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Jüdisches Echo 2017

Seite 99 Jüdisches Echo 2017Oft kann nur die Aufnahme in eine liebevolle Gruppe,
eine positive Partnerschaft, Freundschaft oder Psycho
therapie helfen, aus der Opferhaltung, Selbstschädigung
und Minderwertigkeit herauszutreten.
Unsere Gesellschaft hat wenig gelernt, mit Schuld
und Scham umzugehen, mit dem absolut Bösen, das
in der Seele von uns allen steckt. Noch schwieriger, als
Schuldgefühle zu haben, ist es, Ohnmacht und Hilflo
sigkeit zu ertragen. Noch immer fällt die Rolle des Sün
denbocks auf Schwache und Hilflose, auf das uns fremd
Erscheinende und auf Minderheiten. Noch immer lastet
sie besonders auch auf Frauen und Mädchen.
Dieser Mechanismus bedroht nach wie vor nsere
u
heutige Welt, er ist ein zentrales Problem sämtlicher
Beziehungen. Eine Gesundung und Heilung scheint
nur möglich, wenn jeder so weit wie möglich die Ver
antwortung für die eigenen dunklen Seiten übernimmt.
Wenn wir lernen, illusionslos der Wahrheit ins Gesicht
zu schauen und unsere universale Neigung und Fähigkeit
zur Gewalt und Vernichtung nicht zu verbergen. Wenn
wir in Beziehungen auf Aufrüstung nicht mit Gegenauf
rüstung (das Gesetz der Nachahmung) reagieren. Wenn
wir erkennen, dass dieser Teil, der so schwer zu ertragen
erscheint, Teil der eigenen Abgründe der Seele ist.
Mechanismus sechs: Selbst- und gesellschaftliche Aus

grenzung. Abgesehen vom persönlichen Rückzug in die
Isolation aus neurotischem Selbsthass, Scham und Min
derwertigkeitsgefühl, aus sozialer Angst, Verwirrung
und verletzlicher Empfindsamkeit sollte auch die gesell
schaftliche Ebene betrachtet werden. Armut, Krankheit,
Behinderung, Migrationshintergrund etc. führen zu
ähnlichen Mechanismen. Im Neofeudalismus klafft die
soziale Schere zunehmend auseinander. Arbeitslosigkeit,
traditionelle Jobs sind durch Digitalisierung, Automa
tion und technische Revolutionierung bedroht.
Der Mangel an Arbeitsplätzen, die Klimaverände
rung und die Migration tragen zum Stabilitätsverlust bei.
Ein europaweites Grundeinkommen bleibt Utopie. Das
an vielen Stellen gerissene soziale Netz führt in die Aus
grenzungsfalle. Es gibt Konflikte über Konflikte, unlös
bar erscheinende Herausforderungen. Wer ist schuld an
diesen Entwicklungen? Der Kapitalismus? Die mensch
liche Gier?
Aus meiner Beratungstätigkeit habe ich gelernt: In
Konfliktsituationen sind Schulddiskussionen prinzipiell
kontraproduktiv. Nur zwei Fragen sind weiterführend:
Was kann man tun, um das Problem zu lösen? Was kann
man tun, damit das Problem nicht wieder auftritt?
Dazu möchte ich ein Fallbeispiel aus meiner psy
chotherapeutischen Praxis erwähnen. Es geht um eine
verheiratete Frau mittleren Alters, die mit Angstanfällen,
lähmender Depression, Schlafstörungen und somatischen
Beschwerden in die Einzeltherapie kam. Wie sie sagte,
kam sie ,,nicht für mich selbst, sondern um meine Kinder

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nicht mehr so zu behandeln, wie meine Mutter es tat". Sie
führt alle Probleme auf diese dominante Mutter zurück,
die ihrerseits aus einer streng katholischen Familie stamm
te. ,,Stets war ich das schwarze Schaf in der Familie. Immer
hab ich als die Älteste die Schuld für alles gekriegt. Wegen
zu wenig Disziplin, wegen Streitigkeiten und so weiter."
Anpassungsbereit, geschwächt und aufopferungs
voll erfüllte sie die Erwartungen der Umwelt. ,,Für alle
Beziehungsschwierigkeiten habe ich mich verantwortlich
gefühlt." Sogar für eine Krankheit ihres Bruders fühlt sie
sich (unbewusst) schuldig.
In der Therapie beginnt sie sich von der verhängnis
vollen Identifikation mit dem Sündenbock zu lösen. Sie
distanziert sich von der bigotten Mutter, die in ihr Leben
und die Kindererziehung eingreift. Sie löst sich von der
erhaltenen, im Religionsunterricht wiederholten Vorstel
lung von Christus als Märtyrer.

«In Konfliktsituationen sind Schulddiskussionen
prinzipiell kontraproduktiv. Nur zwei Fragen
sind weiterführend: Was kann man tun, um das
Problem zu lösen? Was kann man tun, damit es
nicht wieder auftritt?»
Öfters will sie die Therapie abbrechen: Sie kommt in
Konfliktsituationen mit ihrem Selbst- und Fremdbild.
Wir arbeiten an ihrem Selbstwert, ihrem Selbsthass,
ihrem Perfektionismus, an der Entfaltung ihrer Krea
tivität, an der Heilung ihrer verwundeten Kinderseele.
Zunehmend wächst ihre Selbstachtsamkeit. Sie beginnt
sich selbst zu spüren, nicht nur über Schmerz und Leid.
Immer weniger konzentriert sie sich auf die vermeintli
chen Erwartungen der anderen und der Außenwelt.
Mit der Wahrnehmung ihres eigenen Erlebens
wächst die Bereitschaft nach dem eigenen Wollen, den
eigenen Bedürfnissen und Zielen. Sie erkennt ihre Be
reitschaft, Leiden anzunehmen, dem verdammenden
Ankläger in sich zu folgen, ihren Stolz, ihre unbehagliche
Strenge gegen sich selbst.
Sie kann ihre Schutzmaßnahmen ablegen, riskiert
Veränderungen, nimmt ihre Weiblichkeit an. Sie fühlt
sich freier und ohne Scham. Ihre Stimme, ihre Haltung,
ihr Auftreten verändern sich. Sie trägt eine neue Frisur
und mehr Kampfbereitschaft in die Welt, die sich zuneh
mend vergrößert. Sie beginnt sich selbst zu lieben. Ihr
Muster, die Opferrolle anzunehmen und sich masochis
tisch aufzuopfern, wandelt sich zugunsten von Stärke,
Autonomie und Selbstbestimmung.
Die Genesung schreitet weiter voran. Die Therapie
dauert schon mehr als drei Jahre. Es gibt wöchentlich
eine Sitzung, verbunden mit Übungen, kreativen Aufga
ben und Verhaltenstraining in den Intervallen. Sie been
det die Therapie mit Zuversicht.
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