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Hospizverein -25 Jahre

Seite 16 Hospizverein -25 Jahre25 Jahre Hospizverein Rhein-Ahr e.V.

Licht und Schatten
Herr E. ist am Morgen gestorben, erfahre ich
bei meinem Besuch im Hospiz. Es sei ihm in den
letzten Tagen sehr schlecht gegangen, seine
Frau war am Abend vorher lange bei ihm...
Ich bin erschrocken, traurig...
setze mich in den Raum der Stille...
... und ich bin beleidigt, merke ich nach einer
Weile.
Frau E. hatte meine Telefonnummer, mich aber
nicht angerufen. Ich schäme mich für dieses Beleidigt sein, weiß doch wie schwer ihr der Abschied fiel und wie überwältigt und paralysiert
sie wahrscheinlich ist.
In Herrn E's leerem Zimmer stehen der Olivenholzengel, die Holzkugel und die LED-Kerze
zur Abholung bereit. Ich mache die Kerze an.
Den Engel hatte Herr E. sich vor meinem Urlaub
als Mitbringsel gewünscht. Ich habe dann dort
schließlich über Dimitri's kleinen Andenkenladen einen alten Schreiner gefunden, der einen
Engel für Herrn E. aus Olivenholz schnitzte. Ich
solle ihm ausrichten, dass der Engel ihn umfasse mit seinen großen nach vorne gewölbten
Flügeln, sagte mir Dimitri. Dann legte er eine
Holzkugel dazu und sagte: ,,Die ist von mir für
Herrn E., sagen Sie ihm, dass jetzt noch zwei
Menschen mehr an ihn denken.
Als ich nach dem Urlaub zu Herrn E. komme,
heißt es, er könne jeden Moment sterben. Ich
setze mich zu ihm, er schaut mich ohne Zeichen
des Erkennens mit halb geschlossenen Augen
an. Ich erzähle ihm, dass ich den Engel mitgebracht habe. Herr E. reagiert und versucht, die
Figur aus der Tüte zu holen, ich muss ihm dabei helfen. Dann hält er den Engel und sagt:
,,Machense mal das Licht an!" Er schaut ihn an,
befühlt ihn und sagt, wie sehr er sich darüber

freut. Dann überlegt er, wo der Engel stehen
soll, und platziert ihn vorsichtig auf seinem
Betttisch. Auch die Kugel hält er lange in der
Hand, fragt um ein Schälchen und lässt sie lange darin rollen, erzählt dabei, dass er als Kind
so eine Kugel hatte. Das war vor sechs Wochen...
Jetzt leuchtet die Kerze vor dem Engel im leeren Raum.
Zehn Tage später singen wir im Hospiz. Beim
dritten Lied kommt Frau E. dazu. Wir umarmen
uns, singen gemeinsam und sie erzählt in den
Singpausen von den letzten Tagen mit Herrn E.
Sie war immer bei ihm in den letzten drei Tagen und hat ihm in der letzten Nacht gesagt,
dass sie ihn loslassen kann, dass er unbesorgt
sein könne, sie würde es ohne ihn schaffen,
dass sie ihn liebe.
Sie habe es nicht mehr geschafft, mich anzurufen, aber gewusst, dass sie mich hier beim Singen treffen werde. Jetzt wird mir klar, dass ich

Hospizbegleiterin auch zurücktreten muss, dass
das Sterben ein ganz intimer Prozess von den
nahen Angehörigen und dem Sterbenden sein
kann, wo ich dann nicht hingehöre. Es ist im
Laufe der Wochen und Monate eine Beziehung
zu Herrn E. entstanden. Er war einmal regelrecht mürrisch, als bei einem Besuch seine Frau
dazu kam und ich viel mit ihr sprach. Ich muss
darauf achten, bei der Begleitung Eifersucht
und Sehnsucht, ,,Wichtig-sein-wollen" und Besitzansprüche genau im Auge zu halten. Es ist
notwendig, die Angehörigen in die Begleitung
einzubeziehen und zurückzutreten, wenn meine Beziehung zum Sterbenden die Beziehung
der nahen Angehörigen zueinander belasten
könnte.
Frau E. und ich gehen nach dem Singen gemeinsam durch den Park runter zu den Autos.
Sie schenkt mir einen kleinen Glasengel ,,von
den E's" und bedankt sich für meine Begleitung
ihres Mannes. Sie wird mich anrufen wenn sie
weiß, wann die Beerdigung sein wird.

AOK Rheinland-Pfalz / Saarland
Die Gesundheitskasse

Wir wünschen dem Hospiz-Verein Rhein-Ahr
alles Gute zum 25-jährigen Bestehen!

www.aok.de
Foto: Andreas Reuther

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