schnelle,
langsame, lustige Sachen. Wir haben uns gedacht:
Wir machen ja eine Nischenmusik. Und dann setzen
wir uns in diese Nische auch richtig rein. Wir nehmen
so einen sperrigen Titel als erstes Lied ­ das ist ja ein
Song von Georg Kreisler. Ein Sieben-Minuten-Song
als Opener. Da wissen die Leute gleich, worauf es
ankommt und kommen in die richtige Stimmung.
Nun der Sprung weg von der Musik: Das Thema der diesjährigen Ruhrfestspiele heißt ja Heimat ­ inklusive Riss im Wort.
Was bedeutet für Sie eigentlich Heimat? Und hat sich die
Bedeutung dieses Begriffs inzwischen verändert?
Das ist für mich ein fast traumatisierter Begriff. Ein
trauriges Thema, weil ich das Land meiner Kindheit,
die Heimat, in der ich geboren wurde, in der ich die
ersten Sinneseindrücke gesammelt habe, nämlich
den Iran, verlassen habe und auch nicht mehr zurückreisen kann. Aufgrund der politischen Verhältnisse, die da herrschen. Und das ist insofern für mich ein
trauriger Begriff. Einer, der für mich etwas mit Verlust
zu tun hat. Das kennen nur Leute, die ihre Heimat
verloren haben und nicht zurück können. Die können
das nachvollziehen. Wer hier geboren wurde und für
den der Begriff ,,Heimat" vielleicht etwas Piefiges hat,
der weiß nicht, was es bedeutet, wenn du das Land
deiner Kindheit verlierst. Dann hat Heimat für dich
eine ganz andere Bedeutung.
1979 sind Sie mit Ihrer Familie aus dem Iran gekommen.
War es damals nicht ein enormer Spagat zwischen zwei doch

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