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Jüdisches Echo 2017

Seite 75 Jüdisches Echo 2017zu niedriger Miete wohnte? Wer fragte nach den akade
mischen Curricula, die begonnen werden konnten, weil
der jüdische Lehrstuhlinhaber seinen Platz räumen muss
te? Wer fragte je nach all den Aufstiegschancen, die erst
durch die politische Säuberung in den Ämtern, durch
den Krieg und den Holocaust und die Marginalisierung
der alten Eliten ermöglicht wurden? Wer fragte nach den
Gründen des sozialen Aufstiegs, der ohne Hitler nicht
möglich gewesen wäre und von dem noch heute die Kin
der, wenn nicht Enkelkinder profitieren? Wie viele konn
ten überhaupt nur studieren, weil ihr Vater unter Hitler
den ersten Schritt vom Arbeiter zum Angestellten tat?
Wie viele konnten ein Unternehmen führen, weil der Va
ter oder Großvater unter Hitler einen ersten kleinen La
den ,,arisierte"? Wie viele sind in der nivellierten Mittel
standsgesellschaft nur deshalb angekommen, weil Hitler
ihre Väter oder Großväter emporbrachte? Wer überhaupt
nivellierte diese Gesellschaft? ,,Das ist die große, bittere
Pointe", meinte Jessen: ,,Wir leben in der sozialen Groß
skulptur, die Hitler hinterlassen hat. Es betrifft jeden von
uns, es belastet jeden von uns."
Nur in der ersten Schockphase unmittelbar nach der
Befreiung, die allzu viele Österreicher als katastrophale
Niederlage empfanden, konnten jüdische Überleben
de mit ein wenig Mitleid bei der Bevölkerung rechnen.
Bereits im Sommer 1946 hatte sich jedoch die Empfin
dungslage gewandelt. Da wurde beispielsweise der Do
kumentarfilm ,,Die Todesmühlen", der die Gräuel der
Konzentrationslager in drastischen Aufnahmen auf der
Leinwand zeigte, als alliierte Propaganda abgetan, und
einzelne Sequenzen quittierte das Publikum mit ,,Heil
Hitler"-Rufen. Es dauerte nicht lange, bis die antisemi
tischen Klischeebilder zu neuem Leben erwachten. Die
Zeitungen begannen, den weitverbreiteten Schwarzmarkt
und Schleichhandel ,,jüdischen Schiebern" anzulasten.
Brieflich beschwerten sich Bürger bei der Gemeinde
verwaltung, die jüdischen Flüchtlinge seien eine ,,Land
plage", verhielten sich ,,sittenwidrig", es lebten, ,,ohne
wirksame Aufsicht, Männer, Frauen und Mädchen unter
einander", es gehe Seuchengefahr von ihnen aus, sie begin
gen Eigentumsdelikte und Sachbeschädigungen. ,,Wollen
sie etwas von den Einheimischen, so geschieht das in fre
chem, befehlenden Ton und wird das Gewünschte nicht
ausgefolgt, so haben sie die Frechheit, selbst danach zu
suchen", heißt es in einem Protestbrief: ,,Sie herrschen
hier wie in Feindesland." In gewisser Hinsicht waren sie ja
in Feindesland gestrandet. Aber das begriff niemand, der
sich als Hitlers erstes Opfer fühlen wollte, durfte, musste.
In Bad Ischl organisierte die lokale Bezirksgruppe
der Kommunisten sogar eine ,,Hungerdemonstration"
der Stadtbewohner unweit eines DP-Camps, die zu ei
nem antisemitischen Fanal ausartete. ,,Hinaus mit den
Touristen", ,,Die Juden werden fett" oder ,,Hängt die Sau
juden auf", plärrte der Mob. Die österreichische Polizei
schritt erst ein, als Scheiben eingeschlagen wurden. We
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nig verwunderlich, dass die britische Militärverwaltung
in einem telegraphischen Bericht nach London zu dem
Schluss kam, der Antisemitismus sei schon immer fester
Bestandteil der österreichischen Mentalität gewesen, man
müsse ihn gleichsam wie eine Naturgegebenheit akzep
tieren.
Sogar im achten Jahr nach dem Untergang der staat
lichen Ausrottungspolitik lebten die alten Denkmuster
fort. ,,Wir haben uns schon sehr gewundert, als im Zuge
der so genannten Befreiung nicht nur wirkliche Ameri
kaner, sondern auch zahlreiche amerikanisch uniformier
te Leute zu uns nach Österreich kamen, die wir früher
als sehr linksstehende Sozialisten kennengelernt hatten",
geiferte das Parteiorgan der Volkspartei und nahm jene
jüdischen Vertriebenen ins Visier, die im Exil in die U.S.
Army eingetreten waren und nun als Besatzungssoldaten
in ihrer alten Heimat stationiert waren: ,,Alle Achtung vor
dem großen amerikanischen Volk. Keine Achtung aber
für Leute, die niemals Österreicher, niemals Amerikaner,
sondern immer nur Geschäftemacher, Hetzer und Ver
hetzer gewesen und geblieben sind. Wir lassen es uns ein
fach nicht mehr länger bieten, dass Leute, die unser Land
schon öfter ins Unglück getrieben haben, nun wieder das
alte Spiel beginnen."

«In Bad Ischl organisierte die lokale KP-Bezirks-

gruppe eine ,,Hungerdemonstration" der Stadtbewohner unweit eines DP-Camps, die zu einem
antisemitischen Fanal ausartete. ,,Hinaus mit den
Touristen", ,,Die Juden werden fett", plärrte der
Mob.»

Auch österreichische Politiker legten keine Scheu an
den Tag. Der sozialdemokratische Innenminister Oskar
Helmer, sein Leben lang Antisemit, beschwerte sich bei
den Alliierten, die amerikanische Praxis, jüdischen DPs,
die nicht arbeiten würden, spezielle Unterkünfte und
umfangreiche Lebensmittelrationen zukommen zu las
sen, während die hart arbeitenden Österreicher darbten,
würde bei der Bevölkerung bittere Ressentiments näh
ren. Überdies stelle dies geradezu eine Einladung an wei
tere Flüchtlinge dar, nach Österreich zu kommen.
Bei Gelegenheit dieser Aussprache präzisierte Karl
Renner, von den Sowjets als Chef der provisorischen Re
gierung Österreichs ausersehen, vor dem Leiter der angloamerikanischen Kommission, dem britischen LabourAbgeordneten Richard Crossman, einem einflussreichen
Zionisten, die prinzipielle Haltung der neuen Staatsfüh
rung zur Bevölkerungspolitik: ,,Selbst wenn es Platz gäbe,
glaube ich nicht, dass Österreich in seiner jetzigen Stim
mung Juden noch einmal erlauben würde, diese Famili
enmonopole aufzubauen. Sicherlich würden wir es nicht
zulassen, dass eine neue jüdische Gemeinde aus Osteuro
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