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Jüdisches Echo 2017

Seite 69 Jüdisches Echo 2017gen von Venziano sind von 1938 bis 1940 mindestens
2000 Jüdinnen und Juden illegal von Italien nach Frank
reich gelangt. Er geht jedoch davon aus, dass die Zahl
in Wirklichkeit erheblich größer gewesen ist, weil viele
der Geretteten keine Spuren in den Akten der Behörden
hinterlassen haben.8
Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich
stand besonders die Pyrenäengrenze im Brennpunkt der
Fluchtbewegung. Auch zahlreiche prominente Persön
lichkeiten, vor allem Schriftsteller und Künstler, konnten
auf diesem Weg nach Spanien und von dort weiter nach
Portugal und Übersee entkommen. Einige couragierte
Männer und Frauen exponierten sich besonders bei den
Rettungsbemühungen in dieser Region. Die bekanntes
ten waren die österreichische Widerstandskämpferin Lisa
Fittko, der US-amerikanische Journalist Varian Fry und
der portugiesische Diplomat Aristides de Sousa Mendes.
Zu den wichtigsten Unternehmungen zur Rettung
von Jüdinnen und Juden aus dem nationalsozialistischen
Machtbereich zählten die illegalen Schiffstransporte in
das damalige britische Mandatsgebiet Palästina.8
Das Bemühen, eine auch nur einigermaßen verläss
liche Zahl jener Verfolgten zu ermitteln, die sich während
der NS-Zeit auf illegale Grenzgänge eingelassen haben,
scheint zum Scheitern verurteilt zu sein. Das liegt in der
Natur der Sache, handelte es sich doch um streng kons
pirative Unternehmungen, von denen wir vor allem aus
Berichten von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wissen und
die meist nur aktenkundig wurden, wenn sie scheiterten
und die involvierten Personen in die Hände der Behörden
fielen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass auch
zahlreiche Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter versucht
haben, auf diese Weise zu entkommen, ist die Zahl ohne
Zweifel im fünfstelligen Bereich anzusiedeln.
2

Verwendete Literatur:
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Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.)
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1 Zit. in: Unabhängige Expertenkommission Schweiz ­ Zweiter Welt
krieg 2002, S. 154 f.
3 Das hat etwa Hans-Dieter Arntz in seinem Buch über die Fluchthilfe
im deutsch-belgischen Grenzgebiet bei Aachen anschaulich aufgezeigt.
Arntz 1990.
3 Keller 2005, S. 198.
4Keller 2005, S. 212; siehe auch Stefan Keller, »Akte Grüninger.«
Der Flüchtlingshelfer und die Rückkehr der Beamten, in: WOZ (Die
Wochenzeitung), Nr. 4 / 2014, 23. 1. 2014.
5 Zit. in: Capková/Frankl 2012, S. 259.
6 Veziano 2009, S. 64.
7 Veziano 2009, S. 77.
8Auf die sogenannte ,,Alija Bet" kann hier aus Platzgründen nicht
näher eingegangen werden. Siehe dazu die entsprechenden Titel in der
Literaturliste. 2016 ist im Studienverlag das von Victoria Kumar ver
fasste Buch ,,Land der Verheißung ­ Ort der Zuflucht. Jüdische Emig
ration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Paläs
tina 1920 bis 1945" erschienen.

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Fittko, Lisa (1985), Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen
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