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Jüdisches Echo 2017

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pa hierher käme und sich hier etablierte, während unsere
eigenen Leute Arbeit brauchen."
Das Problem bestand noch viele Jahre. Wien war ein
Knotenpunkt, an dem sich Flüchtlingsrouten quer durch
den verwüsteten Kontinent trafen. Im Mai 1947 beschäf
tigte der Zustrom, der nicht abebben wollte, beispiels
weise auch das Regierungskollegium von Bundeskanzler
Figl. ,,Der Zuzug aus Ungarn und Jugoslawien hält an",
berichtete Innenminister Helmer in einer Kabinettssit
zung. Es seien vor allem rumänische Juden, die daheim
ein Pogrom befürchteten und über Ungarn in den Westen
flüchten würden. Tatsächlich handelte es sich um Hun
gerflüchtlinge, die der Minister mit jenen Abertausenden
Juden aus Polen verwechselte, die im Jahr zuvor nach ei
nem Pogrom in Kielce in Wien eingetroffen waren.
Die ungarischen Behörden, so klagte Oskar Helmer
in der Regierungssitzung, würden die jüdischen Flücht
linge nicht daran hindern, nach Österreich zu ziehen. Im
Gegenteil, sie lieferten sie sogar Tag für Tag in Zügen im
Burgenland ab, kuppelten die Lokomotiven ab und über
ließen die obdachlosen Passagiere in den Waggons den
überforderten Österreichern: ,,Die Einwanderung hat ei
nen solchen Umfang angenommen, dass zu befürchten
ist, dass ganz Österreich von den Juden überflutet wird."
Die Minister wussten keinen Rat, wie sie mit den uner
wünschten Besuchern umgehen sollten. ,,Uns fehlt es an
Unterkunftsmöglichkeiten", klagte der Kanzler. Aller
dings war das Problem heikel, bestand doch die Gefahr,
dass die internationale Stimmung sich gegen Österreich
wendete, das erfolgreich an seinem Opferimage arbeitete.
,,Wir müssen nun recht vorsichtig sein", ermahnte des
halb Innenminister Helmer seine Kollegen, ,,es bleibt uns
nichts anderes übrig, als dass wir die Juden anständig be
handeln." In seinem Schlusswort fand Leopold Figl, selbst
dem NS-Terror nur mit knapper Not entkommen, einen
tröstlichen Aspekt in der Misere: ,,Es muss doch etwas in
Österreich gut sein, da alle Flüchtlinge nach Österreich
kommen. Darüber muss man wirklich staunen!"
Als einer der Letzten aus dem rumänischen Exodus
erreichte ein junger Dichter aus Czernowitz im Winter
1947 Wien. Er hatte die Deportation in ein Konzent
rationslager in Transnistrien überlebt und war zwei Jah
re in Bukarest als Übersetzter tätig gewesen. Im neuen
Rumänien, wo gerade die Kommunisten die Macht an
sich gerissen hatten, sah er keine Zukunft für sich und
seine Kunst. Er fühlte sich als ,,alter Austriake, und somit
Nichtösterreicher". Wien, der Sehnsuchtsort der deutsch
sprachigen Juden aus den Tagen der Monarchie, erschien
ihm ein erreichbares Ziel zu sein, um sein Dichterleben
fortzuführen. Es gebe nichts in der Welt, erklärte er sei
nen Bekannten, ,,um dessentwillen ein Dichter es aufgibt,
zu dichten". Selbst wenn er Jude sei und die Sprache sei
ner Lyrik ausgesprochen Deutsch: ,,Nur in der Mutter
sprache kann man die eigene Wahrheit aussagen, in der
Fremdsprache lügt der Dichter."

Medizinische Untersuchung im DP-Lager im Wiener
Rothschild-Spital

Wie die meisten der rund 40.000 jüdischen Flücht
linge aus Rumänien hatte er sich zu Fuß auf den Weg
gemacht. Er war nahezu sechs Wochen unterwegs, eine
beschwerliche Wanderschaft, stets in Gefahr, auch noch
der letzten Habseligkeiten beraubt zu werden. Für ein
kleines Vermögen halfen Schmuggler ihm die Grenzen
zu überwinden, auf dem Marsch durch ein winterliches
Ungarn nächtigte er in verlassenen Bahnhofsgebäuden
und Kriegsruinen. Am 17. Dezember 1947 wurde Paul
Antschel im Camp Rothschild registriert. Er trug keine
Identifikationspapiere bei sich, nur einen Rucksack vol
ler Manuskripte und ein Empfehlungsschreiben seines
Mentors, in dem der Neuankömmling dem kleinen Wie
ner Literatenzirkel als ,,der Dichter unserer westöstlichen
Landschaft" angepriesen wurde.
In seinem Rucksack befand sich die Niederschrift ei
nes Gedichtes, das er unmittelbar nach seiner Befreiung
aus dem Konzentrationslager zu Papier gebracht hatte.
Heute ist es das literarische Mahnmal der Shoah schlecht
hin. ,,Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meis
ter aus Deutschland / er ruft streicht dunkler die Geigen
dann steigt ihr als Rauch in die Luft / dann habt ihr ein
Grab in den Wolken da liegt man nicht eng", heißt es in
der ,,Todesfuge". Einige Monate zuvor, als das Gedicht
in rumänischer Übersetzung in einer Zeitschrift in Buka
rest erstmals veröffentlicht worden war, hatte der Dichter
auch zum ersten Mal mit seinem neuen Namen unter
zeichnet: Paul Celan. [...]
Kaum einer der jüdischen Flüchtlinge, die in Wien
oder Österreich gestrandet waren, hegte je die Illusion, er
sei hier willkommen. Schon im Dezember 1945 hatte der
christlichsoziale Veteran und nunmehrige Parlamentsprä
sident Leopold Kunschak erste Protestkundgebungen ge
gen die Anwesenheit der entwurzelten Juden organisiert.

Vol.65: BEDROHUNGEN, FEINDBILDER, SÜNDENBÖCKE

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