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Hospizverein -25 Jahre

Seite 28 Hospizverein -25 JahreTrauer

Wenn der Tod uns scheidet

Der Verlust, den der Tod für die Überlebenden bedeutet, teilt das Leben in ein Vorher und ein Nachher

Der Tod eines geliebten Menschen
ist ein extremer Einschnitt in das
Leben. Wie Menschen damit umgehen und den Schicksalsschlag
verkraften, ist sehr individuell und
hängt auch von der persönlichen
Resilienz ab.

Wenn ein Mensch stirbt, bedeutet das für die Angehörigen und
Freunde immer einen großen
Schock. Egal, ob der Tod plötzlich
und überraschend kam oder sich
schon länger angekündigt hat.
Egal, ob es Eltern, den Partner, Geschwister oder ein Kind getroffen
hat. Der Tod teilt das Leben in ein
Vorher und Nachher. Der Verlust,
den der Tod für die Überlebenden
bedeutet, ist ein radikaler Einschnitt. Und viele Menschen wissen
nicht, wie sie mit ihrem Schmerz
und ihrer Trauer umgehen sollen,
denn der Tod ist weitgehend aus
unserem Leben verbannt. Und für
Trauerrituale, wie wir sie aus anderen Kulturkreisen kennen, ist in
unserer westlichen Welt kein Platz
mehr. In einer Zeit, in der Menschen
der Religion den Rücken kehren, ist
auch der Glaube kein sicherer Anker mehr, wenn die Welt aus den
Fugen gerät. Früher war es die Gemeinschaft, die die Angehörigen
getragen hat. Heute müssen viele
sehen, wie sie mit ihrer Trauer alleine zurechtkommen. Fand man
früher im Familienverbund Halt, le-

ben Eltern, Geschwister und Kinder
heute an unterschiedlichen Orten.
Das macht es noch schwieriger, sich
gegenseitig im Schmerz aufzufangen. Nachbarn, Bekannte, Freunde
haben manchmal Angst, nicht die
richtigen Worte zu finden und ziehen sich zurück. So finden viele in
der Zeit, in der sie Trost brauchen,
nicht die Unterstützung, die sie sich
wünschen.

Trauern war immer schon sehr persönlich und individuell, auch früher
kamen die einen besser mit einem
Verlust besser zurecht als andere.
Durch die starke Individualisierung
der Gesellschaft fühlen sich Menschen heute aber oft mit ihrem Verlust alleingelassen. Allein sein oder
sich alleingelassen fühlen ­ das
sind zwei sehr verschiedene Dinge.
Nicht jeder braucht den Rückhalt

der Gemeinschaft, um mit dem
Verlust klarzukommen. Manche
Menschen werden offensichtlich
besser und leichter mit dem Extremereignis Tod fertig als andere, die
in eine scheinbar aussichtslose Krise
stürzen.
Für das Verarbeiten eines Todesfalls ist es sehr wichtig, wie nahe jemandem der Verstorbene stand. Je
enger und tiefer die Bindung, desto Schmerzlicher der Verlust. Eine
wesentliche Rolle für die Verarbeitung ist auch, ob der Tod überraschend und unerwartet kam, also
beispielsweise ein Unfalltod oder
ein plötzlicher Herzinfarkt, oder ob
dem Sterben eine lange Krankheit
voranging. War man im Frieden
miteinander oder gab es Streit und
ungelöste Probleme, bevor der Tod
den Menschen aus dem Leben riss
und den Angehörigen damit eine
Aussöhnung unmöglich macht?
Grundsätzlich sind sich Psychologen aber einig, dass Menschen,
die über die wichtige Fähigkeit der
Resilienz verfügen, mit Verlusten
besser fertig werden als andere.
Als Resilienz bezeichnet man die
psychische Widerstandsfähigkeit,
die einen Menschen in die Lage
versetzt, Krisen zu bewältigen und
sie als Anlass für eine persönliche
Entwicklung zu nutzen. Resiliente Menschen leiden auch, aber sie
tun sich leichter damit, den Schritt
zurück ins Leben zu gehen, nehmen das Licht am Ende des Tunnels
früher wahr als andere. Wer nicht
auf diese Fähigkeit zurückgreifen

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