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Jüdisches Echo 2017

Seite 82 Jüdisches Echo 2017nischen Zeiten das Gefängnis errichtet worden ist. Von
einer fünf Meter hohen Steinmauer umgeben sind die
beiden Zellenblöcke mit jeweils 340 Zellen, in denen die
Männer untergebracht werden. Jede der nur etwa vier
Quadratmeter großen Zellen mit vergitterten, aber nicht
verglasten Fenstern, ausgestattet mit einer Hängematte,
wird von einem Mann belegt. Es gibt auch einige we
nige Doppelzellen. Als Lichtquellen dienen Kerzen und
Öllampen. Erst viel später kommen einfache Schränke,
Betten, Tische und Sessel. Immerhin sind die Zellentü
ren nicht abgeschlossen, die Internierten dürfen sich in
nerhalb ihres Zellenblocks frei bewegen.
Im Frauenlager, außerhalb des eigentlichen Ge
fängnisses gelegen, von diesem streng abgeschirmt und
gleichfalls von einer hohen Betonmauer umgeben, sind
zahlreiche Baracken errichtet worden. Bis zu fünfund
zwanzig Menschen müssen sich einen Raum teilen. Pri
mitive Betten und Schränke, Letztere müssen sich je zwei
Frauen teilen, sowie grob gezimmerte lange Bänke sind
das Mobiliar. Während der heißen Jahreszeit heizen sich
die Wellblechdächer auf und verstärken die für Europäer
ohnedies nahezu unerträgliche Hitze noch. Während der
Regenzeit prasselt der Regen auf die Dächer und erzeugt
einen Lärm, der jede Unterhaltung in normaler Lautstär
ke unmöglich macht. Häufig auftretende Zyklone sorgen
dafür, dass die Blechdächer des Öfteren davonfliegen.
Die Feuchtigkeit ist enorm, Lebensmittel und Textilien
verschimmeln im Handumdrehen ...
Pro Hütte gibt es eine Dusche und für drei Baracken
zwei Toiletten. Einige Hütten werden im Lauf der Jahre
zu Werkstätten umgebaut, eine dient als Schulgebäude.
Außerhalb des Lagers liegen landwirtschaftliche An
baustätten für Gemüse und landesübliches Obst sowie
das Lagerkrankenhaus. Kommandant, Lagerverwaltung
und -polizei leben und residieren selbstverständlich in
Steinhäusern, desgleichen die Lagerkantine. Begehrt sind
Arbeitsplätze in den fünf Küchen des Lagers.
Die Verpflegung der Internierten ist von Anfang an
nicht bloß eintönig, sondern qualitativ und vor allem
quantitativ ungenügend. Die Folgen sind allgemeine
Unterernährung, unzureichende Versorgung mit Vitami
nen und daraus entstehende Mangelkrankheiten.
Zangengeburt im Lagerspital
Anfangs herrscht strengste Geschlechtertrennung,
Familien und Eheleute dürfen einander nur mit selten
gewährten Ausnahmegenehmigungen besuchen. Es dau
ert nahezu zwei Jahre, bis nach zahlreichen Protesten so
etwas wie Familienleben zugelassen wird und einander
Frauen und Männer zu gewissen Zeiten auf einem spe
ziellen Areal treffen dürfen. 1942 lernen meine Eltern
einander bei einer solchen Gelegenheit kennen und
bekommen letztendlich, wie auch andere, die Erlaubnis

zur Heirat. Im November 1943 komme ich, mittels Zan
gengeburt, im Lagerspital zur Welt.
Dieses ist ständig überbelegt. Sowohl die einhei
mischen Ärzte und Schwestern als auch diejenigen aus
dem Lager tun aufopferungsvoll, was sie können, doch es
herrscht Mangel an Medikamenten und Heilbehelfen aller
Art. 1941 sterben vierundfünfzig Menschen als Folge der
eingeschleppten Typhusepidemie. Später werden die Inter
nierten hauptsächlich von Krankheiten wie Avitaminose,
Dysenterie, Ruhr, Lungenentzündungen und vor allem im
mer wieder Tropenkrankheiten wie Malaria heimgesucht.
Auch Depressionen sind weit verbreitet.
Trotz aller Einschränkungen und kleinlichen Schika
nen entwickelt sich im Laufe der Jahre so etwas wie ein
Lagerleben. Werkstätten entstehen, in welchen mit primi
tiven Werkzeugen und Behelfsmaterialien Gegenstände
für den täglichen Gebrauch hergestellt werden, Kinder
erhalten regelmäßig Unterricht, es gibt Fortbildungskurse
für Erwachsene und kulturelle Veranstaltungen.
Dienstleistungsbetriebe, wie beispielsweise Friseu
re und ein ,,Kaffeehaus", in dem selbst gerösteter Kaffee
und sogar selbst gebackene Mehlspeisen angeboten wer
den, erleichtern das Leben der Internierten ein wenig.
Es gelingt sogar, eine Manufaktur einzurichten, in der
aus Abfällen und Pflanzen Papier hergestellt wird. Auch
Sportarten werden ausgeübt, sofern die Menschen dazu
kräftemäßig und gesundheitlich in der Lage sind. Mein
Vater ist Trainer der Fußballmannschaft. All dies ist die
Initiative und das Werk der Menschen im Lager, deren
Überlebenswille stärker ist als alle Erniedrigungen, Schi
kanen und die zahlreichen Krankheiten, unter denen die
Internierten zu leiden haben.
Aufkeimende Hoffnung
Im Jahr 1943 wird das Lager für lange Zeit hermetisch
abgeriegelt, alle Vergünstigungen und Ausgänge werden
gestrichen. Die Briten verdächtigen Insassen, über Funk
heimlich Kontakt zu japanischen U-Booten hergestellt
zu haben, die vor Mauritius gesichtet wurden. Das Lager
wird mehrfach durchsucht, ,,Verdächtige" festgenommen
und verhört. Selbst gebastelte Radios werden konfisziert,
das Hören von Sendungen der BBC wird streng verbo
ten. Es dürfen nur noch deutschsprachige Sender, also
diejenigen des Deutschen Reiches (!), gehört werden.
Über diese erfährt man von der Niederlage der Wehr
macht in Stalingrad. Erst nach monatelangen Interventi
onen in London normalisiert sich die Lage wieder.
Ab dem Zeitpunkt der alliierten Invasion in der
Normandie, im Juni 1944, ändert sich die Haltung der
Briten allmählich. Das Lagerregime lockert sich ein we
nig, den Internierten wird zu gewissen Zeiten und in
kleinen Gruppen sogar das Verlassen des Lagers gestattet.
So gibt es Gelegenheit, die Insel kennen zu lernen und

Vol.65: BEDROHUNGEN, FEINDBILDER, SÜNDENBÖCKE

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