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Jüdisches Echo 2017

Seite 77 Jüdisches Echo 2017Sie gaben den Ton für die künftige Stimmungslage im
Land vor. ,,Die polnischen Juden sollen nicht nach Öster
reich kommen, wir Österreicher brauchen aber auch die
anderen nicht!", polterte der Volksredner Kunschak unter
dem Beifall Tausender Manifestanten und bekannte stolz
am Ende seiner Brandreden: ,,Ich bin immer ein Antise
mit gewesen und bin es auch heute noch!" Ausländische
Irritationen über diese Äußerungen versuchte Bundes
kanzler Figl mit dem Hinweis zu beschwichtigen, sein
Parteifreund sei ja nicht aus rassischer Gesinnung Antise
mit, sondern lediglich aus ökonomischen Gründen.
Dieser Gründungsvater der Österreichischen Volks
partei durfte davon ausgehen, einer Meinung mit einem
großen Teil seiner Landsleute zu sein. Als die Alliierten
im Mai 1948 eine Meinungsumfrage in den amerikani
schen und britischen Besatzungssektoren Wiens durch
führten, behaupteten ­ Opferdoktrin hin, Opferdoktrin
her ­ immer noch 40,6 Prozent der Befragten, der Na
tionalsozialismus sei ,,eine gute, aber schlecht realisierte"
Idee gewesen. Vierundvierzig Prozent stimmten der Aus
sage zu, die Nazis seien ,,in der Behandlung der Juden zu
weit gegangen, aber irgendetwas musste geschehen, um
sie in Schranken zu halten". Sechsundvierzig Prozent der
Befragten meinten überdies, dass ,,die Juden nicht mehr
zurückkehren sollten".
Bei diesem Bodensatz an unerschütterlichen Men
talitätsmustern wurde der von den Besatzungsmächten
eingeleitete Prozess der Entnazifizierung nicht einmal
halbherzig vorangetrieben. Nachdem das NS-Verbotsge
setz von 1947 die Kategorie der ,,Minderbelasteten" ein
geführt hatte, blieben von den mehr als 500.000 öster
reichischen NSDAP-Mitgliedern (nicht mitgerechnet die
Hunderttausenden von Aufnahmeanträgen, die aufgrund
der Mitgliedersperre der NSDAP nicht mehr berücksich
tigt wurden) lediglich 42.000 registrierungspflichtige Na
zis über, die noch einige Jahre gewisse Einschränkungen
ihrer bürgerlichen Rechte auf sich nehmen mussten. Der
große Rest kam in den Genuss einer Generalabsolution.
Bei den bevorstehenden Wahlen verfügten die Pardonier
ten bereits wieder über das Wahlrecht, wurden von allen
Politikern umworben und bildeten eine eigene Partei, die
auf Anhieb 11,7 Prozent der Stimmen errang. [...]

Lesetipp:
Joachim Riedl
Jüdisches Wien
Die Geschichte des Wiener
Judentums bis heute
Brandstätter Verlag Wien
www.brandstaetterverlag.com

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Als dann Leopold Figl am 15. Mai 1955 ,,Österreich
ist frei!" vom Balkon des Schlosses Belvedere rufen
konnte, schwante der kleinen Kultusgemeinde, dass sie
in dieser Stunde ihre letzte Schutzmacht verloren hatte.
Nun werde Österreich darangehen, ,,die gesamte Besat
zungshypothek abzubauen", wurde befürchtet. Gemeint
waren die zahlreichen Gesetze zur Entnazifizierung,
Wiedergutmachung oder Demokratisierung, die in den
vorangegangenen Jahren ausschließlich auf alliierten
Druck hin erlassen worden waren. Tatsächlich stellten
die Volksgerichte zur Ahndung von NS-Verbrechen
unverzüglich ihre Tätigkeit ein (in den zehn Jahren zuvor
waren 13.852 Urteile ergangen, darunter dreiundvierzig
Todesurteile, von denen dreißig vollstreckt wurden). Die
meisten Verurteilten, die sich noch in Haft befanden,
wurden ohne großes Aufsehen begnadigt. Eine General

«Als dann Leopold Figl am 15. Mai 1955 im
Schloss Belvedere ,,Österreich ist frei!" rufen
konnte, schwante der kleinen Israelitischen
Kultusgemeinde, dass sie in dieser Stunde ihre
letzte Schutzmacht verloren hatte.»
amnestie tilgte jeden Makel einer Nazi-Vergangenheit,
auch Massenmörder wurden freigesprochen und auf den
Schultern ihrer Anhänger aus dem Schwurgerichtssaal
getragen, die Blutrichter unter dem Hakenkreuz durften
wieder Urteile fällen, nun eben im Namen der Republik.
Die alten NS-Eliten aus Verwaltung, Wirtschaft, For
schung oder Lehre tauchten wieder aus ihrer Versenkung
auf und rückten in einflussreiche Positionen hoch, sogar
ein Hilfsfonds für vermeintliche ,,Opfer der Entnazifizie
rung" wurde eingerichtet.
Die kleine jüdische Gemeinde in Wien konnte bei
dieser endgültigen Entsorgung der Vergangenheit nur
hilflos zusehen. Die Welt glühte im globalen Konflikt
der ideologischen Blöcke. Was sich in einem hintereuro
päischen Winkel namens Österreich zutrug, kümmerte
niemanden. Juden verfügten über keine Stimme in die
sem sehr eigenwilligen Selbstreinigungsprozess, schon
allein deshalb, da sie ,,infolge ihrer so geringen Zahl we
der einen politischen noch einen wirtschaftlichen noch
einen kulturellen Faktor" darstellten, wie die GemeindeFunktionäre erkennen mussten: ,,Die Juden in Österreich
sind den politischen Parteien unbequem, da ja durch ihr
bloßes Vorhandensein das von allen Parteien angestrebte
gute Verhältnis zu den ehemaligen oder auch unverbesser
lichen Nationalsozialisten gestört wird."
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Aus dem Kapitel ,,Wien retour" des Buches ,,Jüdisches Wien"
von Joachim Riedl, mit freundlicher Genehmigung des
Autors veröffentlicht.
DASJÜDISCHEECHO

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