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VESTIVALplus

Seite 11 VESTIVALpluseine Fantasie einsetzt und innere Bilder entstehen,
dann bin ich eigentlich schon gefangen davon und
habe Lust, das zu spielen. Nana ist faszinierend. Sie
kommt aus ärmsten Verhältnissen. Die Mutter war
Waschfrau, der Vater Trinker. Sie arbeitet sich aus
diesen armen Verhältnissen hoch und wird Operettensängerin und zu einer Art Kurtisane. Sie ist eine
ganz schlechte Sängerin und dennoch ein Star. Sie
versteht es, sich ihre Vorteile und ihre Ausstrahlung
zunutze zu machen. Sie wird eine mächtige Frau und
eine bestimmende Institution in dieser von Männern
dominierten Welt des 19. Jahrhunderts und hat da
alle Fäden in der Hand. Ob sie damit glücklich wird,
ist eine andere Frage. Aber sie macht in ihrer Zeit auf
ihre Art Karriere.
Passt Nana in die Reihe der vielen starken Frauenfiguren von
,,Die Päpstin" bis Gudrun Ensslin, die Sie schon gespielt haben?
Nana ist anders. Sie bleibt ihr Leben lang alleine
und auf eine Art ganz verloren. Sie wirkt oft kindlich
ungezogen und auf eine bestimmte Weise naiv.
Sie gerät in eine Art Machtrausch. Nana empfindet
Lust daran, Geld zu verdienen und zu Reichtum zu
kommen. Dabei vereinsamt sie. Für mich ist das eine
andere Welt ­ diese Welt von Zola, die ich vorher
weder im Film noch auf der Bühne bereist hatte.
Würden Sie sich selber auch als eine starke Frau bezeichnen?
Ja, das würde ich schon sagen.
Woran machen Sie das fest?
Ich fühle mich stark in dem Sinn, dass mich so schnell
nichts schreckt, weil ich sehr neugierig bin und Herausforderungen mag. Ich suche Veränderungen im
Leben. Wenn mich eine Sache nicht mehr befeuert
oder ansteckt, dann muss ich etwas ändern.
Die Ruhrfestspiele haben in diesem Jahr das Thema Heimat in
all seiner Zerrissenheit. Was verbirgt sich für Sie in dem Begriff
und wie wichtig ist Heimat für Sie?
Heimat ist für mich die Sprache, mit der ich groß geworden bin. Damit meine ich die deutsche Literatur
und die Lyrik, die Dichter, die Theaterschriftsteller.
Das vielleicht am meisten. Und für mich ist es wichtig, dass ich mich mit den Menschen, die ich liebe
und die mir am nächsten sind, an einem Ort wiederfinde. Dann spielt der Ort als solcher keine so große
Rolle mehr. Da bin ich ganz ,,Gaukler" im ursprünglichen Sinne. Was zählt ist, dass ich inspiriert werde,
und das ist hier in Paris der Fall. Dadurch fühle ich
mich zu Hause und aufgehoben. Und durch das, was
das in mir freisetzt, auch verbunden mit der Stadt.
Und dann entwickeln Sie Ihre Kreationen, wie Sie es nennen,
für die Bühne?

Ja, sie entstehen aus dem Bedürfnis, anderen
Künstlern zu begegnen, so wie dem Pianisten
Alphonse Cemin. Ich möchte mit ihnen gemeinsam
etwas erfinden, was es so noch nicht gab. Ich will
mit meinen Kreationen Grenzen überschreiten.
Damit meine ich nicht das Suchen nach Gefahr oder
Wagemut, sondern die künstlerische Ausdrucksform.
,,Nana" ist nicht reines Theater, es ist aber auch kein
klassischer Klavierabend, bei dem nebenbei gelesen
wird. Es gibt eine Verknüpfung von verschiedenen
Ausdrucksformen (Musik, Sprache, Gesang, Projektionen...). Wir wollen Grenzen aufreißen und ein
Gesamtkunstwerk schaffen. Hier in Paris gibt es
dafür ja viele große Vorbilder, ich nenne nur Picasso
oder Cocteau. Die Verbindung von verschiedensten
Ausdrucksformen, eigentlich ist das meine Traumvision. (So viel wie möglich neu erfinden und neu
kombinieren. Am liebsten natürlich mit Arbeiten von
Gegenwartskünstlern.)
,,Nana" ist die erste gemeinsame Produktion mit Alphonse
Cemin. War es schwer, den richtigen Partner zu finden?
Ich habe Alphonse 2014 bei den Salzburger Festspielen kennen- und die Zusammenarbeit mit ihm
schätzen gelernt. Ich habe in dem Stück über die
in Auschwitz ermordete jüdische Malerin Charlotte
Salomon mein Operndebüt gegeben. Wenn nur zwei
Künstler auf der Bühne sind, so wie wir jetzt, ist es
das Wichtigste, dass man miteinander eine Sprache
findet. Das ist aber auch das Spannende im Entwickeln so eines Abends.
Wir arbeiten ganz genau eine musikalische und
sprachliche Matrix aus, die sich auch immer wieder
überlagert. Es wird manchmal so sein, dass Alphonse
spielt und ich zeitgleich spreche. Das müssen wir
musikalisch sehr genau proben. Wenn das stimmig
miteinander verknüpft ist, entsteht ein neuer, ein
dritter Raum. Und genau das ist es, was mich an der
Arbeit mit Musik und Sprache interessiert, nicht das
reine Neben- oder Hintereinander.
Sie haben nicht für diese Arbeit aber für viele andere Rollen
Preise bekommen. Wie wichtig sind Ihnen solche Auszeichnungen ­ zum Beispiel der Grimme-Preis, den sie schon 2006 und
auch in diesem Jahr wieder in Marl bekommen haben?
Ich freue mich tatsächlich immer sehr, wenn ich
einen Preis bekomme. Es ist toll, dass anerkannt wird,
was man tut. Besonders der Grimme-Preis ist schon
eine tolle Auszeichnung. Ich bin stolz darauf.
Wie viele berufstätige Frauen müssen auch Sie Beruf und
Familie unter einen Hut bringen. Wie schaffen Sie das?
Haben Sie das Gefühl, dass Sie beidem gerecht werden?

PORTRÄT
Johanna Wokalek gehört zu den bekanntesten
Gesichtern des deutschen Films. Die 1975 in
Freiburg im Breisgau geborene Schauspielerin
studierte Schauspiel am Wiener Max Reinhardt Seminar, unter anderem bei Klaus Maria
Brandauer.
Bis 2016 gehörte sie zum Ensemble des Wiener
Burgtheaters. Dort arbeitete sie unter anderem mit Luc Bondy, Andrea Breth und Peter
Zadek.
Für die Hauptrolle in Hans Steinbichlers Heimatfilm ,,Hierankl" aus dem Jahr 2003 gewann
Johanna Wokalek den Bayerischen Filmpreis,
den Förderpreis Deutscher Film und den
Adolf-Grimme-Preis in Gold.
Auf der Leinwand wurde sie mit Til Schweigers
erfolgreichem Film ,,Barfuss" im Jahr 2005
bekannt.
Sie spielte in Philipp Stölzls Bergsteigerdrama
,,Nordwand" (2008), Uli Edels ,,Der Baader
Meinhof Komplex" (2008) und in Sönke Wortmanns großem Historiendrama ,,Die Päpstin"
(2009).
Für ihren Auftritt im ZDF-Zweiteiler ,,Landgericht ­ Geschichte einer Familie" von Matthias
Glasner bekam sie 2018 den Marler GrimmePreis.
Seit 2012 ist Johanna Wokalek mit dem Dirigenten Thomas Hengelbrock verheiratet. Das
Paar hat einen gemeinsamen Sohn und lebt in
Paris und Hamburg.

Phasenweise geht das alles richtig gut, aber dann
kulminiert es auch wieder kurz. Das Wichtigste ist,
dass ich immer wieder Pausen habe. Ich muss mich
als Mutter einfach gut strukturieren, weil ich parallel
dazu viel Raum und Zeit brauche, um Dinge für die
Bühne zu erfinden. Das ist einfach eine fortlaufende
endlose Improvisation.
Und eine Menge Selbstdisziplin?
Ja, das sowieso. Aber die hat man, wenn man vom
Theater kommt. Ohne die geht es gar nicht in diesen
künstlerischen Berufen. Das bringt man schon mit.
Aber auch eine unerschrockene Lust am Improvisieren sollte nicht fehlen. Dann haut am Ende alles
irgendwie immer hin.

Martina Möller

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