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Jüdisches Echo 2017

Seite 83 Jüdisches Echo 2017Als Sicherheitsmann auf dem Zwi-Perez-Chajes-Campus

Zum Argwohn genötigt ... ,,Was sind das für besch... Zeiten, in denen dir automatisch jemand verdächtig ist, der orientalisch aussieht und Kopftuch oder Bart trägt?", schießt
mir der Gedanke durchs Hirn, ,,die Eltern haben dich anders
erzogen." Doch jetzt ist weder Zeit noch Ort für Reflexionen. In einer schier endlosen Autokolonne bringen Eltern
ihre Sprösslinge zu Kindergarten und Schule. Alle müssen
anhalten, damit ich einen prüfenden Blick ins Wageninnere werfen kann ein Terrorist könnte Geiseln genommen
haben. Aber nein, da sind bloß fröhlich winkende Kinder. Ich

Sportfest auf dem ZPC-Campus: Fröhliche Jugendliche

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erwidere ihren Gutenmorgengruß und gebe den Weg frei.
Lieferanten und Servicefirmen treffen ein, auch sie müssen
sich dem Kontrollprozedere unterziehen.
Ein Mercedes, schwarz getönte Scheiben, rollt auffällig langsam vorbei. Der Fahrer, wegen seiner struppigen
,,Matratze" im Gesicht kaum zu erkennen, blickt herüber.
Werden wir ,,nur" beobachtet oder schiebt sich gleich der
Lauf einer todbringenden Waffe aus einem Fensterspalt?
Mein Blick ist fokussiert, die Hand am Funkgerät ... Der
Mercedes entfernt sich, der Bärtige gibt Gas. Kurz darauf
geht schon eine Nachricht mit Fahrzeugbeschreibung samt
Kennzeichen an andere jüdische Objekte.
Mist ­ neben dem Eingang liegt plötzlich ein einsamer
Rucksack. Hat man etwas übersehen? Doch schon eilt die
angehende Maturantin, die ihren Ranzen abgelegt hatte,
mit schuldbewusster Miene zurück. Allgemeines Aufatmen.
Mit Ausnahme einiger Nachzügler sind jetzt mehrere
hundert Kinder und Jugendliche sicher in ihren Klassen
verstaut. Auch bei der U-Bahn-Station ist heute alles ruhig
geblieben. Nicht erst einmal wurden dort Volksschüler mit
,,Kippa" von türkischstämmigen Halbwüchsigen angepöbelt.
Ein Krankenwagen des Samariterbundes bleibt stehen, um
einen Bewohner des Pensionistenheimes abzuholen. Auch
die Sanitäter müssen sich einer Musterung unterziehen.
Schon viertel zehn! Ehe ich meinen Dienst für heute beende, kontrolliere ich noch, zum Missvergnügen des Fahrers,
sorgfältig das Innere eines Busses sowie dessen zahlreiche
Hohlräume, um sicher zu sein, dass kein heimtückisch platziertes Semtex-Paket dem Tagesausflug des Kindergartens
ein jähes Ende bereitet.
Bad news. Auf dem Weg in die Redaktion besorge ich
mir die Gratiszeitungen. Überfliege die Berichte über eine
Demonstration türkischer Faschisten, die Israel-feindliche
Kundgebung zum ,,Al-Quds-Tag", die jüngsten Provokationen
rechtsradikaler ,,Identitärer" und grauenvolle Anschläge des
,,Islamischen Staates". Angekommen, befestige ich mein
Fahrrad an einem Laternenmast. An ihm prangt ein frischer
Kleber mit einem knallroten Davidstern und ekelhaft judensowie fremdenfeindlichem Text. Gilt das gezielt unserer
Zeitung? Das Zeug klebt bombenfest, unmöglich abzulösen.
Auch recht, ich werde mich an den Anblick gewöhnen, wie
an so manche einschlägigen Graffiti und Schmierereien.
Das Handy vibriert. Ein Kollege unterrichtet mich, dass
der Fußballklub um Sicherheitskräfte für Spiele seiner
Nachwuchsteams gebeten hat, nachdem es mehrfach zu
Drohungen bis hin zu Gewalttätigkeiten seitens türkischer
Spieler und deren Eltern gekommen war. Das ist noch nicht
alles: Vor ein paar Tagen wurden jüdische Mädchen von
,,mediterranen" Typen angesprochen und nach ihrer orthodoxen Schule ausgefragt.
Die nachmittägliche Zeitungslektüre im Stammcafé verläuft
auch nicht erbaulicher, Fußballberichte ausgenommen.
Rechtsradikale Parteien und Nationalisten in ganz Europa
liefern Schlagzeilen und veranlassen Experten zu tiefschür-

DASJÜDISCHEECHO

J U KO, Al be r t S t e rn

Sieben Uhr zehn, per Rad unterwegs in der Prater-Hauptallee. Zwanzig Minuten entspannt strampeln, Gelegenheit, den
kommenden Tag zu überdenken. Beim Campus der Kultusgemeinde angelangt, lege ich den Schalter um und konzentriere mich ausschließlich auf meine Rolle als gestrenges
Sicherheitsorgan. Und schon geht's los. Wieso erscheinen
eigentlich Schüler schon eine gute halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn? Mir ist das in elf Jahren Schule nie passiert ...
Ein Pulk sich angeregt und fröhlich unterhaltender SchülerInnen kommt heran. Ich blicke in junge, offene Gesichter
voll Lebensfreude. Teenager wie Erstklassler grüßen und
schenken uns, ihren Freunden des ,,Bitachon" (,,Vertrauen",
die für den Schutz sorgen ­ Anm.), ein herzliches Lächeln.
Mein täglicher Motivationsschub!
Aufmerksam achte ich auf mir unbekannte Besucher,
die angehalten und höflich, aber bestimmt einer peniblen
Befragung sowie Ausweis- und Gepäckskontrolle unterzogen
werden. Zwei schwarze Gestalten, offensichtlich Muslimas,
kommen näher. Irgendwie seltsam, dass sie nicht miteinander sprechen. Beide voluminös, eingehüllt in lange, weite
Gewänder, die Köpfe teilverhüllt. Sind sie tatsächlich so
wohlbeleibt? Oder verbirgt sich unter der Burka, Abaya oder
wie die Tracht auch immer heißt, ein Messer oder Sprengstoffgürtel? Sie schlendern vorbei, ohne uns Beachtung zu
schenken, verschwinden um die Ecke, verfolgt von bohrenden Blicken der Kollegen ...

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